Gebäude aus den 1960er Jahren können auf merkwürdige Art gleichzeitig modern und altmodisch wirken. Das Sigmund-Freud-Institut (SFI) ist ein solcher Bau. Mit seinen klaren Linien hebt es sich deutlich von den traditionellen Gründerzeitvillen im Frankfurter Westend ab. Doch mit blauen Klinkern würde heute niemand mehr bauen. Auch innen präsentiert sich das Haus in einer Mischung aus Nüchternheit und Farbe. Geht man an der schlichten Pförtnerloge vorbei und betritt das offene Treppenhaus, fallen sofort die in vielen unterschiedlichen Farbflächen gestalteten Flurwände auf.
Seit 1964 beherbergt der Klinkerbau in der Myliusstraße das Forschungsinstitut, das den Namen des Urvaters der Psychoanalyse trägt. Die Organisation ist auch mit anderen großen Namen verbunden. Die Gründung – 1959 noch als „Institut und Ausbildungszentrum für Psychoanalyse und Psychosomatik“ – erfolgte auf Anregung von Theodor Adorno und Max Horkheimer. Erster Direktor war Alexander Mitscherlich, der mit Büchern wie Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft und Die Unwirtlichkeit unserer Städte Aufmerksamkeit erregte. Von 1992 bis 2002 stand Horst-Eberhard Richter dem Institut vor und führte die Tradition von Psychoanalyse als aufklärerischer, sozialanalytischer Wissenschaft von Mensch und Gesellschaft fort.
Marianne Leuzinger-Bohleber, die heutige geschäftsführende Direktorin des Instituts, ist eine zierliche, aber energievolle Frau. In ihrem strahlend grünen Blazer mit passendem Tuch und der flotten Frisur wirkt die 60-Jährige unbeschwert und modern. Es geht etwas Warmes von ihr aus. Vielleicht ist es die Stimme mit dem charmanten Schweizer Akzent oder das herzliche Lachen, das immer wieder ihre Ausführungen unterbricht.
Als sie von ihrem Start am Institut erzählt, wird sie allerdings ernst. Seit 2002 teilt sie sich den Direktorenposten mit Rolf Haubl, Professor für Soziologie und psychoanalytische Sozialpsychologie an der Universität Frankfurt. Nur wenige Monate, nachdem das Duo die Arbeit aufgenommen hatte, schien alles schon wieder zu Ende zu sein. Der wichtigste Finanzier, das Land Hessen, kündigte die Kürzung der Finanzmittel um 50 Prozent an. Das Institut stand vor dem Aus. Die Direktoren mussten die Zahl der Mitarbeiter drastisch zurückfahren. Die Entlassungen durchzuziehen fiel Leuzinger-Bohleber äußerst schwer: „Hätte ich gewusst, dass diese Aufgabe auf mich zukommt, hätte ich den Job nicht angenommen.“
Auch die beiden Direktoren übten sich in Bescheidenheit: für jeden nur eine halbe Direktorenstelle und die Hälfte des Büros, in dem Horst-Eberhard Richter einstmals residierte. Vor allem aber krempelten sie das Forschungsprogramm komplett um. Die zahllosen Einzelprojekte, aus denen das Forschungsportfolio bestand, wurden zugunsten von einigen wenigen Großprojekten eingedampft. Diese befassen sich mit gesellschaftlich brisanten Themen. Im klinischen und Grundlagenbereich, den Leuzinger-Bohleber verantwortet, geht es um die Volkskrankheit Depression, Frühprävention, ADHS bei Migrantenkindern und die ethischen Konflikte bei genetisch bedingten Abtreibungen. Das Konzept scheint aufzugehen. Finanzgeber wie die EU und die Hertie-Stiftung konnten gewonnen und das Volumen an Drittmitteln vervierfacht werden. Seit kurzem beteiligt sich das Institut an einem großen Projekt zur Bildungsforschung im Rahmen des Loewe-Exzellenzprogramms der hessischen Landesregierung. Auch international spielt es in der ersten Liga psychoanalytischer Forschung mit.
