www.psychologie-heute.de | Wolfgang Prinz im Porträt
DAS PORTRÄT
WOLFGANG PRINZ

„Ich wollte nichts verbessern, nichts verändern, sondern nur wissen“

Ein Porträt von Annette Schäfer

Durch seine pointierten Äußerungen zum Thema „Willensfreiheit“ wurde Wolfgang Prinz einer großen Öffentlichkeit bekannt. Grundsätzliche Fragen zur menschlichen Psyche interessieren den Direktor am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften seit seinem 17. Lebensjahr. Obwohl sich die experimentelle Forschung, die er betreibt, eher mit Detailproblemen befasst, hat er den Blick auf das große Ganze nie verloren.

Ein oder zwei Veranstaltungen zum Thema „Willensfreiheit“ hat Wolfgang Prinz für 2006 noch zugesagt. Danach aber will er dazu nichts mehr öffentlich sagen: „Irgendwie ist die Sache jetzt ausgereizt. Ich sehe nicht, dass da noch etwas Neues kommt, und den Leuten immer wieder das Gleiche zu erzählen ist nicht interessant.“

An der Debatte um den freien Willen des Menschen, die in den letzten zwei oder drei Jahren die Gemüter hierzulande erregte, war der Kognitionspsychologe intensiv beteiligt. Seine Position ist ebenso pointiert wie kontrovers: Einen freien Willen als Naturtatsache gibt es nicht. Wenn sich Menschen dennoch als Herrscher über ihre Entscheidungen und Handlungen fühlten, dann sei das ein psychologisches Konstrukt, behauptet er. Dass viele Menschen mit dieser These nichts anfangen können, sich durch sie sogar regelrecht brüskiert fühlen, ist dem Forscher wohl bewusst. Dennoch – oder gerade deshalb – hat es ihm Spaß gemacht, an der Diskussion teilzunehmen. Es sei ganz amüsant, sich im Rahmen einer solchen Bürgerschreckdebatte zu Wort zu melden, sagt er, denn in der Öffentlichkeit als Buhmann dazustehen habe durchaus seinen Reiz. Vor allem aber schätzt er den PR-Effekt, den der lebhafte Diskurs entfaltet hat: „Das Thema erlaubt, Ideen aus der eigenen Forschung an ein einflussreiches Publikum heranzutragen, das sich sonst niemals für diese Arbeit interessieren würde.“

Als provokativer Bürgerschreck eignet sich Wolfgang Prinz eigentlich kaum. Eher schon als sympathischer Werbeträger für sein Fach. Zum Interview hat er in das neue Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig eingeladen, das 2003 durch Zusammenlegung von zwei kleineren Instituten entstanden ist. Erst in den letzten Monaten ist Prinz mit Mitarbeitern und Labors von München in die Sachsenmetropole gezogen. Sein neues Büro in Leipzig wirkt noch etwas kahl und leer. Dennoch fühlt man sich bei ihm wohl. Der 62-jährige Wissenschaftler strahlt Ruhe, Konzentration und Offenheit aus. Er spricht mit dunkler, wohlklingender Stimme, unterstreicht seine Worte mit sparsamen Gesten. Die zahlreichen Fragen zu Werdegang und Person beantwortet er geduldig und mit Präzision.

Anschaulich erläutert er, worum es in seiner kognitionspsychologischen Grundlagenforschung geht. Die hat ihm internationales Renommee und einen Leibniz-Preis beschert, hätte seinen Namen aber sicherlich kaum in Feuilletonfeatures und Stammtischdiskussionen gebracht. Denn die Psychologie, die er in seinen Labors betreibt, zeichnet sich weniger durch philosophische Höhenflüge als vielmehr durch mühevolle empirische Detailarbeit aus. „Der Spagat zwischen den abstrakten Fragen, die wir verfolgen, und den konkreten Experimenten ist oft riesig“, räumt Prinz ein. „Man braucht viele Übersetzungsschritte, um einen Bezug herzustellen.“

