Das bedrohte Paradies

03 / 2014 von:  Ursula Nuber
 

„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.“ Dieser Satz des deutschen Schriftstellers Jean Paul wird viel zitiert. Das ist verständlich. Denn Gedanken an frühere Zeiten faszinieren: Die Frage nach Kindheits- und Jugenderinnerungen bringt fast jeden Menschen zum Erzählen, Paare ergötzen sich am Weißt-du-noch-Spiel, und Großeltern blühen auf, wenn sie ihren Enkeln von „damals“ vorschwärmen.

Unsere Erinnerungen sind eine Ressource von unschätzbarem Wert. Sie prägen unser Selbstbild, sie beeinflussen, ob wir unser bisheriges Leben eher als Tragödie oder als Erfolgsstory erzählen und ob wir zuversichtlich oder skeptisch in die Zukunft schauen. Nicht nur die glücklichen Episoden des Lebens sind dabei sinnstiftend, auch die schmerzlichen enthalten eine Botschaft für uns, die wir für das Heute und das Morgen nutzen können.

Doch „das Paradies“, von dem Jean Paul sprach, ist gefährdet. Das führen all jene Menschen vor Augen, die ihre Erinnerungsfähigkeit verloren haben und unter einer Amnesie leiden. Ein Unfall, ein traumatisches Erlebnis oder Krankheiten lassen die Vergangenheit in einem undurchdringlichen Nebel verschwinden oder machen es den Betroffenen unmöglich, das gerade Erlebte im Gedächtnis zu speichern.

Eine ganz andere, aber deshalb nicht weniger besorgniserregende Form von Amnesie könnte uns allen drohen. Immer öfter warnen Experten vor dem „großen Vergessen“, das nicht nur unser individuelles Leben betrifft, sondern die gesamte Gesellschaft (Seite 64). Der im Juli 2013 verstorbene Daniel M. Wegner, Professor für Psychologie an der Harvard-Universität, bezeichnete das Phänomen als Google Effect. Seine Studien zeigen: Die Merkfähigkeit von Menschen schwindet, weil sie das Erinnern an das Internet delegieren. Wegner befürchtete: Zunehmend würden die Menschen abhängig vom Internet und wüssten immer weniger über Zusammenhänge und die Welt um sie herum.

Wie es scheint, ist unsere Erinnerung ein höchst bedrohtes Paradies, und die Vertreibung daraus hat schon begonnen. Grund genug, sich mit dem faszinierenden menschlichen Gedächtnis intensiv zu beschäftigen und sich bewusstzumachen, von welch unschätzbarem Wert es für uns ist. 

Diesen Artikel:

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Barbara Sichtermann: Viel zu langsam viel erreicht

Über den Prozess der Emanzipation.
Zu Klampen, Springe 2017, 160 Seiten

18 €inkl. 7% MwSt.