Marianne Leuzinger-Bohleber ist erkennbar erleichtert über den Erfolg. Sie weiß aber auch, wie eng der Grat ist, auf dem sie wandert. „Es war mir von Anfang an bewusst“, betont sie, „dass es eine große Aufgabe ist, die Geschichte des Hauses wertschätzend aufzunehmen, aber sie in eine Zeit zu stellen, die ganz anders ist als die Zeiten von Richter und Mitscherlich.“ Den Spagat zwischen Tradition und Veränderung sieht sie als wichtige Integrationsaufgabe an. „Man darf sich nicht einschüchtern lassen durch die großen Väter, aber auch nicht ihre Größe schmälern.“ Sie gibt zu, dass sie manchmal auf ihre Vorgänger neidisch ist. Die konnten sich noch hinstellen und mit großem Gestus psychoanalytische Deutungen von Gesellschaft und Weltpolitik liefern. „Das nimmt uns heute niemand mehr ab. Wir müssen Forschung anders angehen und uns an Kriterien messen lassen, die nicht unbedingt wir gesetzt haben. Gleichzeitig müssen wir sehen, dass unsere Wurzeln und unsere Identität sichtbar bleiben. Das ist nicht leicht, aber ich hoffe, dass ich da viel einbringen kann.“
Ihr Verständnis von Wissenschaft hat zweifellos bei der Rettung des Instituts eine große Rolle gespielt. Das wurde insbesondere in der akuten Krise offenbar. Die Professorin, die seit 20 Jahren einen Lehrstuhl an der Universität Kassel hat, ist international hervorragend vernetzt. Sie hat bei vielen Projekten mit ausländischen Wissenschaftlern kooperiert und leitet bei der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ein wichtiges Forschungskomitee. Auch ihr Mann Werner Bohleber, Herausgeber der Zeitschrift Psyche und ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung, ist international bekannt. Als die Schließung des SFI im Raume stand, mobilisierte sie die internationale Community. Innerhalb von drei Wochen flatterten 720 Solidaritätsbekundungen und Protestbriefe von Wissenschaftlern aus aller Welt ins Haus. „Dieser Rückhalt war für das Haus überlebenswichtig und wird es auch in Zukunft sein.“
Auf den ersten Blick scheint es erstaunlich, dass diese kommunikative, weltgewandte Frau aus einem abgelegenen Bergkanton in der Schweiz kommt. In dem kleinen Dorf Netstal in den Glarner Bergen ist sie aufgewachsen. Ein Bild in ihrem Büro zeigt den Flecken inmitten gewaltiger Dreitausender. In dieser Gegend gibt es viele Depressionen, erzählt sie, weil es oft so düster und eng ist. Die Familie wohnte in einem „wunderschönen Haus am Wald“. Von Einsamkeit und Ruhe war hier allerdings keine Spur. Außerordentlich lebendig sei es dort zugegangen, erinnert sich Leuzinger-Bohleber. Die Kinder, zwei Mädchen und zwei Jungen, tobten Sommer wie Winter draußen herum: „In unserem Garten war immer die halbe Dorfkinderschaft versammelt.“
Auch die Eltern waren alles andere als isoliert. Der als Beamter tätige Vater und die Mutter („eine sehr kreative und vitale Frau aus einem großen Geschäftshaushalt“) engagierten sich bei den „Religiösen Sozialisten“ und waren in ein großes internationales Netzwerk eingebunden. Die Freunde aus aller Welt halfen auch, als die Familie einige schwere Schicksalsschläge in Form von Krankheit und Unfall hinnehmen musste. „Ich erlebte, wie hilfreich es für meine Eltern war, dass es da Menschen gab, die zuhören und mit anpacken konnten. Das hat mich sehr geprägt.“
Mit 16 ging sie für ein Jahr als Austauschschülerin in die USA. Nach dem Abitur zog sie dann nach Zürich, wo sie zunächst Medizin studierte. Daneben belegte sie Vorlesungen in Literaturwissenschaften und Chinesisch. Ihr Traum: als Kinderärztin in die Entwicklungshilfe zu gehen. Außerdem widmete sie sich intensiv der Musik. Dabei spielte ihr erster Mann, ein Musiker, eine große Rolle. Sie nahm Gesangsstunden, sang im Madrigalchor ihres Mannes. Im Alter zwischen 20 und 30 war die Musik fast die Hauptbeschäftigung in ihrem Leben.
