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Und alle fahren vorbei

Eine Szene wie im Albtraum: Aus heiterem Himmel wird ein Verwandter, Freund oder Sitznachbar bewusstlos. Das Opfer ist nicht ansprechbar, muss eigentlich sofort reanimiert werden. Aber nur etwa zehn Prozent der Notfallzeugen legen tatsächlich Hand an.

„Kippt jemand um, musst du ihm helfen, sonst bist du am Ende mitschuldig, wenn er stirbt“, betont Katharina Wagner, Chefin der Bayreuther Festspiele. Die 30-jährige Regisseurin spricht aus leidvoller Erfahrung. Vor einigen Monaten musste sie miterleben, wie ihr Freund und Kollege während einer gemeinsamen Autofahrt am Steuer einen Herzstillstand erlitt. „Er hat plötzlich geröchelt, ich habe ins Steuer gegriffen, die Handbremse betätigt und den Wagen irgendwie auf der rechten Fahrspur zum Stehen gebracht.“

Wagner hat den Notarzt alarmiert, sich bemüht, den Patienten zu beatmen und Autos anzuhalten. Keiner stoppte. Der Jurist starb. Wagner ist noch heute wütend und entsetzt: „Ich stand winkend im Dunkeln auf der Autobahn, aber die Leute haben nur Lichthupe gegeben – das ist der Hammer!“

Innerhalb von Sekunden mussten diese Menschen entscheiden: Bremsen oder weiterfahren? „Eine derartige Situation ermöglicht es, anonym in der Dunkelheit zu verschwinden“, so Hans-Werner Bierhoff, Sozialpsychologe an der Universität Bochum. „Der Handlungsdruck ist sehr niedrig.“ Mit natürlichem Fluchtinstinkt habe dieses Verhalten aber nichts zu tun. „Hilfreiches Handeln ist in der Evolution sogar angelegt. Es ist keine Erfindung der Menschen, sondern auch im Tierreich zu finden, beispielsweise bei Menschenaffen.“

Doch wir helfen eben nur unter bestimmten Bedingungen. Eine wesentliche Triebfeder für die Hilfsbereitschaft sei die Empathie, erklärt Bierhoff. „Sie ist die Voraussetzung für das Eingreifen in Notfällen.“ Der potenzielle Retter muss dazu veranlasst werden, sich in die Lage des Betroffenen hineinzuversetzen. Durch direkte Instruktionen, so der Sozialpsychologe, „ist die Empathie von Menschen nachweislich gut zu beeinflussen“. Effektiv wären vermutlich schon kurze Fernsehspots mit der Aufforderung: „Versetz dich in die Lage des Opfers!“ Katharina Wagner drückt das drastischer aus: „Hast du selbst einen Herzstillstand, aber alle rennen an dir vorbei, musst du verrecken.“

Tatsächlich sterben allein in Deutschland jährlich etwa 130.000 Menschen am plötzlichen Herztod – auch weil viele Notfallzeugen nur zum Handy greifen und tatenlos auf den Notarzt warten. Dabei kann auch eine fehlerhafte Herzdruckmassage Leben retten. Nichtstun ist der größte Fehler.

„Hilfsbereitschaft im Notfall hängt auch davon ab, inwieweit sich die möglichen Retter für kompetent halten“, erläutert Hans-Werner Bierhoff. Und dabei gehe es um die Selbsteinschätzung. „Fakt ist: Vier Fünftel der Ersthelfer sind Männer.“ Es gelte, das Kompetenzgefühl der Frauen zu stärken, meint der Sozialpsychologe, „denn Frauen unterschätzen ihre Fähigkeiten“.

Von Imke Molkewehrum
2. April 2009

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