Von der Veranda im ersten Stock, zu der sich eine riesige Glyzinie hinaufwindet, grüßt weiße Wäsche, fast wie im Süden. Wir sind in Zürich, aber heißer als an diesem Sommertag 2009 kann es auch in Milano oder Marseille nicht sein. Die fast lebensgroßen Heiligen aus Ton im schön wuchernden Garten senken ihre Häupter unter einem schwülen Himmel, die heilige Veronika mit dem Schweißtuch Jesu trägt einen Hut aus Efeu.
Die Eingangstür steht weit offen: Das Haus heißt Gäste willkommen. Jürg Willi hält der Hitze vornehm stand: grauweiß gestreiftes Polohemd, elegante graue Leinenhose, die gleiche Farbe wie Haar und Schnauzbart. Die Augen sind blau und keine Spur müde. Man stellt sich gerne vor, wie sich die erhitzten Gemüter in der Paartherapie bei seinem Anblick beruhigen.
Beruflich liegt ein langer, gerader und weithin besonnter Weg hinter ihm. Eine ungebrochene und sehr erfolgreiche Karriere. Man ist versucht, seinem Lehranalytiker Medard Boss recht zu geben, der schon nach wenigen Stunden Analyse mit dem jungen Mann feststellte: „Sie gehen ja recht systematisch vor.“ Vieles hat sich ohne Absicht so entwickelt und hätte auch anders kommen können, meint Willi. Denn eigentlich ist sein Leitsatz, dass man offen sein soll für das, was einem begegnet, für das, was in und durch uns werden möchte.
Die Erwartungen an den Zweitgeborenen und einzigen Sohn waren väterlicher- und mütterlicherseits hoch. Dass er von drei schwesterlichen Grazien umrahmt war, bedrängte ihn weiter nicht, der Altersabstand zwischen den Kindern war ziemlich groß und der Zusammenhalt unter den Geschwistern – auch unter den Schwestern – nicht sehr ausgeprägt. Warum er als Kind extrem ängstlich war und noch vieles mehr als nur die Dunkelheit fürchtete, kann er sich nicht erklären. Denn: „Meine Erinnerungen an die Kindheit sind glücklich.“ Er sei von den Eltern sorgfältig und aufmerksam erzogen worden. Respekt und Bedachtsamkeit liegen in dieser und anderen Formulierungen. „Meine Eltern waren eher distanzierte Menschen, die Gefühle weniger zeigten. Es hat uns aber an nichts gefehlt. Sie verlangten von uns Respekt … In der Pubertät und den darauf folgenden Jahren habe ich ihnen dann das Leben schwergemacht. Vor allem meinem Vater. Das tut mir heute leid. Jeder kann sich irgendwie über seine Eltern beschweren. Es kommt darauf an, was man in den eigenen Beziehungen – jetzt – lebt und daraus macht.“
Die Peergroup wird Jürg Willi bald wichtiger als das Elternhaus, sie ist ein Gegenpol zur allgegenwärtigen Übermacht des Weiblichen zu Hause. Die Ängste verschwinden, was auch an der Pfadfinderei liegen mag. Sie ist ein erdzugewandtes Gegengewicht zu der innigen Beziehung des Kindes zur katholischen Religion. Der kleine Messdiener geht freiwillig um 7 Uhr in der Frühe zur Messe und betet darum, Heiliger oder Märtyrer zu werden. Die barocken Kirchenbilder und nicht zuletzt die darauf reichlich zu betrachtenden Folterinstrumente üben eine große Faszination auf ihn aus. Die Impfspritze allerdings fürchtet er wie der Teufel das Weihwasser.
