Investoren auf der Couch
Spielen Emotionen und unbewusste Konflikte beim Wertpapierhandel eine entscheidende Rolle?
Wer das Auf und Ab an Finanzmärkten beobachtet, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Investoren zuweilen recht irrational agieren. Dieser Ansicht sind auch zwei britische Wissenschaftler. Sie argumentieren, dass beim Kauf und Verkauf von Wertpapieren Emotionen und unbewusste Konflikte eine entscheidende Rolle spielen. Um ihr Argument zu belegen, ziehen David Tuckett und Richard Taffler das vielleicht faszinierendste Finanzmarktphänomen heran: Spekulationsblasen.
In einer Blase steigt der Kurs über einen längeren Zeitraum in Höhen, die zuvor unerreichbar erschienen, um dann plötzlich einzubrechen. Während der New Economy-Blase beispielsweise versechsfachte der Dow Jones Internet Index innerhalb von 18 Monaten seinen Wert, um dann im März 2002 um 50 Prozent zu fallen. Aus psychoanalytischer Perspektive, so die beiden Forscher, lässt sich die extreme Kursentwicklung als Ergebnis zweier unbewusster Prozesse erklären:
– Internetaktien wurden für Investoren zu fantastischen Objekten. Im psychoanalytischen Verständnis ist ein fantastisches Objekt eine mentale Repräsentation von etwas, das die geheimsten Wünsche eines Menschen erfüllt und es ihm erlaubt, sich omnipotent zu fühlen. Als die ersten vielversprechenden Berichte über das Internet in der Presse auftauchten, glaubten viele Menschen, mit Internetaktien ließen sich die Marktgesetze auf den Kopf stellen; alles schien möglich zu sein. Der Drang, Omnipotenzfantasien auszuleben, war so stark, dass Investoren Fakten einfach beiseitewischten.
– Investoren gerieten in eine sogenannte paranoid-schizoide Gemütsverfassung, in der sie unangenehme Gefühle wie Unsicherheit und Zweifel, die mit Entscheidungen in unsicheren Situationen immer einhergehen, unterdrückten. Dies gelang ihnen, indem sie jegliche negativen Aspekte der Aktienanlage (Schwächen der Internetökonomie, die Möglichkeit von Kursverlusten) abspalteten.
Im Crash dann ging die faktenblinde, naiv-positive Begeisterung der Marktteilnehmer ins negative Extrem über. „Zu diesem Zeitpunkt schlug die Liebe für das fantastische Objekt in Hass um“, schreiben Tuckett und Taffler. „Die euphorische Phase wurde durch Zorn, Verleugnung und den paranoiden Versuch, Schuldige zu finden, abgelöst.“
Psychoanalytische Konzepte, meinen die beiden Forscher, können auch Licht auf andere Finanzmarktphänomene werfen wie die Finanzkrise im Herbst 2008, die ungewöhnliche Anziehungskraft von Hedgefonds oder die notorische Unterreaktion auf schlechte Nachrichten.
Jochen Paulus
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