Partnerschaft: kein Grund für Pessimismus!

08 / 2012 von:  Ursula Nuber
 

„Es gibt kaum eine Aktivität, kaum ein Unterfangen, das mit so großen Hoffnungen und Erwartungen begonnen wird und das mit einer solchen Regelmäßigkeit fehlschlägt wie die Liebe.“ Diese Aussage traf der Psychoanalytiker Erich Fromm Mitte der 1950er Jahre. Sie erscheint heute aktueller denn je. Hohe Scheidungsraten, über 40 Prozent Singlehaushalte und viele Millionen Partnersuchende im Internet beeinflussen die öffentliche Meinung über Liebe und Partnerschaft zum Negativen. Wenn es um diese Themen geht, sind die meisten Menschen (Frischverliebte ausgenommen) pessimistisch gestimmt. Nicht nur Paar- und Psychotherapeuten, die von Berufs wegen tagtäglich mit enttäuschten Erwartungen und zerplatzten Träumen zu tun haben, auch die Männer und Frauen, die sich ein glückliches Leben zu zweit erhoffen, nähern sich oft mit einer gehörigen Portion Skepsis dem Projekt Liebe. Nicht wenigen ergeht es wie der Schauspielerin Sophie Rois, der es „doch sehr naiv und hanebüchen“ vorkommt, wenn man zu dem ohnehin schon komplizierten Leben eine „ganz irre Liebe“ erwartet. Sie glaubt an die große Liebe „nur als Ausnahme“ und meint: „Wenn wir nicht dauernd Erzählungen über die große Liebe begegnen würden, im Fernsehen und in der Literatur, würden wir auch nicht denken, wir müssten uns dauernd verlieben und unser Leben sei nichts wert, wenn das nicht passiert.“

Ist so viel Pessimismus angebracht? Durchaus, wenn man tatsächlich eine „ganz irre“ Liebesbeziehung erwartet, die noch dazu von Dauer sein soll. Oder wenn man glaubt, eine Partnerschaft sei dazu da, einen permanent glücklich zu machen. Oder wenn man denkt, dass man nur dann liebt, wenn man sich auf Wolke sieben befindet. Wer die anhaltende Leidenschaft erwartet, fühlt sich schnell enttäuscht und betrogen. Konsequenterweise werden Männer und Frauen von Beziehungsexperten aufgefordert, ihre Erwartungen herunterzuschrauben, nicht nach dem perfekten Partner zu suchen, sondern nach einem, der „gut genug“ ist. Paare sollen möglichst dem Ratschlag Erich Fromms folgen, wonach die Kunst des Liebens nur durch Disziplin, Konzentration und Geduld zu erwerben sei. „Vernunftehe“ nennen das heutige Nachfahren des Psychotherapeuten.

Betrachtet man die Fakten genauer, dann kommt der Verdacht auf, dass die meisten Menschen in Sache Liebe für unfähiger gehalten werden, als sie sind. Richtig ist, dass die Scheidungszahlen hoch sind, aber sie haben sich nach einem extremen Gipfel in den Jahren 2003 und 2004 – damals wurden über 213 000 Ehen geschieden – auf ein stabil niedrigeres Niveau mit 187 000 Trennungen im Jahr 2010 eingependelt. Dieser Zahl stehen über 382 000 Eheschließungen im Jahr 2010 gegenüber. Das Leben zu zweit ist also alles andere als ein Auslaufmodell. Hinzu kommt: Auch wer eine Trennung hinter sich hat, gibt in der Regel nicht resigniert auf, wie der Anteil der Wiederverheiratungen unter den im Jahr 2010 geschlossenen Ehen zeigt: Über 62 000 Geschiedene oder Verwitwete wagten erneut das Jawort. „Wer die Ehe erlebt hat, will offensichtlich ohne sie nicht sein“, schreibt Elisabeth Niejahr in der Zeit (11/2012).

Die Normalität ist offenbar anders, als ein publizistischer Alarmismus wahrhaben will. Die meisten Menschen wissen realistisch einzuschätzen, was das Leben zu zweit an Herausforderungen mit sich bringt. Es stimmt: Manchmal fühlen sich Paare davon überfordert – dann kann die Psychologie mit Informationen und Erkenntnissen hilfreich zur Seite stehen. In diesem Sinne sind auch die Artikel in dieser Ausgabe von Psychologie Heute compact zu verstehen: Sie wollen informieren, nicht belehren. Denn Paare können darauf vertrauen, dass sie – „Wir zwei!“ – im Grunde selbst am besten wissen, wie sie die Höhen und Tiefen ihres gemeinsamen Lebens meistern.

Diesen Artikel:

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Wolfgang Schmidbauer: Raubbau an der Seele

Psychogramm einer überforderten Gesellschaft
gebunden, 256 Seiten, oekom Verlag, 2017

22,00 €inkl. 7% MwSt.