Liebe braucht Tiefgang

09 / 2016 von:  Ursula Nuber
 

„Das Gefühl der Liebe ist das höchste Gut im Leben.“ Davon sind die meisten Menschen überzeugt. In einer Befragung des Wissenschaftszentrums Berlin* mit mehr als 3000 Personen hielten jedenfalls fast 90 Prozent diese Aussage für richtig. Dennoch würden nur knapp 30 Prozent der Männer und etwa 25 Prozent der Frauen wichtige Entscheidungen von der Liebe abhängig machen; die Mehrheit lehnt das ab oder ist unentschieden. Ihm zuliebe den Wohnort wechseln, ihr zuliebe auf die nächste Karrierestufe verzichten? Lieber nicht. Weiß man denn, ob die Liebe hält? 

Diese Umfrage zeigt: Das romantische Liebesideal hat noch nicht an Anziehungskraft verloren, aber die rosarote Brille haben Männer wie Frauen in die Schublade gelegt. Eine paradoxe Situation, die für so manche Enttäuschung in Liebesbeziehungen sorgt: Wir sehnen uns nach Nähe, Verschmelzung und Vertrautheit, allein uns fehlt der Glaube. Persönliche Erfahrungen und wissenschaftliche Studien belegen es: Nach kurzem Höhenflug folgt entweder der Absturz, oder die Partnerschaft landet nach einem unspektakulären Sinkflug auf dem harten Boden des Alltags. 

Das kann auch gar nicht anders sein, meint der israelische Philosoph Aaron Ben-Ze’ev: Heftige Emotionen werden geweckt, wenn sich eine Situation verändert. Veränderung aber ist nicht von Dauer. Also müssen auch leidenschaftliche Gefühle nachlassen, sobald in einer Liebesbeziehung alles seinen gewohnten und vertrauten Gang geht. Mit der Liebe zu einem Menschen ist es wie mit der Liebe zu einem Musikstück. Je öfter wir es hören, desto mehr lieben wir es; doch an einem bestimmten Punkt wird es uns zu vertraut und damit langweilig. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die Musik eher einfach ist und zu wenig Komplexität aufweist, wie kalifornische Psychologen in einer Studie feststellten. 

Liebe muss sich also verändern, wenn sie Bestand haben soll. Aaron Ben-Ze’ev unterscheidet zwischen der Phase der„romantischen Intensität“ und der Phase des „romantischen Tiefgangs“. Die erste ist gekennzeichnet durch heftige Emotionen, die zweite durch intensive gemeinsame Erfahrungen, die es jedem der Partner ermöglichen, sich zu entwickeln und aufzublühen. Diesen Tiefgang erreicht eine Partnerschaft, wenn aus dem Miteinanderverschmelzen ein Miteinanderfühlen wird. Wenn der eine dem anderen am Abend erzählen kann, wie sehr ihn die Bemerkung eines Kollegen verletzt hat, dann lässt er den Partner an seinen Gefühlen teilhaben. Emotionales Updating nennt der Paarforscher Guy Bodenmann das (Seite 82). Ärgert sich der Partner dann gemeinsam mit dem anderen, klinkt er sich auf eine Art und Weise in das Gefühl des Partners ein, wie es nur unter Liebenden möglich ist. 

Die dialogische Liebe überlebt, sagt die Basler Philosophin Angelika Krebs. „Liebe ist nicht in den einzelnen Liebenden ‚drinnen‘. Sie ist vielmehr das Haus, das sich die Liebenden zusammen bauen. Liebende teilen das Leben – ihre Gefühle wie ihre Handlungen. Sie verschmelzen nicht in ihren Gefühlen, sie teilen sie.“

*im Auftrag der Wochenzeitung DIE ZEIT

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