Was wollte er – diesseits des Märtyrers – als Junge einmal werden? Er denkt nach. Der erste Berufswunsch hat sich nicht lange gehalten. „Das war mir doch bald zu wenig, die Vorstellung, als Förster durch den Wald zu streifen und dauernd Bäume zu fällen“, sagt er. Entschiedener ist da der frühe Wunsch, Schriftsteller zu werden. Und um Geschichten zu erleben, die sich dann erzählen lassen, will Jürg Willi Arzt werden. Er studiert Medizin, wie sein Vater – ein wissenschaftlich erfolgreicher und als Kinderarzt beliebter Professor für Pädiatrie. „Man hat schon von mir erwartet, dass ich etwas Gescheites werde, aber mein Vater hat keinen Druck auf mich ausgeübt, den Arztberuf zu ergreifen.“ Dass sein Sohn sich dann, fasziniert von dem Psychiater Manfred Bleuler, ausgerechnet der unter Ärzten nicht sehr angesehenen Psychiatrie verschreibt, hat den Vater wohl nicht gerade begeistert. „Aber das war mir gleich. Ich war mir sicher, dass die Psychiatrie das Richtige für mich war, und habe auch später nie daran gezweifelt.“
Jürg Willis Facharztausbildung beginnt 1960 als Assistenzarzt unter Manfred Bleuler am Burghölzli, der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Bleuler, ebenfalls Sohn eines berühmten Vaters, wagt es nicht, aus dem Schatten des großen Eugen Bleuler zu treten. Anders sein junger Assistenzarzt: Jürg Willi rivalisiert mit dem Vater. Er will erklärterweise hoch hinaus, den Vater überflügeln. Und ärgert sich schrecklich über die ständige Frage: „Ja, sind Sie der Sohn von …?“
In der Klinik leidet er unter der ambivalenten Haltung Bleulers, der ihn in den Himmel lobt und in der nächsten Minute in den Boden stampft. Dazu kommen eigene Ambivalenzen, ein Gemisch, das zu einer echten persönlichen Krise führt. Die Exerzitien und Kurse des radikalkatholischen Theologen Hans Urs von Balthasar, die Jürg Willi besucht, ein strenggläubiger Freund und Jürg Willis ältere Schwester, die denn auch in ein Kloster eintritt, fordern eine radikale Nachfolge Christi. Nicht eigene Pläne soll der Mensch machen, sondern nur warten und hören, wozu Gott ihn brauchen will. Aber so hingebungsvoll der Junge glaubte – der Ruf Gottes an den jungen Mann bleibt aus. „Gott blieb der große Abwesende, der mit mir offenbar nichts vorhatte.“
Zwei Menschen helfen ihm, sich selbst, seine Aufgaben und Möglichkeiten neu zu sehen: sein Lehranalytiker Medard Boss und seine spätere Frau Margaretha Dubach. Wichtig ist auch Hans Kind, Direktor der Psychiatrischen Poliklinik der Universität Zürich, an die Jürg Willi 1967 wechseln kann. Er wird Oberarzt der Psychotherapiestation und „darf“ nun unter einem sehr korrekten und ihm gegenüber auch wohlwollenden Chef erfolgreich sein. Durch alle Feuer ist er aber noch lange nicht gegangen. Seine Zeit als Oberarzt fällt in die bewegten Jahre der 1968er-Bewegung. Er lernt in diesen Jahren, dass ein Führungsstil, der auf Einschüchterung beruht, ein schlechtes Betriebsklima erzeugt, und findet zu einem transparenten Führungsstil, in welchem er seine Rolle klar definiert und dabei kritikfähig und offen zu bleiben vermag. Was er sich in jener Zeit erworben hat, prägt seine Persönlichkeit und sein Werk: Vorurteilslosigkeit, Unvoreingenommenheit, Offenheit, die Fähigkeit, auch die andere Seite anzuhören, sie ernst zu nehmen und doch zur eigenen Meinung zu stehen.
Willis wissenschaftliche Arbeit begann 1960 am Burghölzli mit seiner Dissertation über Die Schizophrenie in ihrer Auswirkung auf die Eltern. Schon hier stößt er auf das Thema, das ihn ein Leben lang fesseln wird. Zu jener Zeit mussten die Mütter in den herrschenden Theorien für fast alles herhalten, was Menschen krank macht, und es war eine verbreitete Annahme, dass Mütter ihre Kinder verrückt machen, um selbst dabei gesund bleiben zu können. „Für die Mütter, die nicht nur mit der Krankheit ihres Kindes zurechtkommen mussten, sondern zusätzlich noch beschuldigt wurden, diese zu verursachen, war das eine unerträgliche Belastung.“ Beeindruckt ist Willi, der sich immer gegen die Sündenbockrolle der Mütter gewandt hat, vor allem von zwei Fällen, in denen die schizophrenen Episoden der Mutter mit denen ihres Kindes alternierten. „Die schizophrene Mutter wurde gesund, wenn der Sohn krank wurde, und wurde wieder krank, wenn er gesund wurde.“ Diese Erfahrungen wecken Willis Interesse an den interpersonellen Wechselwirkungen psychischer Prozesse.
