Wie alt bin ich gerade?

07 / 2015
 

Manchmal macht es sich bemerkbar – das Kind, das wir mal waren. Trotzig, selbstunsicher, ängstlich oder verzweifelt reagieren wir dann auf Situationen, die wir als Erwachsene souveräner meistern sollten. Die Kindheit kann lange Schatten werfen. Doch wie lang diese sind, haben wir auch selbst in der Hand. 

Als vor Jahren kalifornische Psychologen über 200 Erwachsene nach ihrer Kindheit befragten, konnten sie eine Gruppe identifizieren, die sie „die Überlebenden“ nannten. Diese erinnerten sich an wenig Schönes in ihrer Kindheit. Als Erwachsene aber zeigten sie in psychologischen Tests keine Auffälligkeiten. Im Gegenteil: Sie erzielten ähnlich positive Werte wie jene Gruppe, die ihre Kindheit als glücklich beschrieb. Wie ist das zu erklären? Die Psychologen sprechen von einer „durchgearbeiteten Kindheit“, die es den Überlebenden ermöglicht, trotz negativer Kindheitserfahrungen ein psychisch stabiles Leben zu führen. 

„Durcharbeiten“ erinnert an psychoanalytisches Vorgehen, doch bedarf es nicht unbedingt therapeutischer Hilfe. Allerdings, so meint die Psychotherapeutin Susan Forward im Interview auf Seite 8, muss man sich selbst gegenüber ehrlich sein und sollte eine belastete Kindheit nicht im Nachhinein beschönigen.  

Mit den vor einigen Jahrzehnten in der Psychologie verbreiteten Schuldzuweisungen, die sich meist nur an die Mütter richteten (die zum Beispiel als „überbehütend“ oder gar als „schizophrenogen“ für die Probleme ihrer Kinder verantwortlich gemacht wurden), hat dies allerdings nichts zu tun. „Man sollte nicht über seine Eltern richten. Meist haben sie ihr Bestes gegeben“, meint die Autorin Hilary Mantel in ihrer Autobiografie Von Geist und Geistern (Dumont 2015). Und die moderne Psychologie bestätigt: Wer über die eigenen Eltern zu Gericht sitzt, blockiert sich selbst auf dem Weg zur Unabhängigkeit. 

Es geht also nicht um Anklage und Abrechnung, sondern darum, die Zusammenhänge zwischen Damals und Heute zu erkennen. Nur so ist das „innere Kind“ zu stoppen, wenn es ungebeten in schwierigen Situationen die Regie übernimmt. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um glücklichere Beziehungen zu führen (Seite 22), chronische Krankheiten in den Griff zu bekommen (Seite 28) und den eigenen Kindern bessere Eltern zu sein (Seite 46).

„Wie alt bin ich gerade?“ Stellen wir uns in konfliktreichen, stressigen und enttäuschenden Situationen diese Frage, fällt uns möglicherweise auf: Die Gefühle, die uns quälen, haben nichts mit der Gegenwart zu tun, sondern gehören zu dem Kind, das wir mal waren. Allein diese Erkenntnis erleichtert das Leben ungemein.

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