Die Matadero Avenue in Palo Alto ist eine erstaunlich ruhige Straße. Sobald man vom lebhaften El Camino Real, der Hauptstraße des Silicon Valley, abgebogen ist, fühlt man sich in einer anderen Welt. In der Seitenstraße, die ins Nirgendwo zu führen scheint, hört man außer Vögeln und Grillen nicht viel. Villen unterschiedlicher Größe und Architektur liegen verschlafen in der kalifornischen Nachmittagssonne. Auf einem Spielplatz tobt ein Vater mit seinen Kindern; ein Handwerker kümmert sich um einen kaputten Zaun. Ansonsten ist es menschenleer.
Hier wohnen gutverdienende Manager von Hightechfirmen und Professoren der nahegelegenen Stanford-Universität. Irvin Yalom dürfte einer der prominentesten Bewohner sein. In einer Umfrage unter amerikanischen Psychologen wurde er kürzlich unter die drei wichtigsten lebenden Therapeuten gewählt. Seine Lehrbücher über Gruppentherapie und existenzielle Psychotherapie sind in den USA Klassiker. Millionen Leser in aller Welt kennen seine Kurzgeschichten und Romane.
Das Domizil von Yalom und seiner Frau Marilyn (die eine angesehene Literaturwissenschaftlerin ist) liegt fast ganz am Ende der langen Straße. Von der Straße aus sieht man nur prächtige alte Bäume und wild wachsende Blumen. Ein Weg führt zu zwei Gebäuden. Neben dem sandfarbenen, mexikanisch anmutenden Wohnhaus liegt ein kleiner Bau, in dem Yaloms Arbeitszimmer untergebracht ist. Hier empfängt er Patienten und schreibt seine Bücher. Die Tür steht offen; nur ein Fliegengitter schirmt den Raum vom Garten ab. Man sieht einen großen, von Unterlagen überquellenden Schreibtisch am Fenster, zwei Sessel, gut gefüllte Bücherwände; es ist gemütlich, ruhig und kühl. Eine gute Umgebung, um nachzudenken, zu schreiben und ernsthafte Gespräche zu führen.
Wenn man Irvin Yalom das erste Mal begegnet, meint man fast einen alten Bekannten zu treffen, denn in seinen Büchern gibt er sehr viel Persönliches über sich preis. In einer Reihe seiner Kurzgeschichten ist er selbst der Protagonist. So erzählt er beispielsweise in einer Geschichte seine Nöte als Therapeut, der eine tiefsitzende Abneigung gegenüber dicken Frauen hat, und nun mit einer übergewichtigen Patientin umgehen muss. Diese Geschichten sind menschlich, einfühlsam, dabei durchzogen von Situationskomik und Humor. Der reale Yalom stellt sich als ruhiger, zurückhaltender Mann heraus. Mit seinem dezenten Outfit, dem grauen Bart und der altmodischen Brille wirkt der 77-Jährige eher unauffällig; seine Bewegungen sind sparsam, und er spricht mit leiser Stimme. Aufgrund der Schilderungen in seinen Büchern hätte man ihn sich etwas raumgreifender, etwas schillernder vorgestellt, doch sein Faible für das Fabulieren wird auch im persönlichen Gespräch offenbar. In seine Antworten streut er immer wieder Beschreibungen von Menschen ein, die bei ihm Rat und Unterstützung suchen. Beispielsweise erzählt er von einem Mann, der in einer obsessiven Liebe zu einer Exfreundin gefangen war, oder von der Therapeutin, die tödlich erkrankt ist und nun Abschied von ihren Patienten nehmen muss. Diese Art der Darstellung ist anschaulich und fesselnd. „Ich bin ein Geschichtenerzähler, war es immer“, sagt Yalom über sich selbst. „Das ist, was ich am besten kann.“
Für einen Mann, der drei Jahrzehnte Psychiatrieprofessor an der renommierten Stanford-Universität war, ist dies ein bemerkenswerter Satz. In der akademischen Welt zählen Fantasie, Erzähltalent und die Fähigkeit, persönliche Erfahrungen in schöne Sätze zu fassen, normalerweise nicht viel. Von Wissenschaftlern, die Karriere machen wollen, wird verlangt, dass sie ihre Forschungsergebnisse in nüchterne, mit Fachbegriffen gespickte Texte packen und in wissenschaftlichen Journalen veröffentlichen. Auch Yalom hat sich eine Zeitlang der Notwendigkeit gefügt, Fachartikel zu produzieren. Doch schon sehr früh in seiner Karriere hat er einen ganz eigenen Weg eingeschlagen und seine wissenschaftlichen Ambitionen mit seinem literarischen Talent vereint. Die Liebe zur Literatur zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Sie diente ihm als soziales und intellektuelles Sprungbrett, bestimmte seine Berufswahl und prägte den therapeutischen Ansatz, für den er steht.
