LOVOS – die Kunst, dem Stress auszuweichen

09 / 2015
 

Anfang der 1970er Jahre prophezeite der Politologe Ronald Inglehart eine „stille Revolution“. Die Menschen, so glaubte er aus seinen Forschungsdaten herauslesen zu können, sähen immer weniger Sinn in Konsum und Leistung und zögen einen Lebensstil der freiwilligen Einfachheit vor.

Flaniert man an einem Samstag des Jahres 2015 durch eine x-beliebige Einkaufs-meile, ist von einer Unlust am Konsum nichts zu spüren. Shoppen ist nach wie vor eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. 800 00 Bundesbürger sind dem Geldausgeben so verfallen, dass sie als kaufsüchtig eingestuft werden. Nach wie vor rackern sich viele Menschen ab, um sich Dinge leisten zu können, die sie nicht wirklich brauchen und die ihnen nur kurzfristige Freude schenken. Mehr als vier Jahrzehnte nach der von Inglehart ausgerufenen stillen Revolution sind die „Postmaterialisten“ ganz sicher nicht in der Mehrheit. Hat der Politologe die Situation damals falsch eingeschätzt? 

Möglicherweise war der Forscher tatsächlich zu optimistisch. Denn nach aktuelleren Schätzungen sind nur etwa 20 Prozent der Bevölkerung als wirklich postmaterialistisch einzustufen, die meisten Menschen sind „Mischtypen“: Konsum ist ihnen schon wichtig, aber eben nicht nur und nicht um jeden Preis. Auf diese Mischtypen setzte Mitte der 1990er Jahre der Wirtschaftswissenschaftler Gerhard Scherhorn seine Hoffnung: Diese Gruppe müsse man davon überzeugen, dass ein gutes Leben nicht von materiellem Wohlstand abhängt.

Es scheint, als sei das gelungen. Heute verschreiben sich tatsächlich immer mehr Menschen einem einfacheren Lebensstil. LOVOS, lifestyle of voluntary simplicity, nennen Experten diesen Trend, der gute Chancen hat, sich in der Gesellschaft zu verankern. Denn er wird vor allem von jungen Menschen getragen. 

Mehr Wohlstand ist für viele der 15- bis 30-Jährigen („Generation Y“) kein erstrebenswertes Ziel per se. Sie sehen wenig Sinn darin, hart zu arbeiten, nur um sich Statussymbole kaufen zu können. Stattdessen werden „Werte des Zusammenlebens immer wichtiger“, bestätigen der Sozial- und Bildungsforscher Klaus Hurrelmann und der Journalist Erik Albrecht in ihrem Buch Die heimlichen Revolutionäre. Wie die Generation Y unsere Welt verändert (Beltz 2014). Und: Die jungen Leute üben sich in der Kunst, „sich nicht von Anforderungen überrollen zu lassen und Stress auszuweichen“. 

Ältere Semester sind oft irritiert, wenn ihre Töchter und Söhne, ihre jungen Kolleginnen und Kollegen so ganz anders an Job und Leben herangehen. Manche kritisieren den mangelnden Ehrgeiz, die meisten aber sympathisieren mit den Einstellungen der Jungen. „Anders leben“ wird auch für sie zunehmend zu einer sinnvollen Option.  

 

 

Diesen Artikel:

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Wolfgang Schmidbauer: Raubbau an der Seele

Psychogramm einer überforderten Gesellschaft
gebunden, 256 Seiten, oekom Verlag, 2017

22,00 €inkl. 7% MwSt.