Ist das auszuhalten? Ja!

12 / 2012 von:  Ursula Nuber
 

„Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.“ Dieses individuelle Erleben des Schriftstellers und Existenzialisten Albert Camus könnte eine ideale Überschrift über psychologische Erkenntnisse sein, die ein hoffnungsvolles, Mut machendes Bild der menschlichen Seele zeichnen: Ganz offensichtlich besitzen wir nicht nur ein physiologisches Immunsystem, das uns vor Viren und Bakterien schützt; wir haben auch ein psychologisches Immunsystem, das uns ermöglicht, auch dann ja zum Leben zu sagen, wenn dieses es nicht gut mit uns meint. 
Die Trauma- und Resilienzforschung der letzten Jahre belegt eindrucksvoll, dass die Mehrheit der Menschen an Schicksalsschlägen nicht zerbricht. Gleichgültig ob es sich um eine schwere Krankheit, den Tod eines geliebten Menschen oder die Bewältigung von Naturkatastrophen oder Terroranschlägen handelt – die Zahl der Studien, welche die seelische Widerstandskraft belegen, ist inzwischen beeindruckend. Seit sich die Psychologie nicht mehr länger nur der Frage widmet, was Menschen krank macht, sondern sich verstärkt dafür interessiert, was es ihnen ermöglicht, auch unter widrigsten Umständen gesund zu bleiben, gewinnen wir nach und nach ein völlig neues Bild des Menschen: Wir sind stärker, als wir glauben.
Dennoch wünschen und hoffen wir natürlich, dass wir möglichst ohne große Schrammen und „Verwundungen“ durchs Leben kommen. Uns geht es da wie Lucy von den Peanuts, die meinte: „Es gibt im Leben Höhen und Tiefen. Ich will nur die Höhen.“ Doch so sehr uns die modernen Botschafter des Positiven auch davon überzeugen wollen, dass wir, wenn wir das Richtige tun, mit einem Lächeln auf den Lippen durchs Leben kommen – Lucys Wunsch bleibt ein frommer. Denn es gibt „kein sinnvolles Leben, das nicht irgendwelche Opfer verlangt“, meinte Carl Gustav Jung. „Lebt man ein Leben richtig und ganz, dann gerät man immer wieder in eine Situation, bei der man meint: Das ist zu viel. Ich kann es nicht länger ertragen. Dann ist die Frage zu beantworten: Kann man es wirklich nicht ertragen?“
Wir können. Aber dazu ist notwendig, sich von der Happy-go-lucky-Ideologie, von den ständig grinsenden Smileys und von Glückspropheten verschiedenster Provenienz zu verabschieden und sich wieder die unausweichliche Dialektik der menschlichen Existenz ins Bewusstsein zu holen: Gewinne sind ohne Verluste nicht zu haben, auf Freude folgt Traurigkeit, auf Glück das Unglück – und umgekehrt. 
Dass wir die Tiefen des Lebens gerne vermeiden würden, ist klar. Hilfreich ist aber die Erkenntnis, dass wir Krisen und Leid nicht so fürchten müssen, wie wir es vielleicht bisher tun. Forschungsergebnisse wie die des Sozialpsychologen George A. Bonnano (S. 14) sind geeignet, uns Trost zu spenden. Aber auch die Schriften des Philosophen Wilhelm Schmid (S. 8 und S. 90) können uns „erden“. Denn das Glück braucht kein permanentes Hochgefühl, sondern ist verbunden mit „etwas sehr viel Wertvollerem“, wie Schmid erklärt. Nämlich „mit der Gewissheit, dass man sich nicht fürchten muss vor den Wechselfällen des Lebens, dass man vorbereitet ist auf alles, was es für einen bereithält – das Positive wie auch das Negative.“
Von Philosophen, so scheint es, können wir ohnehin einen entspannten, realistischen Umgang mit dem Unglück lernen. Schon Diogenes gab bei großem Verlust diesen Ratschlag: „Weine viel, iss scharf, schlaf viel! Und hab Geduld!“ 

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