Praktisch jeden Tag führt das Prinz-Team, das neben dem Chef aus sieben Wissenschaftlern und zehn bis zwölf Doktoranden besteht, psychologische Experimente durch. Zwei Mitarbeiterinnen sind nur damit befasst, den Pool von rund 2000 potenziellen Versuchspersonen zu betreuen. Die Untersuchungen finden in kleinen Räumen statt, die mit Computermonitoren und Geräten zur Messung von Reaktionszeiten und Körperbewegungen ausgestattet sind. Neben EEG- und MEG-Geräten stehen im modernen Leipziger Institut auch zwei Magnetresonanztomografen bereit, die es erlauben, dem Gehirn bei der Arbeit zuzusehen.

Gemeinsames Merkmal der zahlreichen Experimente: Sie sollen Aufschluss darüber geben, wie Wahrnehmungen und Handlungen von Menschen zusammenhängen. In einer Versuchsreihe hat Prinz beispielsweise so genannte ideomotorische Bewegungen untersucht. Das sind unbewusste Bewegungen, die ein Mensch ausführt, wenn er etwas mit Interesse und Engagement beobachtet. Das kann zum Beispiel ein Fußballfan sein, der automatisch die eigenen Beine bewegt, während er eine spannende Szene im Fernsehen verfolgt, oder ein Kegelspieler, der mit dem Körper mitgeht, während er sieht, wie die Kugel auf die Kegel zurollt. In anderen Studien ging der Forscher der Frage auf den Grund, was genau im Gehirn vor sich geht, wenn ein Mensch versucht, Bewegungen, die er bei anderen sieht, zu imitieren, oder wenn zwei Personen sich bemühen, ihre Handlungen aufeinander abzustimmen, wie es zum Beispiel beim gemeinsamen Musizieren notwendig ist.

Das Zusammenspiel zwischen Kognition und Handlung zu entschlüsseln, dieses Ziel hat Wolfgang Prinz praktisch sein ganzes Forscherleben lang verfolgt. Dahinter steht allerdings ein Interesse, das noch viel älter ist. Auslöser war ein Buch, das ihm als 17-Jährigen zufällig in die Hände fiel: „Das Erwachen der Menschheit“ von Herbert Kühn, ein Sachbuchklassiker, der die Urgeschichte der Menschheit bis zum Ende der Eiszeit beschreibt. „Seitdem las ich alles über die menschliche Evolution, was mir in die Finger kam“, erinnert sich der Wissenschaftler.

Wie hat sich der Mensch aus den tierischen Vorfahren entwickelt, und warum ist er genau so, wie er ist? Fragen wie diese wissenschaftlich zu erforschen, so stellte sich der junge Mann seinen zukünftigen Beruf vor. Wie das im Einzelnen aussehen könnte, wusste er nicht genau. Eine Kombination aus Psychologie, Soziologie und Zoologie schien ihm aber eine gute Grundlage zu sein. Als Studienort wählte er Münster. Das war weder zu nah noch zu weit von Neuss entfernt, wo Prinz als einziges Kind einer Kriegerwitwe aufgewachsen war. Außerdem wurden hier seine Wunschfächer von renommierten Professoren gelehrt. So nahm er 1962 sein Studium auf. Die Soziologie tauschte er dann allerdings schnell gegen die Philosophie aus. Auch die Zoologie war weniger spannend als gedacht. Von der Psychologie aber war er angetan, und so stieg sie zu seinem Hauptfach auf.

