Deutsche Suchtexperten fordern, Rauchen als Krankheit anzuerkennen und die Kosten einer Entwöhnungstherapie über die Krankenkassen zu erstatten. Zum Auftakt des Ersten Deutschen Suchtkongresses, der vom 11. bis 14. Juni in Mannheim stattfindet, wiesen die Veranstalter darauf hin, dass auch die Therapie der Alkoholabhängigkeit seit 40 Jahren als erstattungsfähige Leistung gewertet werde.
Der Soziologe Hans Joachim Salize errechnete mit seiner Arbeitsgruppe für Gesundheitsökonomie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, dass eine Kostenerstattung für wirksame Medikamente für die Raucherentwöhnung gut angelegtes Geld sei, mit dem spätere gesundheitliche Folgekosten des Rauchens vermieden werden könnten.
Dass eine Raucherentwöhnung auf Kassenkosten tatsächlich die Erfolgsquote steigern kann, legt unter anderem eine neue Studie von Hermann Brenner und Dorothee Twardella vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg nahe. Einbezogen waren 82 Allgemeinarztpraxen im Rhein-Neckar-Raum. In diesen Praxen wurden sämtliche Raucherinnen und Raucher unter den Patienten von ihrem Arzt angesprochen. Insgesamt 600 Teilnehmer kamen so zusammen.
Nun wurden die Arztpraxen per Zufall einem von vier Entwöhnungsangeboten zugeteilt, das dort dann sämtlichen Rauchern offeriert wurde. Das erste Angebot bestand aus einer ausführlichen Beratung durch den Arzt samt der nachdrücklichen Empfehlung zum Rauchstopp. Angebot Nummer zwei umfasste dieselbe Beratung, doch zusätzlich erhielt der praktizierende Arzt für jeden erfolgreich tabakentwöhnten Patienten eine „Kopfprämie“ von 130 Euro. Das dritte Angebot umfasste wiederum die Beratung sowie – statt der Arztprämie – die Kostenerstattung der unterstützenden Medikamente zur Nikotinentwöhnung an die Patienten. Das vierte Angebot schließlich umfasste alle genannten Leistungen.
Wie sich herausstellte, brachte die reine Beratung wenig: Von den Patienten der ersten Gruppe waren ein Jahr später lediglich drei Prozent rauchfrei. Doch auch die Patienten der zweiten Gruppe hatten dieselbe niedrige Erfolgsquote von drei Prozent – die Prämie für den Arzt brachte also nichts; entgegen dem verbreiteten Klischee sind Ärzte offensichtlich nicht bloß gegen Cash zu einer engagierten Beratung ihrer Patienten zu motivieren.
Wohl aber zog der monetäre Anreiz bei den Patienten, denn die Teilnehmer der dritten Gruppe, deren Rauchentwöhnung von der Krankenkasse finanziert wurde, waren deutlich erfolgreicher: Ein Jahr nach dem Beratungsgespräch waren immerhin 12 Prozent von ihnen rauchfrei. Die Kombination aller Maßnahmen steigerte diese Quote in der vierten Gruppe auf 15 Prozent.
Die Forscher ziehen daraus den Schluss, dass eine bundesweite Kostenerstattung der medikamentösen Ausstiegshilfe zusätzlich zu einem Basistraining für die behandelnden Ärzte die Erfolgrate der Raucherentwöhnung merklich steigern würde. Die Raucherquote in Deutschland, die momentan noch immer bei rund 28 Prozent liegt, könnte damit weiter gesenkt werden.
Kongressleiter Karl Mann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie, betonte, dass die Krankenkassen nach Auffassung der Suchtexperten nicht nur medikamentöse, sondern auch andere Ausstiegshilfen für Raucher finanzieren sollten. Hans-Ulrich Wittchen von der Universität Dresden wies darauf hin, dass jüngst eine große Studie belegt habe, dass verhaltensbezogene Raucherentwöhnungsprogramme ebenso erfolgreich sind wie Hilfen mit Medikamentenunterstützung.
Doch auch allgemeine, breitangelegte Initiativen gegen das Rauchen zeigen mitunter erstaunliche Erfolge. Gregory Connolly von der Bostoner Harvard-Universität verwies auf Erfahrungen im US-Bundesstaat Massachusetts. Mit einer intensiven Kampagne, die unter anderem aggressive TV-Spots gegen das Rauchen sowie eine deutliche Verteuerung von Zigaretten einschloss, konnte dort die Raucherquote um bis zu 50 Prozent gesenkt werden.
An dem Mannheimer Kongress, der von 20 Suchtverbänden veranstaltet wird, nehmen 450 Suchtwissenschaftler und -therapeuten teil. Vorgestellt werden die wichtigsten Ergebnisse des Deutschen Suchtforschungsnetzes, das seit 2001 vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Die Themen der rund 150 Vorträge und Symposiumsbeiträge reichen von Tiermodellen süchtigen Verhaltens über Bevölkerungsstudien zur Verbreitung von Süchten bis hin zu Überprüfungen neuer Behandlungsansätze. Neben substanzgebundenen Süchten wie Alkohol-, Nikotin- oder Drogensucht stehen auch Abhängigkeiten wie die Spielsucht oder das süchtige Essen auf dem Programm.