Beim Halbfinale Deutschland gegen die Türkei war es wieder soweit: Randalierer beschädigten Dönerbuden in Dresden, Rechtsradikale skandierten rassistische Parolen beim Fanfest in Hannover. Einer Studie der Universität Leipzig zufolge sind solche Ausschreitungen nur die Spitze eines Eisbergs: In Deutschland sind ausländerfeindliche Einstellungen weitverbreitet, und gleichzeitig herrscht eine geringe Wertschätzung der Demokratie, so die Forscher.
Mit ihrer Studie schließen sie an eine Befragung von 5000 Bundesbürgern aus dem Jahr 2006 über rechtsextreme Einstellungen an. Aus dieser Gruppe luden die Wissenschaftler nun 150 Teilnehmer unterschiedlicher sozialer Herkunft, Generation und Berufstätigkeit zu bundesweit zwölf Gruppendiskussionen über dieses Thema ein.
Dabei zeigte sich, dass ausländerfeindliche Ressentiments in der Bevölkerung offenbar weiter verbreitet sind, als bisher angenommen. „Sie wurden in allen Diskussionen mit besorgniserregender Selbstverständlichkeit geäußert – auch bei Personen, die in der der ersten Studie nicht durch rechtsextreme Einstellungen aufgefallen waren“, sagt Oliver Decker, einer der beteiligten Forscher von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie.
In der Auswertung der Diskussionen brachten die Wissenschaftler die politischen Aussagen der Teilnehmer auch mit deren Persönlichkeit und Lebenslauf in Zusammenhang. Demnach haben autoritäre Denkstrukturen und Gewalterfahrungen eine hohe Bedeutung bei der Herausbildung rechtsextremer Einstellungen. „Umgekehrt wirken die Fähigkeit zur Empathie und die Erfahrung von Anerkennung als Schutz davor“, so Decker.
Außerdem herrsche in der Bevölkerung ein großes Unwissen über die Möglichkeiten der Mitwirkung in einer Demokratie, verbunden mit einer Geringschätzung des demokratischen Systems an sich. Es werde nur insoweit akzeptiert, wie es individuellen Wohlstand garantiere. „Erschreckend war für uns, wie gern die Befragten auch die bescheidenste Demokratie gegen autoritäre Strukturen eintauschen würden, in denen vermeintlich Ordnung, Ruhe und Chancengleichheit herrscht.“
Viele der jungen Leute hofften auf „irgendeinen Führer“, weil es so nicht mehr weitergehen könne, die Teilnehmer mittleren Alters hätten resigniert und meinten, Politik sei ohnehin nur Lug und Trug. Die Älteren hingegen glorifizierten die klaren Regeln ihrer Jugend – etwa die Umstände in der damaligen DDR oder in der Nazizeit.
Die weite Verbreitung rechtsextremen Gedankengutes auch noch ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende erklären die Forscher mit der „narzisstischen Plombe“: Der mit dem sogenannten Wirtschaftswunder in Westdeutschland schnell einsetzende Wohlstand habe weder für Nachdenklichkeit noch für Scham Raum und Zeit gelassen.
Diese Tendenzen zeigten sich auch bei den Teilnehmern der Diskussionen: Eine Verweigerung der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit förderte eine rechtsextreme Einstellung, während sowohl eine inhaltliche als auch emotionale Beschäftigung mit dem Thema rechtsextreme Einstellungen eher bremste.
Im Osten Deutschlands vollziehe sich nun eine gewisse Wiederholung der Geschichte: Nach der Wende hätten sich auch viele Ostdeutsche eine ähnlich positive Entwicklung wie zur Zeit des Wirtschaftswunders erhofft, so die Forscher. Sie beantworteten die Enttäuschung dieser Erwartung nun mit Politik- und Demokratieverdrossenheit. „Immer dann, wenn der Wohlstand als Plombe bröckelt, steigen aus dem Hohlraum wieder antidemokratische Traditionen auf.“