Für muslimische und jüdische Jugendliche hat die Religion heute eine weitaus stärkere Bedeutung als für christlich getaufte junge Leute, insbesondere protestantischer Konfession. Dies ist das Ergebnis einer empirischen Jugendstudie, die eine internationale Forschergruppe um den Würzburger Religionspädagogen Hans-Georg Ziebertz in zehn Ländern Europas sowie der Türkei und Israel durchführte. Befragt wurden insgesamt 10.000 Jugendliche.
In der nun vorgelegten Religionsstudie geht es unter anderem um die persönliche religiöse Praxis, um Religion in der Familie, Religionsunterricht, den Gottesglauben, um das Verhältnis zu den Religionsgemeinschaften sowie um Probleme des religiösen Pluralismus und die Beziehung der Religionen untereinander. Die Studie zeigt nicht nur große Unterschiede in den religiösen Einstellungen zwischen christlichen, jüdischen und muslimischen Jugendlichen, sondern auch zwischen den beteiligten Ländern.
Die stärkste Religiosität haben muslimische Befragte aus der Türkei, gefolgt von Jugendlichen jüdischen Glaubens in Israel und mit kleinem Abstand Jugendlichen aus traditionell katholischen Ländern wie Polen, Kroatien und schließlich Irland. Jugendliche aus protestantischen Ländern – etwa Finnland und Schweden – zählen wie Jugendliche aus Deutschland und Großbritannien zu den „schwach religiösen“. Jugendliche aus den Niederlanden haben die geringste Religiosität.
Für Ziebertz bestätigen diese Befunde frühere Untersuchungen: „Islam und Judentum haben nach wie vor einen großen Einfluss auf junge Menschen, während die Bindungskraft des Christentums in Europa vergleichsweise schwach ist.“ Nachhaltige religiöse Erziehung in der Familie ist in der Türkei und Polen am ausgeprägtesten. 80 Prozent der Befragten geben an, in einem religiösen Elternhaus aufgewachsen zu sein und den Glauben der Eltern fortsetzen zu wollen. Dies sagen nur 22 Prozent der deutschen Jugendlichen. In der Türkei ist 84 Prozent der Eltern wichtig, dass die Kinder ihren Glauben übernehmen; dasselbe gilt für 60 Prozent der polnischen, aber nur für nur neun Prozent der deutschen Eltern.
„Damit ist klar“, so Ziebertz, „welche Religion sich in welchem Land die besten Voraussetzungen verschafft weiter zu bestehen.“ Religionsunterricht, der in den jeweiligen Glauben einführt, wünschen sich Jugendliche am stärksten in der Türkei, Polen, Kroatien und Irland, während ein solches Unterrichtsziel von den Schweden, Niederländern und Deutschen am meisten abgelehnt wird. Zugleich meinen alle Jugendlichen mit Ausnahme der niederländischen, dass Religion keine überholte Sache, sondern in einer modernen Welt durchaus wichtig sei. Vor allem hervorgehoben wird die Funktion der Religion bei der Begleitung von Menschen, aber auch die öffentliche Stimme der Religionsvertreter bei gesellschaftlichen Fragen.
„Die bevorzugte Gottesvorstellung europäischer Jugendlicher ist der Deismus“, so Ziebertz. Der Deismus repräsentiere ein Gottesbild, bei dem Gott eine ferne und abstrakte Kraft sei. „Das ist mehrheitlich nicht der Gott, dessen Menschwerdung Christen an Weihnachten feiern.“ Für Ziebertz handelt es sich mehr um eine Idee, eine Art Philosophie, um sich die Welt zu erklären, weniger jedoch um einen Glauben in traditionellem Verständnis.
Die befragten Jugendlichen lehnen mehrheitlich die Vorstellung ab, dass eine Religion, und zwar die eigene, anderen Religionen überlegen sei. Eine Ausnahme sind junge Katholiken in Polen, jüdische Befragte aus Israel und vor allem muslimische Jugendliche aus der Türkei. Die Studie zeigt, dass Religion im zusammenwachsenden Europa sehr unterschiedlich ausgeprägt ist und gelebt wird.