Dieses wurde von Wolfgang Metzger gelehrt, der nicht nur ein angesehener Vertreter der Gestaltpsychologie, sondern auch ein beeindruckender Ordinarius alter Schule war. An die charismatische Ausstrahlung und feste Haltung seines Lehrers erinnert Prinz sich noch gut: „Das wissenschaftliche Ethos, das er verkörperte, hat mich sehr beeindruckt und geprägt. Wissenschaftliches Ethos, das hieß Experimente zu machen, theoretische Ideen ehrlich zur Diskussion zu stellen und gegebenenfalls von ihnen wieder abzulassen.“ Auch die von Metzger vertretene Gestalttheorie gefiel ihm zunächst gut. Seine Begeisterung erfuhr allerdings einen empfindlichen Dämpfer, als er merkte, dass es in der Psychologie noch andere wichtige Ansätze gab, von denen er so gut wie nichts wusste: „Praktisch vom ersten Semester an hat Metzger uns vermittelt, dass wir zur Lösung sämtlicher psychologischer Fragestellungen nur die Gestalttheorie kennen müssten und dass man alles, was außerhalb Deutschlands in der Welt der Psychologie passiert, eigentlich vergessen könne. Erst als ich mein Diplom schon in der Tasche hatte, wurde mir klar, wie einseitig und provinziell meine Ausbildung war.“

Zweifel an seinem Berufswunsch, Forscher zu werden, hatte er dagegen nie: „Die Vorstellung, den ganzen Tag zu ergründen, wie der Mensch beschaffen ist, das hat mich von Anfang an fasziniert. Ich wollte nichts verbessern, nichts verändern, sondern nur wissen. Und das ist es auch, was mich heute fasziniert.“ Dabei sei sein Interesse immer auf Universalien, auf die allgemeinen anthropologischen Fragen gerichtet gewesen, betont er, nicht auf das individuelle Einzelschicksal. Insofern sei es genau richtig, dass er in der allgemeinen Psychologie gelandet sei, die auf der Idee allgemein gültiger Regeln und Strukturen basiert. „Im Grunde tue ich genau das, was ich mir als 17-Jähriger erträumte.“ Das kommt ihm wohl selbst ein wenig komisch vor. Ein Kollege habe mal zu ihm gesagt, seine Berufsbiografie sei ja erstaunlich gradlinig verlaufen, erzählt er und ergänzt: „Das heißt wohl nichts anderes, als dass sie ein bisschen langweilig ist.“

In der Tat kann man die lupenreine Forscherkarriere, die Wolfgang Prinz seit Abschluss seines Studiums hingelegt hat, in wenigen Sätzen zusammenfassen: erst eine neunjährige Assistenzzeit am Psychologischen Institut der Ruhr-Universität Bochum mit Doktorarbeit und Habilitation zur gerade aufkommenden Cognitive Psychology; dann 15 Jahre ordentlicher Professor für experimentelle und angewandte Psychologie an der Universität Bielefeld; 1990 der Wechsel nach München, wo er acht Jahre lang ein Doppelamt als Universitätsprofessor für Psychologie und Philosophie sowie als Direktor am Max-Planck-Institut (MPI) für Psychologische Forschung innehatte, seit 1998 schließlich hauptamtlicher Direktor am Münchner MPI, dessen Fusion mit dem Leipziger MPI er aktiv vorangetrieben hat.

Eine solche Kurzfassung bedeutet allerdings, spannende Facetten seines Werdegangs außer Acht zu lassen. Etwa die Beharrlichkeit, mit der er Themen, die ihn interessieren, verfolgt. Da ist zum Beispiel die Frage, welche Bedeutung Handlungen für die Entwicklung und Funktionsfähigkeit des menschlichen Gehirns haben. Schon bei seiner evolutionsbiologischen Lektüre als Gymnasiast sei ihm klar geworden, unterstreicht Prinz, dass der Mensch dafür optimiert sei, Handlungen zu produzieren, die sein Überleben bestmöglich sicherstellen: „Ich verstand, dass der menschliche kognitive Apparat in Wahrheit gar nicht das ist, was der Name suggeriert, ein Apparat zum Erkennen der Welt, sondern vielmehr ein Apparat zur optimalen Handlungssteuerung.“ Dass sich sein Verständnis der menschlichen Psyche in der Psychologie der 1960er und 1970er Jahre so gar nicht wiederfand, beunruhigte den jungen Forscher kaum: „Ich habe mir immer gesagt, irgendwann komme ich wieder darauf zurück. Und so habe ich das auch gemacht.“ Ende der 1970er Jahre war es soweit. Da hatte er schon seinen ersten Lehrstuhl in Bielefeld inne. Er machte sich daran, seine Perspektive niederzuschreiben. Das brauchte seine Zeit. Denn als Prinz 1975 den Ruf nach Bielefeld bekam, war die Universität erst wenige Jahre alt. So wurde der junge Professor bei den administrativen Aufbauarbeiten eingespannt. Dazu die Lehrtätigkeit und ein umfassendes experimentelles Programm – für seine theoretische Abhandlung blieb da oft nur am Abend und Wochenende Zeit.

