Ein Atemholen der Seele

01 / 2017 von:  Ursula Nuber
 

Diese Ausgabe von Psychologie Heute compact widmet sich einem Gefühl, das meist keine gute Presse bekommt: Melancholie. Über die Jahrhunderte hinweg wird sie mit negativer Stimmung in Verbindung gebracht oder gar als Krankheit angesehen. Vielen galt und gilt sie noch heute als Synonym für Depression, weil sie wie jene als Verweigerung von Leistung und Geselligkeit erscheint, von all dem also, was uns so wichtig ist. 

Aber die Melancholie hatte auch immer schon mächtige Fürsprecher, die geradezu ein Loblied auf diese Gemütslage anstimmten. So sprach Jean-Jacques Rousseau von der „süßen Melancholie“, und zu Beginn der Neuzeit hat der große Albrecht Dürer der Melancholie eines seiner bekanntesten und rätselhaftesten Bilder gewidmet: Melencolia I. Er verlieh einer geflügelten Figur eine Haltung, die wir heute schlichtweg als archetypisch für die Melancholie ansehen: tiefes Sinnieren, den Kopf in die Hand gestützt, und mit einem Gesichtsausdruck in die Ferne – ins Nichts oder ins Innere – starrend, der weder traurig noch froh, weder nur nachdenklich noch nur leidvoll wirkt. Dürer umgab diese Figur mit zahlreichen Symbolen, die auf die Wissenschaften, auf Mathematik, Architektur und Geometrie verweisen. Kugel und Quader sind oft verwendete Urbilder für Endlosigkeit und Begrenzung. 

Die geflügelte menschliche Gestalt hat sich zurückgezogen und ist ganz bei sich. Rolf Haubl, Psychologe am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt, sieht die Figur in einer Entscheidungssituation. „Sie besinnt sich, denkt nach. Ohne Depression, aber in einer melancholischen Haltung, aus der heraus sie ihren Ehrgeiz besänftigt: mit ihrem Turm nicht immer höher hinauszuwollen, sondern sich mit einem nicht perfekten Werk und damit auch mit den Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit zu bescheiden.“ 

Das Innehalten, die Skepsis, das Atemholen der Seele, das in Dürers Bild zum Ausdruck kommt, zeigt: Melancholie ist das Gefühl für die moderne Zeit. Diese Gemütslage ist gerade heute eine wichtige und hilfreiche Abwehrreaktion auf die Beschleunigung, auf den „rasenden Stillstand“, die geschäftige Alternativlosigkeit, in die wir immer wieder hineingezogen werden. Der Melancholiker mag äußerlich als jemand erscheinen, der aussteigt, sich abgrenzt, privatisiert – aber in ihm „arbeitet es“. Er erkennt und anerkennt die Widrigkeiten, gerät deshalb ins Stocken, Grübeln und Überdenken – um sich nach dieser Pause aufzuraffen zu neuen, zu seinen Aufbrüchen. Melancholie ist das Gefühl, das der Kreativität vorausgeht. Dürers Gestalt wirkt auf den ersten Blick resigniert und ins Grübeln versunken – aber sie hat Flügel. 

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