Warum es gut ist, Angst zu haben

04 / 2012
 

Als ich Kind war, gab es einen Ort der Angst. Das war der Keller unseres Hauses. Dort lagerten Äpfel und Kartoffeln, und die Einmachgläser meiner Großmutter standen auf wackeligen Regalen schön geordnet. Eigentlich hatte ich im Keller nichts zu suchen. Dennoch schlich ich immer wieder mit schlotternden Knien langsam die Treppe hinunter, nur um dann blitzschnell ans helle Tageslicht zu laufen. Nach überstandenem Abenteuer fühlte ich mich mutig und stark. Intuitiv habe ich als Kind gewusst, dass es wenig Sinn hat, die Angst zu meiden. Indem ich mich ihr stellte, behielt ich die Oberhand. Ich wurde nicht zum Opfer meiner Angst.

Psychotherapeuten versuchen heute, genau diese Erkenntnis ihren Angstklienten beizubringen. Sie erklären ihnen, dass nicht die Angst schlimm ist, sondern dass die „Angst vor der Angst“ das Problem darstellt. Und sie üben mit ihnen, die Angst zu akzeptieren und ihre guten Seiten zu erkennen. Denn: Ein Leben ohne Angst gibt es nicht. Weshalb wir „Methoden, welcher Art auch immer, die uns Angstfreiheit versprechen, mit Skepsis betrachten“ sollten, wie der Psychoanalytiker Fritz Riemann meinte. Für Menschen, die an einer Angststörung leiden, mag das erst recht beängstigend klingen.

Angststörungen werden inzwischen so häufig diagnostiziert, dass Experten bereits von einem „Zeitalter der Angst“ sprechen. Die einen machen den immer stärkeren beruflichen Leistungsdruck dafür verantwortlich, andere sehen im löchrigen sozialen Zusammenhalt eine Ursache, und wieder andere glauben, dass fehlender religiöser Halt für existenzielle Ängste verantwortlich ist. Letzteres ist allerdings nicht so ganz nachzuvollziehen, denn gerade jene Religionen, die mit dem Konzept von Himmel und Hölle arbeiten, halten ihre Anhänger in permanentem Schrecken. Schließlich kann niemand so genau wissen, in welche Richtung es am Ende gehen wird ...

Ob Ängste in unserer Zeit wirklich zugenommen haben, ist fraglich. Sicher ist nur der deutliche Anstieg entsprechender Diagnosen. Das bedeutet, dass Betroffene ihre Angstsymptome sensibler wahrnehmen, bereitwilliger darüber sprechen und sich selbstverständlicher als früher Hilfe holen. Wird Angst jedoch nur als Therapieobjekt betrachtet, bringt man sich um eine Chance: Man erfährt nicht, was sie über einen selbst zu sagen hat.

Zum Beispiel dass der Stress, auf dem Ängste prima gedeihen, ein normales Maß längst überstiegen hat. Vielleicht erzählt die Angst auch etwas von den Gefühlen, die man mühsam unter Verschluss hält, weil man nicht weiß, was passiert, wenn man sie zeigt: Hinter so mancher Angststörung verbergen sich Wut, Aggressionen und Ärger über unerfüllte Wünsche, erlittene Ungerechtigkeiten oder viel zu lang ertragene Zumutungen. Manchmal ist die Angst aber auch ein Zeichen dafür, dass eine Veränderung ansteht, die man noch nicht wahrhaben will. Vielleicht will die Angst dafür sorgen, dass man sorgfältig nachdenkt und keine übereilten Entschlüsse fasst.

Akzeptieren wir die Angst in ihrer Funktion als Botschafterin, bekommen wir irgendwann auch den „Lohn der Angst“,wie der Heidelberger Psychotherapeut Hans Rudi Fischer meint. Für ihn sind Ängste eine Quelle persönlichen Wachstums. Wenn wir die Angst zulassen und nicht bekämpfen, erkennen wir, dass sie einen Freiraum ermöglicht, den wir dringend brauchen, um herauszufinden, was wirklich los ist. Im Schutz der Angst können wir Antworten suchen auf Fragen wie: Was will ich eigentlich? Wie gehe ich mit Entscheidungen um? Steht eine Veränderung an? Will ich überhaupt etwas verändern? Die Angst bietet die Möglichkeit zur Selbstreflexion, für die wir im übervollen Alltag oft keine Zeit finden. – Manchmal muss man dafür auch in einen dunklen Keller steigen.

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