Unter dem Titel „Wahrnehmung und Tätigkeitssteuerung“ brachte er schließlich 1983 sein Buch heraus. In dem postuliert er, dass alle kognitiven Funktionen eigentlich Handlungssteuerungsfunktionen sind und dass man deshalb bei der Untersuchung kognitiver Prozesse Handlungen als den eigentlich wichtigen Output des Gehirns einbeziehen muss. Diese Erkenntnis mag heute als nicht weiter bemerkenswert erscheinen. In den 1980er Jahren aber war Prinz damit dem wissenschaftlichen Common Sense weit voraus. „Bis Anfang der 1990er Jahre fanden die meisten Kollegen diese Perspektive eher skurril“, erinnert er sich. „Erst in den letzten zehn Jahren hat sie in der modernen Kognitionspsychologie breitere Resonanz gefunden.“

Er selbst hat dazu nicht unwesentlich beigetragen. So veröffentlichte er 1990 eine Theorie, die seinen ursprünglichen Ansatz noch deutlich weitertreibt. Common Coding hat er die genannt. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass Wahrnehmung und Handlungssteuerung aufs Engste zusammenhängen, weil nämlich an der Steuerung von Handlungen und der Wahrnehmung von Handlungen dieselben Strukturen im Gehirn beteiligt sind. Diese These konnte er mittlerweile in zahlreichen Experimenten empirisch untermauern. Die ideomotorischen Bewegungen eines begeisterten Fußballfans beispielsweise lassen sich leicht erklären, wenn man annimmt, dass bei der Beobachtung einer spannenden Szene exakt die gleichen Strukturen im Gehirn in Aktion treten wie beim Fußballspielen selbst.

Bestätigung hat diese Theorie auch aus den Neurowissenschaften erfahren. So stützt die Entdeckung der so genannten Spiegelneuronen durch den Italiener Giacomo Rizzolatti, die in den letzten Jahren weltweit großes Aufsehen erregte, Prinz’ Theorie (siehe auch Heft 8/2005). Der Wissenschaftler hat herausgefunden, dass bei Affen, die Artgenossen beim Greifen nach Erdnüssen beobachten, genau dieselben Hirnzellen feuern, die aktiv werden, wenn sie selbst nach den Nüssen greifen. Mittlerweile hat man auch bei Menschen Hirnareale gefunden, die sowohl bei der Wahrnehmung wie beim Handeln aktiv sind und die ausgeprägten sozialen Fähigkeiten des Menschen erklären können. „Mit seinem Common Coding hat Wolfgang Prinz die Spiegelneuronen theoretisch vorausgesehen, bevor man sie mithilfe von Kernspintomografen sichtbar gemacht hat“, unterstreicht Angela Friederici, Linguistikprofessorin und Direktorin der Abteilung Neuropsychologie des MPI in Leipzig.

