Ebbinghaus’ Erben
Vor über 100 Jahren entdeckte Hermann Ebbinghaus grundlegende Prinzipien des Lernens
Ende des 19. Jahrhunderts heckte der deutsche Psychologe Hermann Ebbinghaus einen abenteuerlichen Versuch aus: Er fügte willkürlich Konsonanten und Vokale zu sinnlosen Silben zusammen – bis er 2300 davon beieinander hatte. Dann paukte er sich diese Silben mit allen erdenklichen Methoden so lange ein, bis er sie komplett auswendig wusste. Schließlich veröffentlichte er 1885 seine Erfahrungen in dem Band „Über das Gedächtnis: Untersuchungen zur experimentellen Psychologie“. Darin führt er unter anderem an, eine Folge von Silben könne entweder massiert in sehr vielen Wiederholungen an einem einzigen Tag gelernt werden oder verteilt an mehreren Tagen mit jeweils weniger Wiederholungen. Die zweite Variante sei signifikant erfolgreicher, schrieb er. Die Überlegenheit des „verteilten Lernens“ gegenüber dem „massierten Lernen“ wurde inzwischen vielfach bestätigt und ist in der Psychologie als
Spacing effect bekannt.
Mehr als ein Jahrhundert nach Ebbinghaus haben sich seine Erkenntnisse allerdings noch immer nicht durchgesetzt – weder an Schulen noch an Universitäten. Psychologen interessieren sich in jüngerer Zeit jedoch wieder verstärkt für die Gesetze des Lernens und führen die Arbeit des Gedächtnispioniers fort. Amerikanische Wissenschaftler versuchten etwa, den optimalen Zeitabstand zwischen der ersten Lernphase, der Wiederholung des Stoffes und dem Prüfungstermin zu finden. Sie brachten ihren Versuchspersonen 32 skurrile Fakten bei (Frage: Wer erfand das Snowgolfen? Antwort: Rudyard Kipling). Anschließend wiederholten die Probanden das Material zu verschiedenen Zeitpunkten zwischen drei Minuten (massiertes Lernen) und drei Monaten (verteiltes Lernen). Abgeprüft wurde das Gelernte dann an einem weiteren Termin.
Fand diese Prüfung eine Woche nach dem ersten Einpauken statt, betrug der optimale Abstand für die Wiederholung einen Tag. Fand sie einen Monat danach statt, war der ideale Zeitpunkt für die Wiederholung eine Woche nach dem ersten Lernen des Stoffes. Die „verteilten Lerner“ schlugen die „massierten Lerner“ so um bis zu 110 Prozent.
Eine weitere Erkenntnis von Ebbinghaus’ Erben: Testen ist besser als Lernen. So wiesen Wissenschaftler nach, dass Studenten sich in einem Test an 80 Prozent von vorher gelernten Wortpaaren erinnern konnten, wenn diese zwischendurch immer wieder abgefragt worden waren. Diejenigen Studenten, die die Wortpaare statt des Abfragens wiederholt gepaukt hatten, konnten sich nur an etwa 30 Prozent des Stoffes erinnern. Für die Praxis kann man also ableiten: Anstatt nochmals die Vorlesungsnotizen anzuschauen und wichtige Stellen zu unterstreichen, sollten Studenten lieber versuchen, sich die zentralen Punkte aus dem Gedächtnis abzurufen und sich mögliche Prüfungsfragen überlegen. Lehrer sollten zu Beginn einer jeden Stunde eine kurze Zusammenfassung der letzten Stunde geben – und ein paar Aufgaben zu einem länger zurückliegenden Thema in die Klassenarbeiten einbauen.
Obwohl die Beherzigung dieser Tipps sich langfristig auszahlen würde, mangelt es immer noch an ihrer Umsetzung. Schließlich verlangen die neuen Techniken dem Lerner doch einiges an Selbstdisziplin und Arbeitseinsatz ab. In einer Zeit, in der die Menschen auf unmittelbaren Erfolg erpicht sind, kann sich langfristiges Denken eben nur schwer durchsetzen.
Anke Römer
- Bild: UB der HU zu Berlin
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