In ihrem Studium hatte sie derweil eine für ihren weiteren Berufsweg entscheidende Veränderung vorgenommen: Sie war von der Medizin zur Psychologie gewechselt. Dafür gab es eine ganze Reihe von Gründen. Einer war ganz pragmatisch. Es war ihr klargeworden, dass sie ihren großen Kinderwunsch so besser würde realisieren können. „Therapieren ist eigentlich ein idealer Beruf für Frauen“, findet sie noch heute, „weil man dosieren kann, wie viel man arbeitet.“ Eine einjährige Tätigkeit in der Kinderpsychiatrie in Winterthur gab ihr die Sicherheit, für die therapeutische Arbeit geeignet zu sein. Auch die Faszination für die Psychoanalyse trug zu ihrer Entscheidung bei. Sigmund Freud war schon auf dem Gymnasium eine wichtige Lektüre: „Die Texte haben mich regelrecht elektrisiert. Er ist ein wunderbarer Poet.“ Vor allem aber fand sie in seinen Schriften „eine der intellektuell anspruchsvollsten Theorien über den Menschen“, eine Einschätzung, an der sich bis heute nichts geändert hat. Aber auch eigene Erfahrungen zogen sie zur Psychologie und speziell zur Psychoanalyse hin: „Ich habe die Psychoanalyse ganz persönlich als Methode erlebt, die mir beim Umgang mit seelischem Leid sehr gut geholfen hat.“
Das heißt nicht, dass sie andere Schulen ablehnt. Es hat ihrer Meinung nach nicht nur Nachteile, dass sich der Therapeutenmarkt immer mehr differenziert und die Psychoanalyse nicht mehr die alleinige therapeutische Möglichkeit ist, weil „wir mit unserer Methode nicht alle ansprechen können“. Sie selbst kennt sich mit anderen Schulen sehr gut aus, hat sie doch neben der Psychoanalyse auch eine Ausbildung in Gesprächs- sowie Verhaltenstherapie abgeschlossen. Das hat sie ihrem Doktorvater Ulrich Moser zu verdanken, an dessen Lehrstuhl in Zürich sie mehrere Jahre tätig war. „Er verlangte, dass alle Assistenten diese drei Ausbildungen absolvierten. Das stürzte uns natürlich in wahnsinnige Identitätskonflikte. Aber ich bin heute dankbar, dass er uns zwang, die anderen Richtungen gründlich kennenzulernen.“
Ihr Wissen um die anderen Schulen kann sie in für das SFI wichtige Studien einfließen lassen. So ist gerade die „Frankfurter Depressionsstudie“ in vollem Gange, eine große Untersuchung mit chronisch Depressiven, international die erste, die sich nicht mit kurzen Behandlungen, sondern mit Langzeittherapien befasst. Darin werden die Behandlungserfolge einer psychoanalytischen Therapie mit den Ergebnissen von kognitiv-behavioralen Therapien verglichen. Fast 90 Patienten wurden bereits rekrutiert, 240 sollen es insgesamt werden und das Institut noch rund zehn Jahre beschäftigt halten. „Eine solche schulenvergleichende Studie kann man nur unter zwei Bedingungen machen“, betont Leuzinger-Bohleber, die die Untersuchung zusammen mit einem interdisziplinären Team leitet. „Erstens muss man eine grundsätzliche Akzeptanz für die anderen Richtungen haben. Und zweitens muss man sich über die eigene Identität klar sein, also genau wissen, warum man selbst die eigene Richtung vertritt.“
An ihrem starken Identitätsgefühl als Psychoanalytikerin kann kein Zweifel bestehen. Unermüdlich setzt sich Marianne Leuzinger-Bohleber für die Psychoanalyse im Allgemeinen und das Sigmund-Freud-Institut im Besonderen ein. Sie verhehlt nicht, dass sie die vielfältigen Angriffe, die heutzutage gegen die Schule Freuds geführt werden, schmerzen. Die Kritik beispielsweise, dass Psychoanalytiker zur Idealisierung ihres Nestors neigen, findet sie ungerecht. „In den psychoanalytischen Gesellschaften hat sich in dieser Hinsicht sehr viel getan“, betont sie. „Da werden heftige Diskussionen über alle möglichen Themen, vom Wissenschaftsverständnis bis hin zu den Weiblichkeitskonzepten Freuds, geführt.“ Auch den Vorwurf, die psychoanalytische Lernkultur mit Meister und Schüler setze eine ungesunde Unterwerfungshaltung bei den Schülern voraus, hält sie für eine einseitige Sichtweise. Eine psychoanalytische Behandlung könne bei den Patienten außerordentlich starke Wirkungen haben; da sei die Supervision durch einen erfahrenen Therapeuten schon angebracht. Zudem hätten die psychoanalytischen Organisationen Instanzen geschaffen, bei denen sich die Auszubildenden beschweren können, wenn sie mit der Supervision oder anderem unzufrieden sind.
