Es gibt ihn, den neuen Mann

04 / 2015
 

"Der Mann". Unter diesem Titel veröffentlichte Psychologie Heute im Jahr 1986 die Ergebnisse einer umfangreichen Studie über das männliche Geschlecht. Die repräsentative Befragung mit Männern aller Altersgruppen erbrachte damals den zentralen Befund:  Den vielbeschworenen „neuen Mann“ gibt es nicht. 1986 sind die Männer zwar verunsichert von den auf den Berufsmarkt drängenden Frauen und deren Unzufriedenheit mit der überkommenen weiblichen Rolle, doch die meisten halten noch an den traditionellen Pfeilern ihrer Geschlechterrolle fest – der Beruf steht im Mittelpunkt, Vaterschaft wird als Freizeitvergnügen betrachtet, Hausarbeit ist ein Fremdwort. Aber es gab schon damals, wenn auch nur am Rande, Hinweise auf einen Leidensdruck. Vom „Hamster im Tretrad“ war die Rede, davon, dass die Erwartungen der Frauen sehr anspruchsvoll seien und viele Bedürfnisse der Männer auf der Strecke blieben. Zu wenig Muße, zu wenig Freude. 

Heute ist die Situation der Männer eher noch schwieriger geworden: Verunsicherung und Leidensdruck haben zugenommen. Im Vergleich zu den Frauen sind Männer in einigen Lebensbereichen sogar die Verlierer: „Das männliche Geschlecht schwächelt“, schreibt Walter Hollstein auf Seite 16 in diesem Heft, „es ist kränker als das weibliche, stirbt früher, bringt sich häufiger um, leidet mehr unter Arbeitsstress, ist suchtanfälliger und bei alledem medizinisch ungenügend versorgt.“ Jungs sind schlechter in der Schule, haben seltener als Mädchen einen Hochschulabschluss vorzuweisen und lernen von klein auf: Big boys don’t cry. 

Es ist ein düsteres Bild, das hier vom männlichen Geschlecht gezeichnet wird. Dennoch hat sich in den letzten drei Jahrzehnten viel bewegt. Männer beschreiben sehr viel offener als früher ihre Probleme und bekennen sich zu ihren Begrenzungen – zum Beispiel was das Thema Gefühle angeht (Seite 8).  Die psychologische und soziologische Forschung entlarvt das Bild vom „starken Geschlecht“ als Mythos und liefert mit ihren Ergebnissen die Basis für einen ehrlicheren – und verständnisvolleren – Umgang zwischen den Geschlechtern.

Natürlich sind viele Ziele noch nicht erreicht. Nach wie vor sind die Alltagslasten ungleich verteilt, nach wie vor verzweifeln Frauen oft an den Rückzugsstrategien mancher Männer, nach wie vor werden Führungspositionen mehrheitlich von Männern besetzt, nach wie vor verdienen sie mehr als Frauen. Und nach wie vor gibt es leider Chauvinismus und Sexismus. 

Doch inzwischen existiert er, der „neue Mann“, dem all das auch nicht mehr gefällt. So ist zum Beispiel eine Stimme wie jene des Journalisten Marc Felix Serrao ermutigend: „Nur weil einer auch einen Penis hat, heißt das noch lange nicht, dass ich auf seiner Seite bin.“

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