Stress ist schlecht für Lust und Liebe. Das erzählen uns Psychologen und Sexualtherapeuten seit Jahren landauf, landab in allen Medien. Angesichts des Schreckens, den die katastrophale Wirtschaftslage zurzeit verbreitet, könnte man annehmen, unser Liebesleben befinde sich ebenso in einer Rezession. Doch so einfach ist es nicht.
Die amerikanische Anthropologin Helen Fisher von der Rutgers-Universität etwa glaubt an eine liebesförderliche Wirkung des Finanzfiaskos. Ihr zufolge lassen Geldsorgen und die Angst vor Arbeitslosigkeit den Spiegel des Neurotransmitters Dopamin im Gehirn ansteigen – und Dopamin wird mit romantischer Liebe in Verbindung gebracht. „Stress kann bewirken, dass man sich von anderen Personen angezogen fühlt, man ist schlicht empfänglicher für romantische Gefühle“, erklärt sie.
Fisher stützt ihre Annahmen auf eine bekannte Studie aus dem Jahr 1974, bei der männliche Teilnehmer entweder über eine harmlose oder über eine gefährlich wirkende Wackelbrücke gehen mussten. Am Ende der Brücke empfing die Probanden eine attraktive Forscherin – welche die gestressten „Wackelkandidaten“ später als deutlich begehrenswerter einstuften als diejenigen, die sicheren Fußes über die Brücke gehen durften. Offenbar wirkte die Gefahr im wahrsten Sinne des Wortes erregend.
Für einen positiven Effekt der Finanzkrise auf unser Liebesleben sprechen auch die Erfolge von Partnerbörsen im Internet: So verzeichneten die beiden amerikanischen Seiten eHarmony und Match.com in den letzten Monaten eine Zunahme der Zugriffe um bis zu 20 Prozent. Und die Partnerseite für Homosexuelle Manhunt erlebte ihren größten Mitgliederzuwachs am 29. September 2008, dem Tag, an dem der Dow-Jones-Index abstürzte.
Auch Sexshops an so unterschiedlichen Orten wie Amsterdam, New York und China melden Rekordumsätze. Und in einer Umfrage vom November 2008 erkoren über 20.000 Briten und Britinnen Sex zur beliebtesten kostengünstigen Freizeitaktivität.
Es gibt aber auch Gegenstimmen, die dieses Bild vom Liebesreigen in der Krise anzweifeln. Denise Knowles von der britischen Paarberatung Relate etwa beobachtet eher Unerfreuliches: „Die wirtschaftliche Unsicherheit macht den Menschen Angst, viele müssen sich einen neuen Job suchen oder mehr arbeiten, um die Arbeitslosigkeit ihres Partners auszugleichen. Am Ende eines solch langen Tages ist die Lust auf sexuelle Aktivitäten dann eher gering.“
Üblicherweise sinkt auch das Selbstwertgefühl der Menschen in einer Rezession, vor allem bei denen, die tatsächlich ihre Arbeit verloren haben. Dazu kommt, dass viele Menschen einem wirtschaftlich erfolglosen Partner weniger Respekt entgegenbringen. Die Folge von alldem: Die Lust sinkt.
Doch selbst wenn es nicht an Lust mangelt, kann die Liebe unter dem Abschwung leiden, schreibt die englische Psychologin und Paarberaterin Susan Quilliam. Denn die männliche Potenz hänge unter anderem vom Selbstwertgefühl ab, und der sexuellen Erregung der Frau stehe der Mangel an emotionaler und materieller Sicherheit im Wege. Sie verweist auf eine Studie der Universität Newcastle, der zufolge die Partnerinnen wohlsituierter Männer häufiger einen Orgasmus haben als die weniger betuchter.
Quilliam schlussfolgert, dass dieselbe Angst, die uns nach Nähe und Romantik suchen lasse, letztlich den Genuss der Leidenschaft verhindere. – Was Shakespeare über den Alkohol schrieb, könnte also auch für die Wirtschaftskrise gelten: Sie „weckt das Verlangen und hemmt den Vollzug“.