In der Folgezeit arbeitet er den „Gemeinsamen Rorschachversuch“ aus, einen Test, bei dem die Probanden zuerst individuell den Rorschachtest absolvieren und ihn dann gemeinsam wiederholen, mit der Aufgabe, sich bei jeder Tafel auf eine Klecksdeutung zu einigen. Was Willi interessierte, war vor allem die Frage, inwiefern die Probanden im gemeinsamen Test ein anderes Deutungsverhalten zeigen als im individuellen Test. Das Buch, das er darüber schrieb, stieß jedoch auf wenig Interesse.
Und doch bilden diese ersten Arbeiten die Grundlage des Kollusionskonzeptes, das Jürg Willi 1975 in dem Buch Die Zweierbeziehung vorstellt. Das Buch schlägt ein wie eine Bombe. Noch heute ist es ein Klassiker.
Wie war es dazu gekommen?
1965 hatte Willi begonnen – wahrscheinlich als erster Psychotherapeut im deutschen Sprachraum –, Paartherapien durchzuführen, motiviert durch die Frage, inwiefern der Mensch sich nicht nur aus sich selbst heraus verwirklicht, sondern in Wechselwirkung mit anderen Personen, mit denen er unbewusste Grundannahmen teilt. Er beginnt zu untersuchen, wie dauerhafte Liebesbeziehungen die persönliche Entwicklung herausfordern, aber auch behindern können. Willi beschäftigt sich mit den Arbeiten des englischen Psychotherapeuten Henry Dicks und Paul Watzlawicks Theorie der menschlichen Kommunikation. Bei Forschungsurlauben in den USA lernt er zudem die Pioniere der neu aufkommenden Familientherapie kennen und entwickelt schließlich das Kollusionskonzept.
Dieses Konzept lässt sich am Beispiel einer sogenannten „Helferkollusion“ kurz beschreiben: Ein Mann fühlt sich hilflos. Er sucht sich eine Partnerin, die fürsorglich ist und gerne die Helferrolle übernimmt, weil das ihr Selbstbewusstsein stärkt. Der Mann lehnt es ab, aktiv und selbst fürsorglich zu sein, und überlässt diese Aufgaben seiner Frau. Diese wiederum lehnt es ab, hilfsbedürftig zu sein. So scheinen sich die Partner ideal zu ergänzen. Im längeren Zusammenleben entsteht aber ein Konflikt: Der Mann möchte nicht dauernd auf die hilflose Rolle festgeschrieben werden, weil er dadurch unselbständig wird und keine Selbstbestätigung bekommt. Die Frau wiederum möchte nicht immer nur Helferin sein, weil sie das überfordert und sie sich ausgebeutet fühlt. Gleichzeitig aber haben beide Angst, diese Rollen aufzugeben, denn der Helfer fühlt sich in der Beziehung am sichersten, wenn er helfen kann, der Hilflose, wenn er hilflos ist. Die Kollusion fixiert beide auf ein Verhalten, das ihr persönliches Wachstum behindert – und das führt früher oder später zum Konflikt. Dieser kann nur aufgelöst werden, so Willi, wenn in der Therapie „der hilflose Partner seine Möglichkeiten zur Selbsthilfe aktiviert und andererseits der Helfer lernt, auch mal Hilfe für sich selbst beanspruchen zu können“.
Das Kollusionskonzept hat wesentlich zu einer Wende in der Rechtsprechung beigetragen, vor allem im Scheidungsrecht, wo es bis dahin üblich war, einen Schuldigen und einen Unschuldigen zu identifizieren. Im Gegensatz dazu hält Jürg Willi fest, dass Beziehungsstörungen von beiden Partnern verursacht werden. Nicht zuletzt dank seiner Erkenntnisse, die einen gesellschaftlichen Wandel in dieser Hinsicht begünstigten, wurde das Schuldprinzip schließlich abgeschafft.
