www.psychologie-heute.de | Themen & Trends in Heft 9/08
THEMEN & TRENDS HEFT 9/08

Redeverbot im Auto?

Nicht nur Handytelefonate, sondern auch Gespräche im Auto erhöhen das Unfallrisiko

40 Euro Bußgeld kostet es, wird man mit dem Handy am Steuer erwischt. Einen Punkt in Flensburg gibt es obendrauf. Erlaubt dagegen ist das Telefonieren über eine fest installierten Freisprechanlage. Aber hängt die Fahrleistung wirklich davon ab, ob man das Handy beim Telefonieren in der Hand hält oder ob es in einer Halterung steckt? Das ist nicht der Fall, wie die Psychologen David Strayer und William Johnston von der Universität Utah feststellten.

Sie ermittelten in einem Laborexperiment mit 48 Studierenden, dass rote Ampeln während des Handytelefonats mehr als doppelt so häufig missachtet wurden: Ohne Handy übersahen die Probanden im Durchschnitt knapp 3 Prozent der roten Ampeln in der Simulation, mit Handy waren es 7 Prozent. Interessanterweise spielte es dabei keine Rolle, ob das Handy in der Hand gehalten oder eine Freisprecheinrichtung verwendet wurde.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch knapp 50 Studien, die zwischen 1991 und 2004 publiziert und von den Psychologen William Horrey und Christopher Wickens metaanalytisch ausgewertet wurden. Dabei zeigte sich übereinstimmend, dass es verkehrspsychologisch unsinnig ist, das Telefonieren mit Freisprecheinrichtung zu erlauben. Denn ob mit oder ohne Freisprecheinrichtung – die Fahrleistung verschlechtert sich durch die Konzentrationsleistung, die das Gespräch erfordert, in beiden Fällen gleichermaßen und sehr deutlich.

So ist im Durchschnitt aller vorliegenden Studien die Reaktionszeit bei einem Hindernis oder einer Ampel um 130 Millisekunden verlängert, wenn ein Handy im Spiel ist. Diese Zeitverzögerung mag gering erscheinen, kann jedoch im Straßenverkehr über Leben und Tod entscheiden.

Aber wenn ein Gespräch derartig vom Autofahren ablenkt, müsste dann ergänzend zum Handyverbot nicht konsequenterweise gleich ein Redeverbot im Auto erlassen werden? Tatsächlich steigt das Unfallrisiko bereits durch einen Beifahrer im Wagen signifikant an, wie Suzanne McEvoy, Mark Stevenson und Mark Woodward von der Universität Sydney im Rahmen einer aufwändigen Befragungsstudie berechnen konnten.

Durch zwei oder mehr Passagiere im Auto verdoppelt sich das Risiko von Unfällen mit nachfolgendem Krankenhausaufenthalt. Zu einer Vervierfachung des Unfallsrisikos kommt es schließlich durch Handytelefonate.

Der unaufmerksame Fahrstil von Handynutzern, der sich zum Beispiel durch langsameres Fahren, Geschwindigkeitsschwankungen und zögerliches Überholen von langsamen Fahrzeugen auszeichnet, stellt ein zusätzliches Risiko dar, wie der Sozialpsychologe Andrew McGarva berichtet. In seinen Studien zeigte sich, dass Frauen und Männer deutlich wütender und aggressiver reagieren, wenn sie durch einen telefonierenden Fahrer behindert werden.

Ein aggressiv aufgeheiztes Klima auf der Straße könnte also neben Aufmerksamkeitsmängeln ein weiteres ernsthaftes Risiko des Handygebrauchs sein.

Nicola Döring

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