Möglicherweise werde sie ihre Autobiografie bald um ein weiteres Kapitel ergänzen, sagt sie. Das wäre dann schon die dritte Version. 1983 hat sie ihren Werdegang das erste Mal in Buchform aufgeschrieben. In „Wir Menschenbummler“ schilderte sie, wie aus der einstigen Klosterschülerin aus Wien eine der bekanntesten Psychotherapeutinnen und Sachbuchautorinnen Deutschlands wurde. 1991 folgte eine erweiterte Ausgabe, in der sie ihren bemerkenswerten Wechsel von der Verhaltenstherapie zur Psychoanalyse beschrieb. Auch in den letzten vierzehn Jahren ist in ihrem Leben allerhand passiert. Genug Stoff jedenfalls, um viele zusätzliche Seiten zu füllen.
Eva Jaeggi steckt voller Energie. Das sieht man sofort. Sie redet schnell, lacht gern und viel. Mit den kurzen dunklen Haaren und den lebhaften Augen sieht sie jünger als 70 aus. Der rote taillierte Blazer mit passender Halskette, das schwarze Shirt und die dunkle Hose geben ihrer zierlichen Gestalt eine fraulich-elegante Note. Ihr Büro in der Wohnung in Berlin-Zehlendorf wirkt hell und modern.
Ein Vormittag reicht kaum aus, um über alle Etappen ihres abwechslungsreichen, zuweilen kurvigen Werdegangs zu sprechen. Zwei Motive tauchen in ihren Erzählungen immer wieder auf: die Lust am Gespräch und eine ausgeprägte Neugier, was Menschen im Innersten bewegt. Schon mit sieben, acht Jahren, sagt sie, habe sie fasziniert den Gesprächen der Erwachsenen gelauscht. Dazu gab es reichlich Gelegenheit. In den Kriegsjahren lebt die Familie zusammen mit Verwandten auf engem Raum; auch zahlreiche Besucher gehen in der Wiener Wohnung ein und aus. Auf ihrer Schlafcouch liegend, die nur ein Vorhang vom Wohnzimmer trennt, eröffnet sich der kleinen Eva die ganze Palette erwachsener Themen. Erziehungsprobleme, Ehe- und Beziehungskrisen, der Gesprächsstoff geht nie aus. Insbesondere die Mutter sei außerordentlich interessiert und auch geschickt gewesen, den Beziehungen und Motiven ihrer Mitmenschen nachzugehen. Die Tochter macht es ihr bald nach. Mit ihren zahlreichen Freundinnen aus der katholischen Jugendgruppe, der sie später angehört, bequatscht sie ausgiebig eigene und fremde Probleme. „Reden, reden, reden, ganze Nächte durch.“
Es war naheliegend, aus diesem Faible eine berufliche Karriere zu machen. Den Moment, in dem sie beschloss, Psychotherapeutin zu werden, erinnert sie genau. Es sei wie eine Offenbarung gewesen. Während eines Spazierganges im Wienerwald habe das Wort „Psychotherapie“ sie plötzlich erfasst, und ihr sei schlagartig klar geworden, was es bedeutet: mit Menschen über innere Probleme reden, reden in einer anderen, tiefgründigen Art. „Augenblicklich habe ich gewusst, dass ich dies – genau dies – zu meinem Beruf machen will.“ 17 Jahre war sie damals alt.
Die Eltern sind nicht gerade erfreut. Mit allen Mitteln versuchen sie, die Tochter, die eine erstklassige Schülerin ist, zu einem Medizinstudium zu überreden. Doch die bleibt dickköpfig bei ihrem Plan. Das Psychologiestudium allerdings stellt sich schon nach kurzer Zeit als große Enttäuschung heraus. Statt um die Tiefen der menschlichen Psyche geht es um Physiologie, Statistik, Experimente, „und all dies in recht kruder Art“. Lustlos lernt sie, wie das menschliche Nervensystem funktioniert und aus welchen Teilen ein Affenhirn besteht. Zum Ausgleich besucht sie Vorlesungen in Philosophie und Kunstgeschichte. Vor allem aber macht sie, dass sie fertig wird.
