Gibt es eine freie Entscheidung?

08 / 2011 von:  Ursula Nuber
 

Das Experiment liegt schon viele Jahre zurück – doch es sorgt nach wie vor für Diskussionsstoff. 1979 bat der amerikanische Physiologe Benjamin Libet seine Versuchspersonen um eine einfache Handlung: Sie sollten auf einen schnell laufenden Uhrzeiger schauen und zu einem beliebigen Zeitpunkt ihre Hand bewegen; dabei zeichnete Libet ihre Gehirnaktivitäten auf. Nach dem Experiment wurden die Probanden gefragt, zu welchem Zeitpunkt sie sich bewusst für die Handbewegung entschieden hätten. Dabei stellte der Wissenschaftler fest, dass der Entschluss erst etwa 550 Millisekunden nach der neuronalen Aktivität im Gehirn gefallen war. Libet schlussfolgerte aus diesem Ergebnis, „dass der Entschluss zu handeln von unbewussten Gehirnprozesses gefällt wird, bevor er als Absicht ins Bewusstsein dringt“. Oder anders ausgedrückt: Wir besitzen keinen freien Willen. Das, was wir als bewusste Handlung wahrnehmen, ist kurz vorher im Gehirn vorbereitet und entschieden worden.

Benjamin Libet stieß mit seinen Arbeiten eine bis heute anhaltende heftige Diskussion an. Auch wenn er in späteren Experimenten ein Zeitfenster fand, das dem Bewusstsein eine kleine Chance gibt, ein Vetorecht gegen eine Handlung einzulegen („Nein, diese Sahnetorte esse ich nicht, sie macht mich dick!“), sind führende Hirnforscher der festen Überzeugung: Der freie Wille existiert nicht, er ist eine Illusion. Für sie sind wir bei unseren Handlungen und Entscheidungen nicht frei, wir haben nur das Gefühl von Freiheit. Nach Sigmund Freud, der uns aufklärte, dass das Unbewusste unser Verhalten, Fühlen und Tun beeinflusst, fügen uns nun Hirnforscher eine weitere Kränkung zu, indem sie den freien Willen infrage stellen.

Nach wie vor ist strittig, ob die Deterministen wirklich recht haben. Die Diskussion darüber ist noch längst nicht abgeschlossen – und wird es wahrscheinlich auch nie sein. Doch davon abgesehen drängt sich die Frage auf: Was hat dieser wissenschaftliche Streit mit unserem Alltag zu tun? Hilft es uns bei schwierigen Entscheidungen, wenn wir davon ausgehen, dass das, was wir für unseren eigenen Willen halten, vom Gehirn bestimmt wird? Können wir dann alle Verantwortung abstreiten, wenn wir eine falsche Entscheidung getroffen oder jemandem durch unsere Handlung geschadet haben?

Ob wir von einer Diktatur des Gehirns ausgehen oder nicht – an der Tatsache, dass uns Entscheidungen schwer- fallen, ja dass Entscheidungsprobleme heute zu einem weitverbreiteten Phänomen geworden sind, ändert sich dadurch nichts. Die Hirnforschung kann wenig zu der Frage beisteuern, warum es in Wahlsituationen oft zu regelrechten Handlungsblockaden kommt und wie diese Blockaden aufzulösen sind. Hilfreiche Antworten hingegen gibt die Psychologie. In dieser Ausgabe von Psychologie Heute compact sind hochinteressante Erkenntnisse der psychologischen Entscheidungsforschung zusammengefasst, die unsere Unsicherheit in Pro-und-Kontra-Situationen mindern und uns Entscheidungssicherheit vermitteln können.

Die Fülle des vorliegenden Wissens zeigt, wie ernst die Psychologie das Thema „Entscheidung“ nimmt und welch wertschätzendes Menschenbild sie dabei zugrunde legt. Sie zeigt uns damit, um welch hohes Gut es sich bei der Entscheidungsfreiheit handelt. Nicht umsonst hat im Christentum der freie Wille einen hohen Wert. Nur ein Mensch, der sich frei entscheiden kann, ist verantwortlich für sein Tun. Anderenfalls gäbe es keine Sünde. Und auch die demokratische Gesellschaftsordnung würde nicht mehr funktionieren, wenn sich Menschen für ihr Tun und Lassen nicht mehr moralisch verantwortlich fühlten.

Wann immer wir über die Qual der Wahl stöhnen oder unter Entscheidungsunfähigkeit leiden – machen wir uns bewusst, dass diese Schwierigkeiten allemal leichter zu ertragen sind als das Gefühl, gar keine Wahl zu haben.

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