In seinem Elternhaus gab es praktisch keine Bücher. Als Kind russischer Einwanderer wuchs er in einem heruntergekommenen Schwarzenviertel in der Mitte von Washington D.C. auf. Seine Eltern hatten keinerlei formale Ausbildung. Der Kampf um das wirtschaftliche Überleben nahm sie gänzlich ein; den größten Teil des Tages verbrachten sie in dem kleinen Getränke- und Lebensmittelladen, den sie betrieben und über dem die Familie wohnte. Yalom erinnert sich, dass seine Schwester und er fast jede Mahlzeit allein einnahmen. Seine Umwelt erlebte er als unangenehmen und gefährlichen Ort. Vor den Ratten und Kakerlaken im Haus ekelte er sich. Auf der Straße wurde er von Schwarzen drangsaliert, weil er weiß war, in der Schule von den Weißen wegen seines jüdischen Hintergrunds.
Lesen bedeutete Ruhe vor Angriffen und Foppereien. Die Literatur wurde zu seinem virtuellen Zufluchtsort: „Ich fand eine alternative, befriedigendere Welt, eine Quelle von Inspiration und Weisheit.“ Er war ein unersättlicher Leser und deckte sich in der öffentlichen Bibliothek mit Lesematerial ein. Er entdeckte die großen russischen Autoren, die er noch heute für erstklassige Psychologen hält, und las sich von A bis Z durch das riesige Regal von Biografien, das er in der Bücherei vorfand. Er versuchte sich auch selbst als Literat, schrieb Gedichte und kleine Geschichten. Wenn in der Schule ein Aufsatz auf der Tagesordnung stand, waren es meist seine Arbeiten, die gelobt und vor der Klasse vorgelesen wurden.
Nach der Highschool musste er sich für einen beruflichen Weg entscheiden. Heraus aus dem Getto, war seine oberste Prämisse. Dabei ging es weniger um den ökonomischen Aufstieg. Die Familie lebte mittlerweile recht komfortabel von ihrem Geschäft und war in eine bessere Gegend umgezogen. Doch Yalom wollte der geistigen Enge zu Hause entfliehen. Seine Eltern beschreibt er als sehr provinzielle Leute, die ganz in der Gemeinschaft russischer Juden lebten und es nicht gern sahen, wenn er sich mit anderen traf. Er aber wollte seine Perspektive erweitern: „Es war das intellektuelle, das literarische Leben, das mich lockte.“
Für einen intelligenten und ambitionierten jungen Mann mit seinem Hintergrund gab es zu diesem Zeitpunkt nur zwei Alternativen: Wirtschaft oder Medizin. Yalom entschloss sich, zur Medical School zu gehen. Seit einem Herzinfarkt des Vaters, den er als 14-Jähriger miterlebte und bei dem der herbeigeeilte Arzt großen Eindruck auf ihn gemacht hatte, zog ihn die Vorstellung an, als Arzt menschliche Pein lindern zu können. Aber was war mit seiner großen Sehnsucht nach der Literatur? Er fand einen Weg, seine beiden Wünsche zu verbinden. Innerhalb der Medizin schien ihm die Psychiatrie am nächsten bei Tolstoi und Dostojewski zu liegen: „Ich überlegte mir, wenn ich in die Psychiatrie gehe, wird mich das immer näher und näher zur geistigen Welt bringen. Letztlich hat mich die Liebe zur Literatur zur Psychiatrie gebracht.“