Marianne Leuzinger-Bohleber ist aber durchaus bereit, die Psychoanalyse als Behandlungsmethode auf den Prüfstand stellen zu lassen: „Wenn wir wollen, dass die Krankenkassen unsere Therapien bezahlen, müssen wir die Wirksamkeit belegen und können nicht sagen ‚Das interessiert uns nicht‘.“
In ihrer Arbeit hat sie dem auch immer wieder Rechnung getragen. Zwischen 1997 und 2003 beispielsweise leitete sie zusammen mit zwei Kollegen (Ulrich Stuhr und Manfred Beutel) eine großangelegte Ergebnisstudie mit über 200 Analytikern und 400 ehemaligen Patienten, die die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit der Psychoanalyse untersuchte. Auch in der Depressionsstudie und anderen am SFI laufenden Untersuchungen spielt die Frage des Behandlungserfolges eine große Rolle (siehe Heft 8/2006: „Depressive müssen sich angenommen fühlen in ihrem Leid“). „Aber das heißt nicht“, betont sie, „dass diese Studien nur der Legitimation dienen. Wir lernen auch viel Neues, das der verbesserten Behandlung dieser Patientengruppe zugute kommt.“
Ihr pluralistisches Wissenschaftsverständnis hat sie zu einer der bekanntesten forschenden Psychoanalytiker gemacht. „International genießt sie eine erstklassige Reputation“, sagt Professor Georg Bruns, Leiter der Forschungskommission der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung. „Sie sitzt mit am Tisch der psychoanalytischen Topforscher in der Welt“, bestätigt Peter Fonagy, Professor am University College in London und Geschäftsführer des Londoner Anna Freud Centre. „Insbesondere in der Konzeptforschung spielt sie eine führende Rolle.“ Die von ihr geleitete Depressionsstudie werde die psychoanalytische Depressionsforschung einen großen Schritt vorwärts bringen, prognostiziert er, und ein historisch bedeutsamer Meilenstein in diesem Bereich sein.
Es gab Zeiten, in denen Marianne Leuzinger-Bohleber nie mit einem solchen Erfolg gerechnet hätte. Ihre berufliche Karriere ist durchaus nicht ohne Brüche verlaufen. So hat sie für einige Jahre den Beruf zugunsten der Familie weitgehend zurückgestellt. Als frisch promovierte Psychologin war sie 1980 von Zürich nach Stuttgart zu ihrem zweiten Mann Werner Bohleber gezogen. Nach der Geburt zweier Kinder kam eine Tätigkeit an der Universität oder als Therapeutin für sie zunächst nicht mehr in Betracht: „Ich wollte diese Kleinkinder nicht abgeben, sondern selbst möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen.“ Das sei nicht ideologisch zu verstehen, betont sie, sondern sei ihr ganz persönliches Bedürfnis gewesen. Mithilfe eines Habilitationsstipendiums der Universität Ulm konnte sie sich ihr Leben gut einrichten. Sie arbeitete zu Hause und hatte so genug Flexibilität, sich intensiv um Sohn und Tochter zu kümmern. Die vielen nachmittäglichen Stunden auf dem Spielplatz und in der freien Natur führten sie wieder in die schöne Zeit der eigenen Kindheit zurück: „Da war so eine Sinnlichkeit und Kreativität.“ Noch heute empfindet sie die Erfahrung, Mutter zu sein, als absolutes Geschenk.
Die Karriere war für sie ganz in den Hintergrund getreten. Doch dann stellte sie fest, dass sie einen hohen Marktwert hatte: Sie war habilitiert, Analytikerin und eine Frau. Das war genau die Kombination, die die Universität Kassel 1985 händeringend suchte. Erst wollte sie sich gar nicht bewerben: Die Tochter war noch ein Baby, und die Entfernung zwischen Stuttgart und Kassel schreckte sie ab. Doch dann setzten sich doch Neugier und auch „ein gewisser Kick“ durch. Nach einigem Hin und Her bekam sie schließlich 1988 eine Professur für Psychoanalyse. Mittlerweile war die Tochter drei Jahre alt; der Umzug der Familie nach Frankfurt verringerte das Pendlerproblem.
