Handys am Steuer zu benutzen ist verboten – mit Freisprechanlage beim Fahren zu telefonieren hingegen noch immer erlaubt. Zudem argumentieren notorische Nutzer des Handys im Wagen, dass jahrelanger Gebrauch von Mobiltelefonen im Auto beide Aufgaben so automatisiert habe, dass unsere Aufmerksamkeit nicht überbeansprucht werde. Für Ira Hyman und seine Kollegen von der amerikanischen Western Washington University ein Unding. In einer der wenigen Feldstudien zum Thema Handynutzung und Aufmerksamkeit haben die Wissenschaftler festgestellt: Telefonieren lenkt schon beim Gehen in einer gewohnten Umgebung dermaßen ab, dass viele Leute nicht einmal einen bunt geschminkten Clown auf einem Einrad in unmittelbarer Nähe wahrnehmen.
In mehreren Untersuchungen beleuchteten die Wissenschaftler das Verhalten von 317 Fußgängern auf dem Hauptplatz des Campus der Western Washington University. Die Passanten, meist Studenten, hörten Musik via MP3-Player, telefonierten mit dem Handy, gingen allein oder zu zweit über das Gelände. An zwei Ecken des Fußgängerbereichs hatten die Forscher Beobachter postiert, die so unauffällig wie sorgsam das Geschehen registrierten. Sie notierten neben der benötigten Zeit für die Überquerung des Platzes, ob die Fußgänger unterwegs anhielten, im Zickzack gingen, die Richtung änderten, stolperten, mit jemandem zusammenstießen – und wie sie letztlich auf den „ungewöhnlichen Stimulus Clown“ reagierten.
Während mehr als die Hälfte der musikhörenden oder quatschenden Fußgänger den nah auf dem Einrad vorbeifahrenden Clown bewusst wahrnahm, war das nur bei jedem vierten Handybenutzer der Fall. Telefonieren beansprucht die Aufmerksamkeit stärker als alle vergleichbaren Ablenkungsquellen. Das lässt sich nach Ansicht der Forscher sehr wahrscheinlich auf das Phänomen der „Blindheit durch Unaufmerksamkeit“ zurückführen.
Überdies fanden die Wissenschaftler heraus, dass das Handygespräch nicht nur unaufmerksam macht, sondern auch die denkbar simple Tätigkeit des Gehens behindert. Wer sich in ein Telefonat vertiefte, wechselte öfter die Richtung, neigte zum Hin- und Herpendeln und registrierte andere Passanten viel seltener als Fußgänger, die ihr Mobiltelefon gerade nicht benutzten. Wie vertraut die Umgebung für die Telefonierenden war, beeinflusste die Aufmerksamkeit hingegen nicht. „Menschen bereitet es große Probleme, während eines Handygesprächs zu gehen“, erklärt Studienleiter Ira Hyman, „unvorstellbar, was das für die Fahrsicherheit im Auto bedeutet.“
Von Klaus Wilhelm