In der Rückschau ist sein Plan ziemlich perfekt aufgegangen. Seine Arbeiten gelten als originelle Verbindung von Psychologie und Literatur. Die New York Times beispielsweise schrieb über ihn, er beweise, „dass Psychotherapie in den Händen eines fähigen Autors den Stoff für die großartigste und einfallsreichste Belletristik liefern kann“. Zunächst allerdings erwischte er keinen guten Start. Das erste Jahr, das der 21-Jährige an der Medical School der George-Washington-Universität in Washington verbrachte, stellte sich als schlimmstes Jahr in seinem Leben heraus. Marilyn, damals noch seine Freundin, mit der ihn seit seinem fünfzehnten Lebensjahr eine Seelenverwandtschaft und enge Liebesbeziehung verband, verbrachte zwei Semester an der Sorbonne. Zwar schloss er Freundschaft mit ein paar Kommilitonen, aber zu den Professoren hatte er keinerlei persönlichen Kontakt. Einsamkeit, Lernstress und Versagensangst schienen ihn fast zu überwältigen.
Der Wendepunkt kam, als er an die Boston University wechselte und mit seiner psychiatrischen Ausbildung begann: Er entdeckte, dass er mit seinen Geschichten auch in der akademischen Welt landen konnte. Am Anfang des Semesters wurde jedem Studenten ein Patient zugewiesen, den es zu therapieren galt. Nach einigen Wochen war der Fall dann einer illustren Runde von Ärzten und Psychoanalytikern vorzustellen. Yalom betreute eine junge Frau, die ihm in der ersten Therapiesitzung erzählte, dass sie lesbisch sei. Da er nicht wusste, was dies bedeutete, entschloss er sich, seine Wissenslücke ehrlich zu offenbaren, und bat sie, ihn aufzuklären. Daraufhin entwickelte sich eine enge Beziehung zwischen ihnen: Sie informierte ihn darüber, was es heißt, homosexuell zu sein; er bemühte sich, ihr, so gut er konnte, bei ihren Problemen zu helfen. Seiner Präsentation des Falles sah er dennoch mit Schrecken entgegen, denn die Analytiker liebten es, mit komplizierten Formulierungen um sich zu werfen und den Vortrag des Studenten auseinanderzunehmen. Als Yalom aufgerufen wurde, trat er die Flucht nach vorn an. Er erzählte den Fall wie eine Geschichte: Wie sah die Patientin aus, was passierte bei der ersten Begegnung, wie hatte er sich gefühlt, wie verlief die Beziehung weiter? Er benutzte noch nicht einmal Notizen. Am Ende seines Berichtes war kein Ton im Auditorium zu hören. Dann meldete sich der erste Analytiker zu Wort und sagte so etwas wie: „Diese Präsentation spricht für sich selbst. Das ist eine bemerkenswerte Beziehung, zu der es nichts hinzuzufügen gibt.“ Die Kommentare der anderen fielen ähnlich aus. Noch heute, mehr als 50 Jahre später, erinnert sich Yalom, wie leicht es ihm gefallen war, die Geschichte zu erzählen: „Es war ganz natürlich für mich. Dies war ein großes Aha-Erlebnis: In diesem Moment wusste ich, dass ich meinen Platz in der Welt gefunden hatte.“
Seitdem hat er praktisch nie wieder aufgehört, Geschichten zu erzählen. Als er selbst Professor wurde, Vorlesungen hielt und Fallpräsentationen leitete, sicherte er sich so die Aufmerksamkeit seiner Studenten. Vor allem aber ließ er sein erzählerisches Talent und sein Wissen über Literatur in Bücher einfließen. Dabei befreite er sich immer mehr von den Fesseln der wissenschaftlichen Schreiberei und entwickelte eine ganz eigene Darstellungsform, die komplexe psychologische Sachverhalte auf literarische und unterhaltsame Weise präsentierte.