Am Lehrstuhl in Kassel, den sie neben dem Direktorenposten am SFI heute immer noch besetzt, hat sie im Laufe der Jahre zahlreiche Studien durchgeführt, „oft zusammen mit meiner sehr unterstützenden Kollegin, der Erziehungswissenschaftlerin Ariane Garlichs“, wie sie betont. Die beiden Frauen beschäftigten sich immer wieder auch mit aktuellen gesellschaftlichen Themen, beispielsweise mit den psychischen Folgen von Arbeitslosigkeit bei Lehrern und unterschiedlichen Sozialisationssystemen in den beiden neu vereinigten deutschen Teilen. Die Breite und Tiefe ihrer Erfahrung als Forscherin hat zu der Entscheidung, sie an das SFI zu holen, sicherlich beigetragen, ebenso wie ihr integratives Naturell. Kollegen wie Fonagy und Bruns loben ihre Fähigkeiten als Netzwerkbauerin und Vermittlerin. Sie weiß selbst, dass sie ein ausgeprägter Teamplayer ist und unterschiedliche Menschen und Perspektiven zusammenführen kann. Als Teil einer Doppelspitze – die sogar als Dreierspitze geplant war und mittelfristig auch entsprechend erweitert werden soll – ist diese Fähigkeit am SFI eine wichtige Ressource.
Öffentliche Auftritte, die sie als geschäftsführende Direktorin einer international bekannten Organisation immer wieder absolvieren muss, macht sie dagegen nicht so gern, wie sie sagt. Dem Bild des jederzeit von sich selbst überzeugten Ordinarius, der niemals eine Schwäche zeigt, mag sie nicht entsprechen. Mancher allerdings findet, dass dies gerade ihre Stärke ist. „Die Art, wie sie ihre kleinen Unsicherheiten humorvoll kommentiert, sich auch mal verletzlich gibt“, meint Georg Bruns, „macht sie sehr zugänglich und sympathisch.“
Neben öffentlichen Auftritten und Verwaltungsaufgaben reserviert sie für die Forschung viel Zeit. Nicht nur, dass sie Forschungsanträge schreibt, sie nimmt auch immer wieder an den eigentlichen Untersuchungen teil. Das ist für sie alles andere als eine lästige Pflicht: Es erlaubt ihr, in nahen Kontakt mit leidenden Menschen zu kommen. In der laufenden Depressionsstudie ist sie eine der teilnehmenden Therapeuten. „Es ist berührend, wenn man sieht, wie Menschen, die 20 oder 30 Jahre an schweren Depressionen gelitten haben, sich langsam daraus befreien.“ Auch in einem gerade abgeschlossenen Projekt zu den ethischen Konflikten durch pränatale Diagnostik hat sie sehr eindrucksvolle Erfahrungen gemacht. In den Gesprächen mit Frauen, die sich in einem späten Stadium der Schwangerschaft für eine Abtreibung entschieden hatten, kamen „intensivste Affekte“ zutage, wie sie sich erinnert: „Wir mussten die Frauen während der Gespräche einfühlend begleiten und halten, damit sie über ihr Entsetzen, ihren Schock, ihre Verzweiflung sprechen konnten.“ Solche Erfahrungen entschädigen sie dafür, dass sie als SFI-Direktorin ihre private Therapiepraxis aus zeitlichen Gründen zurückfahren musste.
In Zukunft wird sie sich ihre Zeit noch besser einteilen müssen. Das Sigmund-Freud-Institut steckt mitten in einem großen Erweiterungsprojekt: Das Haus soll um ein Stockwerk aufgestockt und zu einem Zentrum ausgebaut werden, in dem mehrere psychoanalytische Institutionen unter einem Dach eng zusammenarbeiten. Das Jüdische Psychotherapeutische Beratungszentrum und das Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie sind bereits eingezogen. Später soll auch das Frankfurter Psychoanalytische Institut, das sich seit 1995 um die Ausbildung von Analytikern im Rhein-Main-Gebiet kümmert, in die Myliusstraße übersiedeln. Die Idee, eine vierte Etage draufzusatteln, ist Marianne Leuzinger-Bohleber mitten in der größten Krise gekommen. Als Teil eines psychoanalytischen Zentrums, so ihre Überzeugung, wird das Sigmund-Freud-Institut für die Herausforderungen der Zukunft noch besser gerüstet sein. Die altmodischen blauen Klinker werden aber wohl auch nach dem Umbau erhalten bleiben.
© Psychologie Heute 2010
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Psychologie Heute 12/2008, Seite 60 ff. Heft 12/08 bestellen
Fotos: Pat Meise
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Czikszentmihalyi: Ricardo Herrgott
Baltes: Nina Höffken
Kahneman, Kernberg, Solms: Jürgen Frank
Jaeggi: Ingmar Kurth
Schulz von Thun: Anja Lubitz
Leuzinger-Bohleber: Pat Meise
Yalom: Joseph Siroker
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