Was Identität ausmacht

03 / 2017 von:  Thomas Saum-Aldehoff
 

Die meisten von uns kennen diese Momente existenziellen Selbstzweifels: Man steht irgendwie neben sich, beobachtet das eigene Treiben und fragt sich befremdet: Wer ist dieser Mensch? Glücklicherweise verflüchtigt sich der seltsame Zustand meist nach einer Weile. Doch die Frage selbst beschäftigt uns ein Leben lang: Wer bin ich? Was macht mich zu dieser Person hier? „Der Mensch ist das Wesen, das wissen will, was oder wer es ist“, schreibt der Philosoph Markus Gabriel. Schon immer haben Menschen über diese Frage nachgedacht, und ihre Antworten hinterlegten sie etwa in der Religion, der Philosophie, der Kunst, der Literatur. 

In diesem Heft finden Sie Antworten der Psychologie. Unsere Autoren erklären, was Identität ausmacht und wie sie sich herausbildet. Vorgestellt werden die Grundmuster der Persönlichkeit, in denen wir uns unterscheiden und als Individuen verorten. Und es geht um die Frage: Bin ich darauf festgelegt, wie ich nun mal bin – oder kann ich auch ganz anders? 

Um diese eine Antwort vorwegzunehmen: Ja, ich kann anders. Wie ein Schauspieler kann ich in eine andere Rolle schlüpfen, mich in diese Rolle einfühlen: Ich spiele mich selbst, als wäre ich ganz anders, ich agiere out of ­character. Manche stillen Menschen haben zum Beispiel ein Talent, bei Bedarf sehr überzeugend den eloquenten, extravertierten Alleinunterhalter zu geben. Das fühlt sich durchaus angenehm an, doch es erschöpft, und nach einer Weile ist man froh, sich wieder ins alte Selbst zurückzuziehen und von dem Charakterausflug zu erholen. 

Das heißt aber nicht, dass jeder Wandel Camouflage sein muss. Persönlichkeitsentwicklung braucht Zeit. Wir sind geprägt von unseren Genen und dem Elternhaus, der Kultur, der Umgebung, in der wir aufwachsen. Doch bis zu einem gewissen Grad formen wir uns auch selbst, nicht per Willensakt („Ich will jetzt ein anderer Mensch werden!“), sondern über unsere „persönlichen Projekte“. Darunter versteht der kanadisch-britische Psychologe Brian Little vor allem jene selbstgestellten und freiwilligen Lebensaufgaben, die wir nachhaltig und mit Leidenschaft verfolgen. 

Man wird vielleicht mit einem musikalischen Talent geboren, aber persönlichkeitsprägend wird dieses Talent erst dann, wenn wir ihm beharrlich nachgehen, also musizieren. Das Engagement in einer Stadtteilinitiative, einem Sportverein, einem Chor, die Begeisterung für Yoga: Mit solchen Projekten möblieren wir unsere Lebenswelt, wir schaffen uns eine ureigene Nische, die wiederum unsere Persönlichkeit ausformt und, so Little, neben Genen und Sozialisation zu unserer „dritten Natur“ wird. Übrigens, das wohl wichtigste persönlichkeitsprägende Projekt ist: die Partnerschaft.

Ich wünsche Ihnen eine hoffentlich kurzweilige und erkenntnisreiche Zeit mit dem „Projekt“ aus der Reihe Psychologie Heute compact, das Sie hier vor sich haben.

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