Der erste große Schritt war sein Lehrbuch über Gruppentherapie, das er 1970 veröffentlichte. Sein Interesse an Gruppen hatte während der Wehrdienstzeit, die er nach Abschluss der Arztausbildung absolvierte, begonnen. Während eines zweijährigen Einsatzes an einem Armeekrankenhaus auf Hawaii führte er Gruppentherapien mit erkrankten Soldaten durch und leitete Ausbildungsgruppen für junge Ärzte. Kurz danach wurde er Assistenzprofessor in Stanford und stieg noch tiefer in die Arbeit mit und Forschung über Gruppen ein. Da lag die Idee nicht fern, seine Erfahrungen in ein Buch zu fassen. Er startete mit zwei Kapiteln, in denen er in typisch wissenschaftlicher Manier die Literatur zum Thema vorstellte und Forschungsergebnisse präsentierte. Dann erfuhr er, dass er in Stanford zum Professor auf Lebenszeit ernannt worden war. „In diesem Moment entschloss ich mich, den Rest auf andere Art zu schreiben, in einer leserfreundlichen Art zu kommunizieren.“ Das Buch Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie stellte sich als außerordentlich erfolgreich heraus: Es liegt mittlerweile in der 5. Auflage vor und wurde in 17 Sprachen übersetzt. Das mag an Yaloms menschenfreundlichem Ansatz liegen, bei dem der Therapeut eine offene, ehrliche Beziehung zu den Patienten sucht und sich nicht hinter der Maske des distanzierten Experten versteckt. Es hat aber zweifellos auch mit der Art der Präsentation zu tun. Immer wieder hat Yalom von Studenten und Therapeuten den Satz gehört: „Wir lieben das Buch, weil es sich liest wie ein Roman.“
Auch inhaltlich ließ sich Yalom stark von der Literatur beeinflussen. Dies spielte insbesondere bei seinem zweiten großen Thema, der existenziellen Psychotherapie, eine Rolle. Bereits als Jugendlicher hatte ihn die psychologische Beobachtungsgabe der existenzialistischen russischen Schriftsteller fasziniert. Während seiner Zeit als Assistenzarzt hatte er sich intensiv mit Camus und Kafka befasst, über die seine Frau zu diesem Zeitpunkt gerade promovierte. Er stellte fest, dass er bei ihnen außerordentlich viel über die menschliche Natur und psychische Probleme lernen konnte – mehr als von Lehranalytikern, bei denen er eine traditionelle, 700-stündige Lehranalyse absolvierte und deren distanzierte, nüchterne Herangehensweise ihm wenig hilfreich erschien.