Nach dem Erscheinen der „Zweierbeziehung“ lernt der Bestsellerautor die Freuden und Leiden kennen, die der Erfolg mit sich bringt. „Andere Menschen bemächtigten sich plötzlich meines Werks, verzerrten, vermarkteten und missverstanden es. Ich fühlte mich enteignet, das Werk entwickelte eine Eigendynamik, die ich nicht mehr kontrollieren konnte. Das Kollusionskonzept wurde zum Gesellschaftsspiel.“ In den ehefeindlichen 1980er Jahren, die Autonomie zum obersten Ziel erklären und den Tod der Ehe verkünden, glauben sich viele Mensch durch Willis Buch in ihren Überzeugungen bestätigt, dass Ehen vor allem durch neurotische Kollusionen zusammengehalten werden. Jürg Willi fühlt sich gründlich missverstanden und schreibt 1985 das beziehungsphilosophische Buch Ko-Evolution – die Kunst gemeinsamen Wachsens (Neuausgabe 2007: Die Kunst gemeinsamen Wachsens. Ko-Evolution in Partnerschaft, Familie und Kultur).
Er ist zutiefst davon überzeugt, dass der Mensch zur Verwirklichung seines Potenzials das menschliche Gegenüber braucht. Lang dauernde Beziehungen engen nicht nur die persönliche Freiheit ein – Menschen entwickeln sich auch am Widerstand und am Missverstandenwerden (gegen das sie sich immer wieder erklären müssen). Verbindliche Partnerbeziehungen sind von unersetzbarem Wert für die persönliche Entwicklung, meint Willi. „Beziehungskrisen sind Wachstumskrisen, in denen die Partner einander herausfordern.“ Ihn interessiert, wie sich unter sich stets verändernden Bedingungen das persönliche Wachstum innerhalb der Beziehung entfalten kann. Im Unterschied zu unverbindlichen, kurz währenden Beziehungen erschaffen die Partner in einer Lebensgemeinschaft eine eigene gemeinsame innere und äußere Welt, in der sie sich in ihrer persönlichen Entwicklung herausgefordert und beantwortet fühlen. Die gemeinsam gestaltete Umwelt wirkt wiederum auf das Paar zurück und verankert es in der Welt, seien das nun die Kinder, das gemeinsam erworbene Haus, der Freundeskreis. Das Paar erschafft sich Raum, Ort und Geschichte, die über es selbst hinausweisen. Willi bezeichnet dies als ökologischen Aspekt der Beziehung. Zwei Begriffe fanden in diesem Zusammenhang Eingang in die psychotherapeutische Terminologie: Der Begriff der Koevolution für die – nicht neurotische – persönliche Entwicklung in der Wechselwirkung mit der Entwicklung des Partners und der Begriff der Beziehungsökologie.
Mit diesem Ansatz, den er 1991 in seinem Buch Was hält Paare zusammen? auch einem breiteren Publikum nahebringt – und damit wieder einen Bestseller landet –, folgt Jürg Willi dem Philosophen Martin Buber, der wohl den größten Einfluss auf sein Denken gehabt hat, während ihn weder Freud noch Jung besonders prägten. „Der Mensch wird am Du zum Ich“– dieser Satz Martin Bubers könnte das Gesamtwerk Jürg Willis in wenigen Worten umschreiben.
Die Wechselwirkung zwischen einer Person und ihrer Umwelt ist auch der Kern der „ökologisch-systemischen Therapie“, die Willi zusammen mit seinem Team am eigenen „Institut für Ökologisch-systemische Therapie“ in Zürich sowohl als Therapieform als auch als Weiterbildung für Psychotherapeuten seit nunmehr zehn Jahren anbietet (www.psychotherapieausbildung.ch). Gegründet hat er das Institut nach seiner Emeritierung 1999, nach einem fruchtbaren Jahrzehnt der Lehre und Forschung als Ordinarius für Ambulante Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Krankheiten und Direktor der Psychiatrischen Poliklinik des Universitätsspitals. Das zehnjährige Jubiläum des Instituts und sein 75. Geburtstag im Jahr 2009 waren für Jürg Willi Anlass, die Leitung an drei seiner engsten Weggefährten zu übergeben: Robert Frei, Bernhard Limacher und Helke Bruchhaus Steinert. Gefeiert wurde dies mit einem großen Jubiläumsfest in Zürich.
