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Abschied vom ehrbaren Kaufmann

Sind es Krokodilstränen, wenn ausgerechnet Unternehmensverbände nach dem Rücktritt des der Steuerhinterziehung verdächtigen Postchefs Klaus Zumwinkel einen allgemeinen Vertrauensverlust in das Führungspersonal der deutschen Wirtschaft betrauern? Mag sein. Gleichwohl ist die Sorge allzu berechtigt, denn Affären wie diese erschüttern die Geschäftsgrundlage des freien Handels: das Leitbild vom „ehrbaren Kaufmann“.

Eine Forschungsgruppe am Institut für Management der Berliner Humboldt-Universität unter der Leitung von Joachim Schwalbach hat die Entwicklung dieses Leitbildes in der europäischen Wirtschaftsgeschichte zurückverfolgt. Das Projekt ist Teil eines Forschungs- und Ausbildungsschwerpunkts zum Thema „gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen“ (corporate social responsibility). Angesichts der heftigen aktuellen Debatte haben die Forscher nun Ergebnisse dieser Recherche in einem neu eingerichteten Internetportal unter der Adresse www.wiwi.hu-berlin.de/im zusammengestellt.

Das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns sei für die Gegenwart von außerordentlicher Wichtigkeit, so die Wirtschaftsforscher. Es solle Unternehmern und Managern bewusstmachen, dass verantwortungsvolles Verhalten die Grundlage für nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg und für den sozialen Frieden in der Gesellschaft darstelle. Dazu gehörten das faire Verhalten gegenüber Mitarbeitern, Kunden und Geschäftspartnern, die ein „ehrbarer Kaufmann“ auch in heutiger Zeit nach tugendhaften Grundsätzen behandeln müsse.

Das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns definiere kulturelle Leitplanken, die dafür sorgten, dass das unternehmerische Handeln auf der Spur gesellschaftlicher Akzeptanz bleibe. Es bezeichne eine anspruchsvolle Lebensphilosophie für Geschäftsleute. Wirtschaftlichkeit und Moral seien dem ehrbaren Kaufmann keine Gegensätze. Moral im Sinne von Tugendhaftigkeit sei die Bedingung für echte Wirtschaftlichkeit, verstanden als das nachhaltige Schaffen von Werten.

Bereits im Jahr 1340 sprachen Kaufmannshandbücher im mittelalterlichen Italien vom „wahren und ehrlichen Kaufmann“. Ein Kaufmann musste über praktische Grundfähigkeiten verfügen. Sie waren die notwendige Grundlage für seinen wirtschaftlichen Erfolg. Rechnen, Lesen, Sprachkenntnis, Bildung in den Bereichen Warenkunde, Recht, Geografie und Währung wurden ergänzt durch rationale und emotionale Intelligenz, Organisationstalent und politischen Überblick, aber natürlich auch durch ein ausgeprägtes Gewinnstreben.

Doch das allein machte noch keinen ehrbaren Kaufmann aus. Die Ehrbarkeit entstand erst durch sein tugendhaftes Verhalten. Ehre wurde als soziales Kapital verstanden, dessen Wert man steigern oder durch schändliches Verhalten verlieren konnte. Schande war gleichbedeutend mit dem Ausschluss aus der Gemeinschaft. Tugendhaftes Verhalten steigerte die Ehre und damit das Ansehen durch die Mitbürger. Ein ehrbarer Kaufmann tat Gutes, indem er ehrbar wirtschaftete und damit seinen eigenen und den Wohlstand der Gemeinschaft mehrte. Dadurch sicherte er den geschäftlichen Erfolg auch langfristig und über Generationen hinweg.

Grundlegende Tugenden waren im Mittelalter Ehrlichkeit, Vorsicht, Misstrauen, die Wahrung von Geschäftsgeheimnissen, Wagemut im richtigen Moment, Friedensliebe, Ernsthaftigkeit, Höflichkeit, Klugheit, Ordnung, eine gute Erscheinung und eine gute Erziehung. Da Gott in der mittelalterlichen Gesellschaft allgegenwärtig war, wurde er sogar als Teilhaber eingesetzt, der ein eigenes Konto und einen Gewinnanteil bekam, der an die Armen verteilt wurde. Darüber hinaus förderten Kaufleute die Entwicklung der Infrastruktur, und sie beschleunigten die kulturelle Entwicklung der Architektur, der Malerei und des Kunsthandwerks. Sie waren bisweilen auch Geschichtsschreiber, Politiker für ihre Stadt oder Entdecker wie Marco Polo und Christoph Kolumbus.

Der Aufstieg der Hanse in Nordeuropa ist unzertrennlich mit dem Bild des ehrbaren Kaufmanns verbunden. Der lockere hansische Städtebund konnte nur durch gegenseitige Toleranz und die Anwendung des tugendhaften Verhaltens zu geschichtsbestimmender Größe heranwachsen. Noch heute ist der Begriff „ehrbarer Kaufmann“ in Norddeutschland im Umlauf.

Trotz des Bedeutungsverlustes der Religion sei das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns im europäischen Bürgertum bis in die Moderne hinein intakt geblieben, so die Humboldt-Forscher. Und sie empfehlen auch heutigen Unternehmern und Managern dringend, sie mögen „diesem Leitbild des ehrbaren Kaufmanns folgen, es leben und seinen Sinn verständlich machen, damit es auch auf das Verhalten ihrer Mitarbeiter positiv wirkt und die gesamte Gesellschaft stärkt“. Ein frommer Wunsch?

21. Februar 2008
Quelle: idw

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