Die großen Autoren beschäftigten sich mit Fragen nach Sinn, Freiheit, Einsamkeit und Tod, die in der traditionellen Psychiatrie nicht thematisiert wurden, die aber für seine Patienten – und auch ihn selbst – wichtig waren. Zehn Jahre nahm er sich Zeit, seine umfangreichen Recherchen in einem Lehrbuch zusammenzufassen und in einen integrativen Ansatz einzubetten. In Existenzielle Psychotherapie, das 1980 erschien, stützt sich Yalom neben seinen klinischen Erfahrungen auf zahlreiche literarische und philosophische Quellen. Virginia Woolf, Thornton Wilder, Hannah Arendt, Samuel Beckett und Ernest Hemingway sind nur einige der Publizisten, auf die er sich bezieht. „Ich will den Lesern klarmachen“, erläutert er seinen Ansatz, „dass sich große Denker mit den gleichen Problemen und Fragen herumgeschlagen haben, mit denen auch sie kämpfen. Das ist für viele Menschen sehr beruhigend.“
Seine zwei Lehrbücher machten ihn unter Therapeuten weithin bekannt. Der Start seiner literarischen Karriere – und die eigentliche Befreiung als Autor – kam aber mit Die Liebe und ihr Henker, in dem er seine Erfahrungen mit Patienten in unterhaltsame, nachdenkliche Kurzgeschichten gießt. Bereits einige Jahre zuvor hatte er sich in einem Buch, das er zusammen mit einer Patientin geschrieben hatte, in einem literarischen Stil geübt. Doch erst mit dem Kurzgeschichtenband ließ er sich ganz auf eine narrative Erzählweise ein. Dabei scheute er sich nicht, die allzu menschliche Seite von Therapeuten zu beschreiben, ihre Frustrationen und Irritationen, ihre Eitelkeiten und Machtfantasien. Mancher Kollege war darüber nicht erfreut. „Es war wunderbar befreiend, dieses Buch zu schreiben“, so Yalom. „Aber ich bin für meine Offenheit auch ganz schön kritisiert worden.“ Eine breite Leserschaft hat es ihm gedankt. Eigentlich als Lehrstücke für Therapeuten gedacht, fanden seine Kurzgeschichten zahlreiche Fans auch außerhalb der Psychologenszene, und das Buch entwickelte sich bald zu einem internationalen Bestseller.
Der Erfolg gab Yalom Mut, sich an die Königsdisziplin der Belletristik zu wagen: den Roman. Drei Stück hat er bis heute zu Papier gebracht. Auch sie kreisen um die Fragen, die ihn am meisten interessieren: die Beziehung zwischen Therapeut und Patient, den Umgang mit Liebe, Einsamkeit und der eigenen Sterblichkeit, die Lebensweisheiten der großen Philosophen. Den Einstieg als Romanautor hat er durchaus als Herausforderung empfunden. Insbesondere sein zweiter Roman Die rote Couch, in dem er sich nicht wie in seinem ersten Buch Und Nietzsche weinte (das von Friedrich Nietzsche und dem Freud-Mentor Josef Breuer handelt) an realen Personen festhalten konnte, sei ein Sprung ins kalte Wasser gewesen, sagt er. Doch insgesamt, betont er, sei das Schreiben eine beglückende Tätigkeit für ihn: „Meist fließt es einfach aus mir heraus; ich habe selten eine Schreibblockade.“
Das heißt nicht, dass er niemals mit einem Buchprojekt kämpfen müsste. Bei seinem jüngsten Werk In die Sonne schauen beispielsweise (siehe auch Rezension Seite 88), in dem er sich mit der Angst vor dem Tod auseinandersetzt, musste er seine ursprüngliche Idee, eine Serie von sechs miteinander verbundenen, aber in unterschiedlichen Jahrhunderten spielenden Kurzgeschichten zu schreiben, umwerfen. „Ich habe Monate zugebracht, für die erste Geschichte über den Philosophen Epikur zu lesen, zu recherchieren, was Griechen zum Frühstück aßen und wie ihre Cafés aussahen“, erzählt er. „Da wurde mir klar, dass ein Buch über mehrere Epochen einfach zu aufwendig ist.“ So entschied er sich, ein Sachbuch zu schreiben. Das hat er in typisch Yalomscher Weise durch zahlreiche Geschichten aus seiner Praxis und literarische Zitate belebt.