Überhaupt Zürich. Jürg Willis Leben ist ganz mit dieser Stadt verbunden. Nein, sesshafter geht es nicht. „Ich bin in Zürich geboren, habe immer hier gearbeitet, lebe noch mit derselben Frau, und das auch noch in meinem Elternhaus.“ Hat er nie Lust gehabt, den Ort, das Land zu wechseln? „Es wurden mir mehrere Berufungen im In- und Ausland angeboten. Aber ich habe damit immer eine Verbesserung meiner Situation in Zürich erreicht, sodass ich schlussendlich mit einem Wechsel nicht besser gestellt gewesen wäre. Und meine Frau wollte nicht von hier weg, das hat sicher eine Rolle gespielt.“
Wie wichtig seine Frau für ihn immer gewesen ist, hat Jürg Willi oft zum Ausdruck gebracht. „Wir passten zunächst überhaupt nicht zueinander“, meint er, „und haben am Anfang eine schwierige Zeit gehabt. Aber die hohe Spannung zwischen uns führte zu einer intensiven und fruchtbaren Auseinandersetzung. Wir sind sehr verschieden, aber in der Summe etwa gleich stark. Das ist wichtig. Ein Gleichgewicht der Kräfte ist vorteilhaft für eine Beziehung. Und wenn es dann noch verschiedene Bereiche sind, in denen man tätig ist, sodass man nicht in Konkurrenz zueinander treten muss, und wenn außerdem noch die Möglichkeit besteht, zusätzlich etwas zusammen zu machen, dann sind das schon sehr glückliche Voraussetzungen. Die haben meine Frau und ich. Nicht alle haben das Glück, unter den gegebenen Lebensumständen einen ‚richtigen‘ Partner überhaupt kennenzulernen und wählen zu können.“
Dank ihrer Kreativität, ihrer Kunst nimmt Margaretha Dubach ganz real einen unübersehbaren Platz neben ihrem Mann ein. Jürg Willi lacht. „Ich erinnere mich, als wir uns hier im Haus 1972 eingerichtet haben, kam eine Tante zu Besuch. Sie sah sich überall um und sagte dann: ‚Ja, wo isch denn da der Jürg?‘“ Jürg Willi stört es nicht, in einer Umgebung zu leben, die stark von seiner Frau gestaltet ist. Das ist kein Wunder. Das Haus, in dem sich auch Margaretha Dubachs Atelier befindet, strahlt Stil und Originalität aus, Charme und Persönlichkeit.
Gemeinsam haben Willis nicht nur zwei Söhne und zwei Enkel, sie haben zusammen auch geistige Kinder. Neben verschiedenen Ausstellungen gibt es das gemeinsam gegründete „Musée bizarre“ in Rieden bei Zürich, eines der „20 außergewöhnlichsten Museen Europas“. Es ist ganz und gar ein Gemeinschaftswerk von Margaretha Dubach und Jürg Willi und ist den „Sonderbaren Badekuren des Prof. Pilzbarth“ gewidmet, dessen Geschichte das Museum in Bild und Wort vorstellt. Nach Meinung des – fiktiven – Prof. Pilzbarth, der seine Theorien angeblich zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte, bringt eine Medizin, die nur auf Reparatur irgendwelcher Defekte ausgerichtet ist, den Menschen kein Heil. Was der Mensch brauche, sei die Überwindung des Menschseins und der Übergang ins nächste Stadium der Evolution. Dazu entwickelte Pilzbarth seine geniale Heilmethode, deren „Ergebnisse“ im Museum in lebensgroßen Szenen von Margaretha Dubach dargestellt werden, während Jürg Willi die Geschichte dazu ausformuliert. Damit der Mensch ins nächste Stadium der Evolution übertreten kann, in dem jeder sich jenen Körper zu gestalten vermag, der ganz seinem Selbst entspricht, muss er nach Pilzbarth zuerst durch alle Stadien der Evolution regredieren, über die Affen, Säuger bis zu den Schnecken, um damit den Zugang zu allen Bauplänen der Natur zu gewinnen, die er dann für die Gestaltung seines eigentlichen Körpers verwerten kann. Ein Kollege Pilzbarths, Sigmund Freud, soll sich dem Experiment allerdings mit höflichen Worten entzogen haben. Der Museumsbesucher wird allein gelassen bei der Frage, was von dieser Geschichte tatsächlich passiert ist und was der skurrilen Fantasie von Jürg Willi und Margaretha Dubach entsprungen ist. In dem Buch Die Überwindung des Menschseins kann man sich im Übrigen genauer über die Pilzbarthmethode informieren (www.musee-bizarre.ch).
