Immer wieder machen Amokläufe von Jugendlichen wie die in Littleton, Erfurt oder im finnischen Tuusula Schlagzeilen. Schnell stehen die Medien dann unter Verdacht, für derartige Taten die Vorlage geliefert zu haben. Volker Ladenthin von der Universität Bonn und sein Team wollten deshalb ganz konkret untersuchen, inwieweit die Vorstellungskraft von Heranwachsenden durch die Medien geprägt ist.
Dazu haben die Forscher Schülerinnen und Schülern der Klassenstufen 7 und 8 ein Märchen vorgelegt, zu dem sie einen Schluss erfinden sollten. „Die Königstochter und das Zauberschloss“ hieß die Geschichte, worin eine Prinzessin von einer Hexe gefangen genommen wurde. Die Wissenschaftler führten ihr Experiment an reinen Mädchen- und Jungenschulen durch, und zwar sowohl an Gymnasien als auch an Realschulen. Insgesamt 125 Schülerinnen und 155 Schüler nahmen teil.
Das Ergebnis: Viele der Kinder haben sich merklich von medialen Vorlagen inspirieren lassen. Doch die Fantasien von Jungen und Mädchen unterschieden sich deutlich. Die Jungen fanden oft extrem gewalttätige Enden – zum Teil münden ihre Geschichten in wahre Blutorgien. So kämpfen ihre Helden etwa mit Messern oder Präzisionsgewehren, die Amerikaner werfen die Atombombe, und King Kong trampelt auch schon mal die Königstochter nieder. Die Mädchen befreien die Prinzessin hingegen meist gewaltfrei, nehmen aber Anleihen an einem nicht minder unrealistischen Genre: den romantischen Seifenopern.
Das Experiment zeigt damit direkt, wie sehr Medien die Vorstellungswelt Heranwachsender beeinflussen können. „Das ist eine gefährliche Entwicklung“, warnt Ladenthin. „In der Jugend lernt man das Vokabular, mit dem man die Welt begreift. Wenn darin bestimmte Vokabeln fehlen – Mitgefühl, Liebe, aber auch Mitleid oder Schuld –, führt das zu Defiziten in der Wahrnehmung und in letzter Konsequenz auch im eigenen Verhalten.“
Sind die Jungen mit den brutalsten Märchen also allesamt potenzielle Gewalttäter? Sicherlich nicht, beruhigt Ladenthin, „zumal nicht auszuschließen ist, dass die Schüler sich bei ihren Antworten durch eine besonders blutige Geschichte vor ihren Klassenkameraden profilieren wollten“. Gefährlich werde es aber, wenn positive Alternativbilder fehlten. Er betont, es sei Aufgabe der Schule, solche Gegenbilder anzubieten. „Es gibt genügend Literatur, in der die Charaktere differenzierte Probleme haben und sie auch differenziert lösen. Lehrer können aber derartige Texte nicht im Husch-husch-Verfahren behandeln – sie brauchen Zeit dafür.“
Ladenthins warnendes Fazit: „Medien mögen keine unmittelbaren Wirkungen haben. Sie prägen aber massiv die Fantasie von Heranwachsenden und legen dadurch fest, in welchen Kategorien diese später handeln.“