Die wissenschaftliche Weitsicht hat Wolfgang Prinz auch seinem Faible für interdisziplinäres Arbeiten zu verdanken. Immer wieder hat er sich in seiner Laufbahn mit Wissenschaftlern anderer Disziplinen intensiv auseinander gesetzt und dabei wichtige Impulse erhalten. Die entscheidenden Anstöße zu seiner Common Coding-Theorie beispielsweise brachte ihm ein so genanntes Forschungsjahr, das er 1984 am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZIF) der Universität Bielefeld initiierte: Das fachübergreifende Programm unter dem Titel „Perception and Action“ umfasste Besuche ausländischer Wissenschaftler in Bielefeld sowie eine Reihe internationaler Konferenzen. Auch danach blieb er dem ZIF treu und war acht Jahre lang dessen geschäftsführender Direktor. „Wolfgang Prinz hat eine ganz besondere Gabe, Wissenschaftler aus den verschiedenen Fachbereichen zusammenzuholen und zum gemeinsamen Arbeiten zu inspirieren“, meint Peter Wolff, der mit Prinz am ZIF zusammengearbeitet hat und mittlerweile an der Universität Osnabrück lehrt. „Wie auch im Umgang mit seinen Mitarbeitern gelingt es ihm beim interdisziplinären Austausch, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder Einzelne mit seiner Perspektive vollkommen akzeptiert und ernst genommen fühlt.“

Trotz seiner Kontakte über Fächergrenzen hinweg ist Prinz selbst aber ganz Psychologe geblieben und begegnet den anderen Fachbereichen mit durchaus kritischer Distanz. Mit der Philosophie beispielsweise verbindet ihn eine Hassliebe, wie er selbst sagt, die er schon seit dem Studium pflegt: „Einerseits fasziniert mich das Raffinement des Denkens der Philosophen, ihre Fertigkeit, komplizierte begriffliche Gebäude zu errichten. Andererseits habe ich manchmal den Eindruck, dass dieses Raffinement zu nichts führt, dass ein riesengroßer begrifflicher Aufwand betrieben wird, ohne dass die Basis geklärt wäre.“

In der eigenen Profession gibt es allerdings ebenfalls Dinge, die ihn stören. So wird in der experimentellen Psychologie seiner Meinung nach zu wenig grundsätzlich darüber nachgedacht, wie die Welt beschaffen ist, und noch weniger, wie man auf Ideen kommen könnte, wie die Welt beschaffen ist. „Die offizielle Forschung verkürzt sich … auf ein Unternehmen zur Prüfung von A-priori-Hypothesen. Was deren Begründung und Herleitung betrifft, scheint es oft so, als würden sie vom Himmel fallen oder vom Klapperstorch gebracht werden.“ Diese Kritik, in seinem Buch von 1983 geäußert, hält er heute immer noch für gültig. Manche verstünden den Beruf so, dass sie ein schlaues Experiment nach dem anderen machten, ohne an sich selbst den Anspruch zu stellen, daraus integriertes Wissen zu generieren.

Er selbst bemüht sich sehr, im voll gepackten Arbeitsalltag Zeit für das grundsätzliche Nachdenken zu finden. Ein nicht ganz leichtes Unterfangen. Das liegt paradoxerweise auch an seinem organisatorischen Talent. Einstimmig loben Mitarbeiter und Kollegen seine Fähigkeiten als Planer und Führungskraft. „Er kann sehr gut konzeptionieren und strukturieren, Aufgaben ordnen und delegieren. Auch wenn sich ein Termin an den anderen reiht, konzentriert er sich voll auf die Tätigkeit, die er gerade tut, und arbeitet so sehr effizient“, weiß Cristina Meinecke, die viele Jahre Prinz’ Mitarbeiterin war und heute Psychologieprofessorin an der Universität Erlangen-Nürnberg ist. Seine ausgeprägten Managerfähigkeiten haben wohl nicht unerheblich dazu beigetragen, dass ihm im Laufe seiner Karriere immer wieder Aufbau- und Organisationsaufgaben übertragen wurden, die sein Zeitkonto zusätzlich belasten. Auch im neuen Leipziger MPI haben ihm seine Direktorenkollegen die Position des Managing Director zugedacht.