Ein ganzes Kapitel ist seinen eigenen Erfahrungen mit Sterblichkeit und Todesangst gewidmet: Er schreibt dort über den Schreck des Fünfjährigen über das Ableben der Hauskatze Stripy, die Therapie, die er begann, als er während seiner Arbeit mit Krebspatienten von eigenen Ängsten überschwemmt wurde, über ein schreckliches Wochenende, an dem er sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen musste, tödlich erkrankt zu sein, und über den Schmerz, irgendwann einmal seine Frau zurücklassen zu müssen. Auch im persönlichen Gespräch redet er ganz offen über sich selbst. Er erzählt, dass er heute mit 77 Jahren weniger unter Angst vor dem Tod leide als vor 10 oder 20 Jahren: „Wenn einen der Gedanke an das eigene Ende quält, hat das oft mit dem Gefühl zu tun, nicht genug aus seinem Leben gemacht zu haben. Ich aber fühle heute sehr stark, dass ich alles erreicht habe, was in mir war. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Lebensbilanz.“ Das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit habe sein Leben reicher gemacht, sagt er, denn er habe gelernt, jeden einzelnen Moment zu schätzen. Es ist bemerkenswert, wie Yalom mit solchen Sätzen eine Atmosphäre von Vertrauen und Natürlichkeit schafft. Angesichts seiner Bereitschaft, Persönliches zu erzählen, fühlt man sich auf geheimnisvolle Art eingeladen, auch etwas über sich preiszugeben. Yalom ist sich dieser Wirkung bewusst; nicht ohne Grund ist Selbstoffenbarung eine zentrale Säule seines therapeutischen Konzeptes: „Ich glaube fest daran, dass man sich Menschen gegenüber authentisch verhalten muss, wenn man bei ihnen eine Veränderung herbeiführen will.“
Bei vielen seiner Leser ist ihm das offenbar gelungen, wenn man den zahlreichen E-Mails und Briefen glaubt, die er aus aller Welt erhält. Darin berichten Therapeuten und Studenten, aber auch fachfremde Leute, wie sehr ihnen seine Bücher weitergeholfen haben, und fragen auch schon mal um Rat. Er versucht, jedem zu antworten, zumindest ein paar Zeilen. Den Austausch mit Lesern empfindet er fast wie eine virtuelle Praxis, einen virtuellen Vorlesungssaal. 1994 hat er sich in Stanford frühzeitig emeritieren lassen, unter anderem deshalb, weil die Psychiatriestudenten mehr Interesse an Pharmakologie als an therapeutischen Ansätzen hatten. Er vermisse die Lehre nicht, sagt er: „Heute betrachte ich das Schreiben als meine Art des Lehrens.“
Bücher von Irvin Yalom – eine Auswahl:
© Psychologie Heute 2010
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Psychologie Heute 2/2009, Seite 36 ff. Heft 2/09 bestellen
Fotos: Joseph Siroker
Jeden Monat stellen wir Ihnen auf unseren Internetseiten eine der wichtigsten, innovativsten und prägendsten Persönlichkeiten aus Psychologie, Psychotherapie und Sozialwissenschaften vor. Die Artikel entstammen unserer Heftserie „Das Porträt“.
Lesen Sie in diesem Monat über Florian Holsboer
Mitte September folgt ein Porträt von:
Bildnachweis Porträts:
Foto von Klaus Dörner: agenda (Michael Kottmeier)
Loftus: Axel Koester
Holsboer, Jellouschek, Moser, Petzold, Riedel, Rohde-Dachser, Stierlin, Willi: Stefan Blume
Birbaumer, D. Dörner, Hell, Prinz, Stern, Tausch: Mathias Ernert
Czikszentmihalyi: Ricardo Herrgott
Baltes: Nina Höffken
Kahneman, Kernberg, Solms: Jürgen Frank
Jaeggi: Ingmar Kurth
Schulz von Thun: Anja Lubitz
Leuzinger-Bohleber: Pat Meise
Yalom: Joseph Siroker
Kast: Judith Stadler

Im Jahr 2004 konnten wir auf 30 Jahre Psychologie Heute zurückblicken. Aus diesem Anlass haben wir exklusiv für unsere Leser das Jubiläumsbuch „Faszination Psychologie“ aufgelegt. Es versammelt 100 Beiträge bedeutender Autoren aus drei Jahrzehnten … mehr