Sein Humor hat Jürg Willi möglicherweise auch geholfen, selbst nach Jahrzehnten der Paartherapie nicht zum Zyniker zu werden. Das Ziel der Paartherapie sieht er nicht mehr in der Rettung der Beziehung um jeden Preis, sondern im Versuch, anstehende, bisher vermiedene Entwicklungen der Partner durch die Herausforderungen der Beziehung möglich zu machen.
Inzwischen ist ein gesellschaftlicher Wandel eingetreten: Die Ehe steht wieder höher im Kurs. Jürg Willi stellt jetzt bei Paaren eine große Sehnsucht nach Verbindlichkeit fest, aber gleichzeitig auch eine Angst davor. „Man spricht davon, man möchte zusammen alt werden, ist dann aber schnell bereit, sich zu trennen, wenn etwas nicht so klappt, wie man es erwartet.“
Da sitzt er. Sehr aufmerksam, sehr konzentriert, sehr kontrolliert. Wie ein Therapeut es eben lernt. Manchmal verändert er bei einer Frage unauffällig die Körperhaltung, verschränkt die Hände anders, stellt einen Fuß vor. Die Stimme ist ruhig und klar. Ein bisschen ist er auf der Hut. Das lernt man als Bestsellerautor, der ständig in die Medien gezerrt wird.
Auf die Frage, worauf er stolz ist, sagt er nachdenklich: „Dass Leben und Werk kongruent sind, dass meine Lebensphilosophie in meinem Leben sichtbar wird. Das ist ja bei Forschern nicht immer und selbstverständlich der Fall. Wenn ich rückblickend etwas Kritisches sagen muss, dann ist es vielleicht, dass ich zu viel gearbeitet habe. Aber ich arbeite eben gern.“
Vielleicht wird für ihn auch einmal zum Thema, was immer wieder in seinen Büchern durchscheint und sich vor allem in seinem 2007 erschienenen Buch Wendepunkte im Lebenslauf manchmal etwas irritierend Bahn bricht, ohne zum eigentlichen Thema des Buches zu werden: Die Frage nach dem Glauben, die ihn als junger Mann quälte, dann in den Hintergrund trat und doch über Martin Buber immer ein Stück weit anwesend blieb. „Sie ist die tiefste Triebfeder meines Denkens“, meint er. „Vielleicht sollte ich eines Tages dazu stehen.“
Jürg Willi – seine wichtigsten Veröffentlichungen:
© Psychologie Heute 2010
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Psychologie Heute 12/2009, Seite 72–77 (das Heft ist leider schon vergriffen.)
Fotos: Stefan Blume
Jeden Monat stellen wir Ihnen auf unseren Internetseiten eine der wichtigsten, innovativsten und prägendsten Persönlichkeiten aus Psychologie, Psychotherapie und Sozialwissenschaften vor. Die Artikel entstammen unserer Heftserie „Das Porträt“.
Lesen Sie in diesem Monat über Jürg Willi
Mitte Februar folgt ein Porträt von:
Bildnachweis Porträts:
Foto von Klaus Dörner: agenda (Michael Kottmeier)
Jellouschek, Moser, Petzold, Riedel, Rohde-Dachser, Stierlin, Willi: Stefan Blume
Birbaumer, D. Dörner, Hell, Prinz, Stern, Tausch: Mathias Ernert
Czikszentmihalyi: Ricardo Herrgott
Baltes: Nina Höffken
Kahneman, Kernberg, Solms: Jürgen Frank
Jaeggi: Ingmar Kurth
Schulz von Thun: Anja Lubitz
Leuzinger-Bohleber: Pat Meise
Yalom: Joseph Siroker
Kast: Judith Stadler

Im Jahr 2004 konnten wir auf 30 Jahre Psychologie Heute zurückblicken. Aus diesem Anlass haben wir exklusiv für unsere Leser das Jubiläumsbuch „Faszination Psychologie“ aufgelegt. Es versammelt 100 Beiträge bedeutender Autoren aus drei Jahrzehnten … mehr