Mit 23 Jahren hat sie ihr Zertifikat in der Tasche (wie am Wiener Psychologischen Institut üblich einen Dr. phil.) und schwört, niemals als Psychologin zu arbeiten. In der Soziologie findet sie, was ihr in der Psychologie fehlt. Schon als Studentin hat sie Kontakte zu einem sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut an der Universität Dortmund geknüpft und ihr Interesse an der Feldforschung entdeckt. Interviews führen, fremde Häuser von innen sehen, herausfinden, wie Menschen leben und was sie bewegt, das trifft genau ihre Neigungen. Das Angebot, hier als wissenschaftliche Mitarbeiterin anzufangen, nimmt sie gerne an. Drei Jahre arbeitet sie mit Begeisterung in verschiedenen industriesoziologischen Projekten. Dazu das Leben in einem anderen Land, weg von den Eltern und deren Eheproblemen, das erste eigene Geld. Es ist eine schöne Zeit. Dazu trägt auch Urs Jaeggi bei, ein Schweizer Soziologe, den sie am Institut kennen lernt. 1961 heiraten die beiden und ziehen nach Bern.
Ihr gerade erwachtes berufliches Interesse beginnt wieder zu erlahmen. Eva Jaeggi stellt sich auf ein typisches Ehefrauenleben ein. Kinder kriegen, ein bisschen dazuverdienen, dem Mann bei der Karriere helfen, das sind die Träume, die sie nun pflegt. „Das war das Frauenbild meiner Generation. Ein intelligentes Mädchen sollte schon studieren, klar, denn viele Männer hatten gern studierte Frauen. Aber die Intellektualität durfte nicht zu aufdringlich werden. Diese Vorstellung hatte auch ich übernommen.“ Sie nimmt einen Job bei der Schweizer Post an, eine langweilige Tätigkeit, bei der es um die Erstellung psychologischer Eignungstests geht.
Doch der berufliche Winterschlaf dauert nicht lang. Schon nach einem Jahr bewirbt sie sich auf eine Position in einer schulpsychologischen Beratungsstelle und ist von der neuen Stelle sofort fasziniert. Die Aufgabenstellung – testen, beraten, informieren – ist zwar auf den ersten Blick eher fad. Dennoch fiebert sie jedem Ratsuchenden förmlich entgegen. Die Gespräche mit den Jugendlichen und ihren Eltern, die mit der Zeit immer intensiver und länger werden, lassen ihre alte Neugier auf das, was in anderen vorgeht, neu erwachen. „Ich erfuhr wieder etwas über Menschen, was andere nicht hören – wie hinter dem Vorhang unseres alten Wohnzimmers.“
Noch arbeitet sie nur mit halber Kraft. Sie versucht weiter, Mutter zu werden, obwohl ihre Ehe nicht so toll läuft wie vorgestellt. 1966 wird endlich Tochter Rahel geboren, die sie zunächst in Atem hält. Doch schon ein Jahr später, als ihr Mann einen Ruf an die Universität Bochum erhält und sie einen Job in der dortigen Studienberatungsstelle ergattert, legt die 33-Jährige los. „Irgendwann ging mir auf, wenn ich jetzt nicht ernsthaft an die Arbeit gehe, ist es mit den beruflichen Chancen vorbei. Ich fing an, wie verrückt zu arbeiten, und habe seitdem nicht mehr losgelassen.“
Drastische Kurswechsel gibt es im Leben von Eva Jaeggi viele. Sie hat die traditionelle Rolle der Ehegattin gegen eine eigene berufliche Karriere eingetauscht, den überzeugten Katholizismus ihrer Jugend durch einen kritisch-distanzierten Blick auf die Kirche ersetzt, die symptomzentrierte Verhaltenstherapie zugunsten einer psychoanalytischen, am Unbewussten orientierten Herangehensweise aufgegeben. Bei all diesen Wandlungen spielte Neugier wohl eine entscheidende Rolle. „Sie will ganz genau wissen, was die Welt zusammenhält und wie die Seele funktioniert“, bestätigt Heidi Möller, die sich bei Jaeggi habilitierte und heute Professorin an der Universität Innsbruck ist. „Dabei geht sie vollkommen ergebnisoffen ran. Sie behält sich vor, alles genau anzusehen und zu hinterfragen, und scheut sich nicht, ihre Meinung, wenn nötig, zu ändern.“
Die Bereitschaft, unvoreingenommen an Neues heranzugehen, steht auch am Anfang ihrer Karriere als Verhaltenstherapeutin. 1967 sucht die Bochumer Studentenberatungsstelle einen Psychologen, der etwas von Verhaltenstherapie versteht. Eva Jaeggi mobilisiert ihr kommunikatives Talent. Der verhaltensorientierte Ansatz mit seiner Grundannahme, dass psychische Störungen und Symptome gelerntes Verhalten sind, das umgelernt oder gelöscht werden kann, ist ihr zwar nur durch die Lektüre eines Buches bekannt. Dieses Grundlagenwissen schmückt sie im Vorstellungsgespräch jedoch geschickt aus und wird prompt engagiert.
Es folgen drei aufregende, aber auch anstrengende Jahre. Die Verhaltenstherapie ist dabei, sich in Deutschland als wichtige Strömung zu etablieren, und Eva Jaeggi schwimmt ganz vorne mit. Nachts, wenn das Kind schläft, sitzt sie in der Bibliothek und büffelt verhaltenstherapeutische Theorie. Tagsüber wendet sie das frisch erworbene Wissen praktisch an. Sie erfindet immer neue Variationen „klassischer“ verhaltenstherapeutischer Prozeduren, denkt sich aber auch ganz neue lern- und verhaltensorientierte Herangehensweisen aus und erzielt damit teils verblüffende Erfolge. Bald steigt sie zur Leiterin der Beratungsstelle auf, knüpft Kontakte zu gleich gesinnten Kollegen in München und Münster, wird Mitbegründerin eines Berufsverbandes.
In der Rückschau sieht Eva Jaeggi mehrere Gründe, warum sie immer mehr in das Fahrwasser der Verhaltenstherapie geriet: die mitreißende Aufbruchstimmung in der verhaltenstherapeutischen Szene, den Stolz, an der Spitze des psychologischen Fortschritts zu stehen, auch imponierende Vorbilder wie den österreichisch-amerikanischen Professor Frederick Kanfer, den sie 1968 in Bochum kennen lernte. Die Literatur, die er empfahl, sei präzise, logisch durchdacht und experimentell untermauert gewesen, erinnert sich Jaeggi. Gerne habe sie sich überzeugen lassen, dass menschliches Verhalten durch rationale Gesetze und Einsichten in logisch durchschaubare Zusammenhänge steuerbar sei. Heute glaubt sie, dass ihr Beruf und die private Situation als junge Mutter sie damals überfordert haben. In der Verhaltenstherapie habe sie jene Einfachheit, Übersicht und Kontrollierbarkeit gefunden, die ihrem privaten Leben fehlten.
Doch therapeutische Misserfolge und Patienten, die nicht ins Schema passen, lassen Eva Jaeggi zunehmend an Menschenbild und Instrumentarium der Verhaltenstherapie zweifeln. Wie damit umgehen, dass sich eine junge Klientin ernsthaft in sie verliebt? Was mit dem Studenten tun, dessen unspezifische und vage Klagen sich jeglichem Versuch der Strukturierung entziehen? Immer wieder stolpert sie über „unbewusstes Material“, das ihre Klienten auf sie übertragen, und sie merkt, wie stark die irrationalen Motive ihrer Patienten sind.
Als sie 1970 mit Mann und Kind zu einem einjährigen Studienaufenthalt in die USA aufbricht, ist die Phase, in der sie den planend, vernünftig, zielvoll handelnden Menschen für die ganze Wahrheit hält, vorbei. An der Columbia University in New York lernt sie unterschiedliche therapeutische Stile kennen und anzuwenden. Zurück in Bochum, versucht sie, einen „Integrationsstil“ zu kultivieren. Doch schon steht bei ihrem Mann eine weitere berufliche Veränderung an. Sein Ruf an die Freie Universität Berlin, den er 1972 erhält, ruft bei Eva Jaeggi keine Begeisterung hervor. Längst ist sie nicht mehr die getreue Ehefrau, die ihrem Mann ohne Murren folgt. Sie macht deutlich klar, dass sie lieber in Bochum bleiben möchte. Da erfährt sie, dass es im psychologischen Institut der Freien Universität Berlin eine offene Stelle für einen Assistenzprofessor gibt.
„Schwarz-weiß paspeliertes Kleid auf Taille, Handtäschchen und weiße Pumps – weiße Pumps!! –, der Inbegriff bürgerlicher Schrecklichkeiten“, so beschreibt Irma Gleiss, damals selbst Mitarbeiterin am Institut, Jaeggis Auftritt beim öffentlichen Vorstellungstermin. Die anwesenden Wissenschaftler und Studenten sind entsetzt. „Mit diesem Outfit hätte sie fast alles kaputtgemacht. Doch was sie dann beim Hearing sagte, klang ganz vernünftig, und wir entschieden uns für sie.“
Die erste Zeit wird dennoch nicht leicht. Die Berliner Uni ist voll vom 68er Zeitgeist erfasst, und das „P. I.“ versteht sich als Trutzburg fortschrittlich-kritischer, wenn nicht gar revolutionärer Psychologie. Die neue Mitarbeiterin gilt als bieder, vor allem aber als zu bürgerlich, erinnert sich Gleiss: „Spätestens als ruchbar wurde, dass sie den symbolischen Interaktionismus eigentlich gar nicht schlecht fand, dass sie von Automatisierung sprach anstatt von industrieller Revolution, entschied die Kaderschmiede am Institut, dass die Genossin noch einiges zu lernen habe.“
„Genossin Jaeggi“ lässt sich darauf ein, beginnt nicht nur selbst gestrickte Pullover zu tragen, sondern besucht auch „Kapitalkurse“, um sich marxistisches Grundwissen und Vokabular anzueignen. Seminare, die sie gemeinsam mit der politisch aktiven und etablierten Irma Gleiss organisiert, lassen ihr Ansehen bei der linken Studentenschaft steigen. Bald hat sie auch erste wissenschaftliche Erfolge. In einer Arbeit, die in der marxistischen Zeitschrift „Das Argument“ veröffentlicht wird, untersucht sie die persönlichkeitstheoretischen Implikationen der Verhaltenstherapie aus Sicht einer Praktikerin. Das ist neu und unkonventionell; ihr Name wird schnell bekannt.
Den späten Start ihrer akademischen Karriere macht Jaeggi durch Engagement, Fleiß und Originalität wett. 1978 habilitiert sie sich mit einer Arbeit über „kognitive Verhaltenstherapie“. Im gleichen Jahr tritt die 44-Jährige eine Professur für klinische Psychologie an der Technischen Universität Berlin an.
Seitdem ist ein breites Spektrum wissenschaftlicher Arbeiten entstanden. Es reicht von Grundlagenbüchern zu den unterschiedlichen therapeutischen Systemen über sozialwissenschaftliche Studien mit Aktualitätsbezug – beispielsweise über die psychischen Folgen von Tschernobyl oder zu Ehen zwischen „Ossis“ und „Wessis“ – bis hin zu einem umfangreichen Forschungsprojekt über Psychotherapie als Beruf. Dazu kommen zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher. Die hat sie meist parallel zu eigenen Lebensthemen geschrieben. Als sie sich Anfang der 80er Jahre von ihrem Mann trennte, erschien „Wenn Ehen älter“ werden, einige Jahre später ein Buch über das Singleleben, und der 2002 veröffentlichte Titel „Liebe lieber ungewöhnlich“ wurde von ihrer eigenen „Altersliebesgeschichte“ inspiriert.
Ein Thema allerdings spielte in den letzten 25 Jahren eine ganz besondere Rolle: die Hinwendung zur Psychoanalyse. „Die Lehre Freuds“, betont sie, „hat mein Leben sehr stark verändert, im beruflichen wie privaten Bereich.“ Die Arbeit als Therapeutin, Lehrerin und Forscherin, die Art und Weise, an Beziehungen heranzugehen, die Beurteilung eigener und fremder Verhaltensweisen – alles habe sich durch die Beschäftigung mit der Psychoanalyse gewandelt.
In einem Forschungssemester, das sie 1984/85 am Institut für Tiefenpsychologie und Psychotherapie der Universität Wien verbringt, nimmt dieser vielleicht wichtigste Kurswechsel ihres Lebens seinen Anfang. Angeregt durch intensive Gespräche mit den dortigen Kollegen, die – aus unterschiedlichen Therapieschulen kommend – allesamt Anhänger der Psychoanalyse geworden sind, lässt sie sich vom Institutsleiter Hans Strotzka einen Analytiker empfehlen, „um ein paar Stunden Beratung und Supervision zu machen“. Der empfohlene Dr. Solms entpuppt sich als Meister seines Faches. Von Anfang an ist sie gefangen: „Ich spürte sofort, wie er Kontakt mit meinem Unbewussten aufnahm und blitzschnell Zusammenhänge sah. Jede Stunde wirkte lange nach.“ Zurück in Berlin, beginnt sie mit einer ernsthaften Analyse und beschließt 1988, mit 54 Jahren, sich selbst auf den Weg der mühevollen analytischen Ausbildung zu machen. Als sie vier Jahre später den Kassenstempel, die Anerkennung, offiziell als Analytikerin zu arbeiten, erhält, ist sie darauf so stolz wie auf eine akademische Ehrung.
Woher kam diese späte, dafür umso heftigere Begeisterung? Zum Teil wohl daher, dass sie besonders viele Widerstände habe beseitigen müssen, vermutet sie. „Ich glaube nicht an die Seele“, mit dieser Standardformel für ihre Skepsis gegenüber dem Unbewussten und seinen Gesetzen habe sie ihren Analytiker in den ersten zwei Jahren immer wieder herauszufordern gesucht. Doch dann habe sie in der Psychoanalyse jene Ernsthaftigkeit, Verbindlichkeit und theoretische Komplexität gefunden, die sie in der „akademischen“ Psychologie immer vermisste. Auch was private Themen angeht, sei sie tief vorgedrungen. „Die Angst vor den Erkenntnissen, die eine Analyse bringen würde, hat mich wohl auch so lange warten lassen.“ Als etablierte, erfolgreiche Frau sei es leichter gewesen, Themen wie die gescheiterte Ehe, langjährige Schlafstörungen oder die Befürchtung, eine graue Maus zu sein, anzugehen.
Heute bedauert sie, dass sie nicht früher zur Psychoanalyse gefunden hat. So betrachtet sie die Zeiten des „Psychobooms“ in den 70er und 80er Jahren, in denen sie von Körpertherapie und Encounter bis zu Gestalttherapie und TZI alles ausprobierte, was auf den Markt kam, mit gemischten Gefühlen: „Das würde ich sicherlich nicht noch mal so machen. Für jemand wie mich, der Neues liebt und wissen will, was in der Welt passiert, war das aber ein mächtiger Sog.“
Allerdings ist auch ihre Euphorie für die Psychoanalyse etwas abgeflaut. Immer noch hält sie die Tiefenpsychologie für die interessanteste und komplexeste Theorie, um das Seelische zu erklären. Doch als Heilungsmethode sei die Analyse bei weitem nicht für alle Patienten gemacht. Vor allem aber ist sie ernüchtert über Tendenzen der Sektenbildung und oftmals auch Dünkelhaftigkeit innerhalb der psychoanalytischen Szene. Ihr Engagement in der Berliner Akademie für Psychotherapie brachte ihr viele Gegner ein. 1997 hat sie die Leitung des Ausbildungsschwerpunktes Tiefenpsychologie übernommen. Die Etablierung des Studienganges entwickelte sich zu einem echten Kampf, mit lautstarkem Protest der alteingesessenen Berliner Institute, Streit mit der Kassenärztlichen Vereinigung, auch persönlichen Angriffen und Beleidigungen.
Mittlerweile ist der Rauch etwas verflogen. Jaeggi sieht die Akademie auf gutem Weg, und die hohen Bewerberzahlen geben ihr Recht. So denkt sie daran, sich langsam daraus zurückzuziehen. Ihre Emeritierung als Professorin liegt bereits fünf Jahre zurück; auch die Arbeit als Therapeutin hat sie deutlich reduziert. In Zukunft, sagt sie, wolle sie vor allem Oma für das erste Enkelkind sein. Ist sie wieder mal dabei, eine neue Richtung einzuschlagen? Wenn man sie sieht, so vital und engagiert, fällt es schwer, an den beruflichen Rückzug zu glauben. Der Titel ihres neuesten Buches deutet allerdings tatsächlich auf einen erneuten Wandel hin. Er lautet „Tritt einen Schritt zurück und du siehst mehr – gelassen älter werden“.
Eva Jaeggi hat unter anderem folgende Bücher veröffentlicht:
© Psychologie Heute 2010
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Psychologie Heute 6/2005, Seite 36. Heft 6/05 bestellen
Fotos: Ingmar Kurth
Jeden Monat stellen wir Ihnen auf unseren Internetseiten eine der wichtigsten, innovativsten und prägendsten Persönlichkeiten aus Psychologie, Psychotherapie und Sozialwissenschaften vor. Die Artikel entstammen unserer Heftserie „Das Porträt“.
Zur Liste aller hier einsehbaren Porträts:
www.psychologie-heute.de/das_portrait.html
Lesen Sie in diesem Monat über Florian Holsboer
Mitte September folgt ein Porträt von:
Bildnachweis Porträts:
Foto von Klaus Dörner: agenda (Michael Kottmeier)
Loftus: Axel Koester
Holsboer, Jellouschek, Moser, Petzold, Riedel, Rohde-Dachser, Stierlin, Willi: Stefan Blume
Birbaumer, D. Dörner, Hell, Prinz, Stern, Tausch: Mathias Ernert
Czikszentmihalyi: Ricardo Herrgott
Baltes: Nina Höffken
Kahneman, Kernberg, Solms: Jürgen Frank
Jaeggi: Ingmar Kurth
Schulz von Thun: Anja Lubitz
Leuzinger-Bohleber: Pat Meise
Yalom: Joseph Siroker
Kast: Judith Stadler

Im Jahr 2004 konnten wir auf 30 Jahre Psychologie Heute zurückblicken. Aus diesem Anlass haben wir exklusiv für unsere Leser das Jubiläumsbuch „Faszination Psychologie“ aufgelegt. Es versammelt 100 Beiträge bedeutender Autoren aus drei Jahrzehnten … mehr