Sich wappnen gegen eine See von Plagen

07 / 2011 von:  Heiko Ernst
 

Auch in der besten aller Welten wären wir nicht vor Unglück gefeit. Sicherheit ist eine Frage der Wahrscheinlichkeitsrechnung, und die Lebensrisiken werden trotz (oder auch wegen) allen Fortschritts nicht weniger. Es reicht schon aus, zur falschen Zeit auf der falschen Autobahnstrecke zu fahren, auf der falschen Insel zu urlauben oder in der Nähe eines Atommeilers zu wohnen. Es kann jeden von uns jederzeit treffen. Wir sind und bleiben verletzlich, zerbrechlich, in der psychologischen Fachsprache: vulnerabel. Der Mensch ist weniger der Macher seines Schicksals, meint der Philosoph Odo Marquard, er ist eher die Summe dessen, was ihm im Laufe seines Lebens so alles widerfährt.

Wir können uns mit diesem Gedanken wohl nicht so recht anfreunden – wir wären lieber Macher, wie wir überhaupt die Machbarkeit zum Fetisch der Moderne erhoben haben. In unserer säkularisierten Gesellschaft neigen wir nicht mehr dazu, Schicksalsschläge oder „Prüfungen“ à la Hiob demütig hinzunehmen. So bestaunten wir ungläubig die Contenance und die Nichtpanik der Japaner – angesichts der ungeheuren natürlichen und technischen Katastrophen, von denen sie heimgesucht wurden. War das nun eine Art fernöstlicher Stoizismus oder nur eine anhaltende Schockstarre, unter der sich stumme Verzweiflung verbirgt? Und wie würden wir in gleicher Situation reagieren? (Die Japankennerin Ursula Richter erklärt uns dazu einiges ab Seite 30.) