Wir müssen loslassen!

11 / 2011 von:  Ursula Nuber
 

Wenn man 20 oder 30 Jahre alte Filme und Fernsehsendungen ansieht, merkt man ihn – den schnellen Wandel der Zeit. Da tippen Kriminalbeamte auf Schreibmaschinen ihre Berichte, telefonieren Kleingangster aus Telefonzel- len, rauchen die Darsteller eine Zigarette nach der anderen, und die Straßen sind vergleichsweise frei von Autos. Computer, Handy, rauchfreie Zonen – Fehlanzeige. Die alten Filme führen uns vor Augen: Das Hauptmerkmal des modernen Lebens ist die permanente Veränderung. Beständigkeit ist eher die Ausnahme. Das gilt nicht nur für unsere äußere Umwelt, sondern gleichermaßen für das Private. Unsere Jugend, unsere Gesundheit, unsere Erfolge, geliebte Men- schen lassen sich nicht festhalten. Panta rhei, alles fließt, weshalb man nicht zweimal in denselben Fluss steigen könne, meinte der griechische Philosoph Heraklit. Oder wie heutige Psychologen es ausdrücken: Wir müssen loslassen!

Gibt man dieses Stichwort bei Amazon ein, erhält man weit über 20 000 Einträge. „Loslassen, damit das Leben weiter- geht“, „Loslassen. Dem Fluss des Lebens folgen“, „Das Geheimnis des Loslassens: Der Schlüssel zu wahrem Glück und innerem Wohlbefinden“, „Leben heißt loslassen“, so oder ähnlich lauten die Titel einschlägiger Ratgeber. „Loslassen“ ist ein beliebtes Thema der Psychoszene. Deren Vertreter suggerieren, dass es gar nicht so schwer ist, das Trennen und Ab- schiednehmen: Reisende soll man ziehen lassen, wer loslässt, hat die Hände frei, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ... Doch anders als diese so frohgemut daherkommenden Botschaften suggerieren, sind das Trennen und der Neube- ginn ganz und gar nicht leicht. Mag sein, dass wir in manchen Situationen das Abenteuer des Neuen sehen und auch ge- nießen können. Doch selbst wenn wir der Veränderung etwas abgewinnen, reagieren wir meist mit Angst.

Denn gleichgültig ob es um die Heirat mit dem (oder die Trennung vom) Traumpartner geht, ob wir die Illusion von immerwährender Gesundheit und Jugend aufgeben müssen, ob wir eine neue, begehrte Stelle antreten und dafür unse- re alte Umgebung verlassen – Veränderungen bringen Turbulenzen mit sich. Sie zwingen uns, den bisherigen Weg zu überdenken und neu zu justieren. Veränderungen machen uns klar, dass unser Leben nicht wie die Kabine einer Seil- bahn ohne Störung von einem starken Schicksalskabel stetig nach oben gezogen wird und wir die einzelnen Lebenssta- tionen sicher erreichen können. Jede Veränderung bringt die Seilbahn erst mal zum Stehen. Unabhängig davon, wie positiv oder negativ man den Wechsel von Alt zu Neu auch bewertet, zunächst hängt man in der Luft und weiß nicht, wie es weitergehen wird, wie lange man in der Schwebe ausharren oder sich gar auf eine Abwärtsbewegung gefasst ma- chen muss. Alles, was man bislang für sicher gehalten hatte, gilt nicht mehr.

Dabei sind nicht unbedingt die Veränderungen selbst – freiwillig gewählte oder aufgezwungene – beängstigend. Was uns Angst macht, ist vielmehr die Einstellung, die wir Neuem gegenüber oft einnehmen. Gedanken wie „Das schaffe ich nicht!“, „Ich überlebe das nicht!“, „Ich weiß nicht, was werden soll“, „Wie soll es nur weitergehen?“ machen den Wechsel zusätzlich schwer. Wer Zweifel an seiner Selbstwirksamkeit hat, wer glaubt, die Kontrolle über die Situation verloren zu haben, wird sich eher an das scheinbar Bewährte und Vertraute klammern. Andere, die wissen, dass sie auch in stürmi- schen Zeiten auf festen Beinen stehen, werden der neuen Herausforderung vielleicht mit zitternden Knien, aber dennoch zuversichtlich entgegenblicken. „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Wind- mühlen“, sagt ein chinesisches Sprichwort. Welches Bauwerk man errichtet, hängt im Wesentlichen davon ab, ob wir grundsätzlich mit Veränderungen in unserem Leben rechnen und ihnen ganz selbstverständlich einen Platz zugestehen.

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