Trotz der neuerlichen administrativen Herausforderung hat Wolfgang Prinz sich für die verbleibenden Jahre bis zur Pensionierung wissenschaftlich viel vorgenommen. Er will ein Konzept entwickeln, das die Frage nach der Beschaffenheit der menschlichen Psyche auf grundsätzliche und neue Weise beantworten soll. Seine Hypothese, meint er selbst, sei ziemlich radikal: „Wir glauben ja alle, dass gesellschaftliche Diskurse darauf einwirken, welche Werte Individuen entwickeln. Aber meine Idee geht viel weiter. Ich glaube nämlich, dass soziale Diskurse und Interaktionen nicht nur den Inhalt der menschlichen Mentalität prägen, sondern viel tiefer wirken und die Struktur der Mentalität formen, die Struktur des Geistes selbst, wenn Sie so wollen.“ Im Rahmen der Diskussion um den freien Willen des Menschen hat er diese Hypothese das erste Mal formuliert: der freie Wille als soziales Konstrukt, das die grundsätzliche Art und Weise des Denkens determiniert. Insofern hat ihn die Debatte auch wissenschaftlich weitergebracht – obwohl er der öffentlichen Auftritte mittlerweile müde ist.

In Steinhagen bei Bielefeld, wo er seit 30 Jahren in einem Haus mit großem Garten lebt und wohin er praktisch jedes Wochenende pendelt, will er die Ruhe finden, aus seiner Idee ein Gesamtkonzept zu entwickeln. Neben der Arbeit im heimischen Büro und langen Spaziergängen mit dem Hund sind Gespräche mit seiner Frau hier der wichtigste Zeitvertreib. Obwohl sie keine Psychologin ist, genießt Ulrike Dinsing-Prinz die Fachgespräche mit ihrem Mann: „Wir reden über seine Thesen und wie man sie in eine umfassende Theorie einbetten kann. Mein Mann liebt es, über den Tellerrand hinauszuschauen und größere Zusammenhänge herzustellen. Man kann mit ihm wunderbar die Welt aus den Angeln heben.“

Bücher von Wolfgang Prinz:

  • Kopf-Arbeit – Gehirnfunktionen und kognitive Leistungen. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg u.a. 1996 (herausgegeben gemeinsam mit Gerhard Roth)
  • Wahrnehmung und Tätigkeitssteuerung. Springer Verlag, Berlin u.a. 1983

© Psychologie Heute 2010

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Psychologie Heute 6/2005, Seite 64 ff. Das Heft ist leider vergriffen, Sie können seine Hauptartikel aber in unserem Archiv einsehen und herunterladen (gegen Gebühr; Abonnenten erhalten monatlich drei Artikel kostenlos).

Fotos: Mathias Ernert

Jeden Monat stellen wir Ihnen auf unseren Internetseiten eine der wichtigsten, innovativsten und prägendsten Persönlichkeiten aus Psychologie, Psychotherapie und Sozialwissenschaften vor. Die Artikel entstammen unserer Heftserie „Das Porträt“.
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Inhalt Heft 5/10Porträt im Archiv

Bildnachweis Porträts:

Foto von Klaus Dörner: agenda (Michael Kottmeier)
Loftus: Axel Koester
Holsboer, Jellouschek, Moser, Petzold, Riedel, Rohde-Dachser, Stierlin, Willi: Stefan Blume
Birbaumer, D. Dörner, Hell, Prinz, Stern, Tausch: Mathias Ernert
Czikszentmihalyi: Ricardo Herrgott
Baltes: Nina Höffken
Kahneman, Kernberg, Solms: Jürgen Frank
Jaeggi: Ingmar Kurth
Schulz von Thun: Anja Lubitz
Leuzinger-Bohleber: Pat Meise
Yalom: Joseph Siroker
Kast: Judith Stadler

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