Das Verhältnis der Muslime zur deutschen Mehrheitsgesellschaft bleibt zwiespältig. Nach Ansicht vieler muslimischer Autoren ist die westliche Gesellschaft, die man immer noch als Kolonialmacht wahrnimmt, zu konsumorientiert, sexuell zu freizügig, egoistisch und abweisend. Sie erscheint als eine kalte Leistungsgesellschaft.
Zu diesem Ergebnis kommt eine empirische Studie von Silvia Kaweh, die im Januar 2006 als Buch erscheinen wird. Die Jenaer Religions- und Islamwissenschaftlerin hat erstmals deutschsprachige, von muslimischen Organisationen herausgegebene Zeitschriften und Bücher jenseits des Schulunterrichtes untersucht. Kaweh nutzte dafür moderne computerunterstützte textanalytische Methoden.
„Die meisten der untersuchten muslimischen Autoren entwerfen ein Selbstbild, das auf der Gewissheit basiert, der besten und ausgereiftesten Religion anzugehören“, meint Kaweh. Die Basis für einen Dialog oder sogar Trialog mit Judentum und Christentum auf der Grundlage der gemeinsamen abrahamitischen Tradition ist zwar vorhanden. Er gestalte sich aber nicht immer einfach, da die Schriften häufig Sure 3, Vers 110 des Korans zitieren. In dieser Sure werden Muslime als „die beste Gemeinschaft unter den Gläubigen“ angeredet.
Mit dieser Position verbinden die Autoren allerdings gleichzeitig hohe moralische Anforderungen an einen „idealen Muslim“. Ethische Grundwerte und ein friedvolles Miteinander werden immer wieder besonders hervorgehoben. Die Reflexion über die Verantwortung eines Muslims gegenüber seinen Mitmenschen, Gottes Schöpfung und Gott gegenüber sowie seine Selbstverpflichtung zu guten Taten scheint den Autoren wichtiger zu sein als rituelle Verpflichtungen.
„Dennoch sollten diese Ergebnisse nicht dazu verleiten, gleich einem ‚Euro-Islam‘ das Wort zu reden“, betont Kaweh. Die Schriften erlauben laut ihren Analysen nicht die Schlussfolgerung, dass der Pflichtcharakter zugunsten eines individuell verantworteten Islam in den Hintergrund getreten sei, wie dies andere Studien behaupten.
Zudem zeigen die muslimischen Autoren noch starke Vorbehalte gegen eine Privatisierung von Religion, die kennzeichnend für die westliche Gesellschaft ist. Infolgedessen stellt man den Westen oft unter den Generalverdacht, nicht wertorientiert, sondern aus rein materialistischen Beweggründen zu handeln. So fühlen sich die deutschen Muslime auch grundsätzlich von gläubigen Christen besser verstanden als von der als areligiös wahrgenommenen Gesellschaft als ganzer.
Wenn in den untersuchten Werken ein theoretisches Gesellschaftsmodell entworfen wird, dann meist als Gegenentwurf zum nichtislamischen Westen. „Man kann durchaus feststellen, dass eine Selbstdefinition meist nur in Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft erfolgt. Muslime fühlen sich anscheinend immer noch zu sehr in die Defensive gedrängt“, schlussfolgert Kaweh. Eine Bestandssicherung bestimmter muslimischer Werte sei das Ziel vieler Autoren. Dies behindere zur Zeit noch einen Modernisierungsprozess.
Heute leben zirka 3,2 Millionen Muslime in Deutschland. Davon sind rund 2,4 Millionen türkischer Nationalität. 950.000 Muslime besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit. Die Zahl deutschstämmiger Muslime wird auf 14.300 geschätzt.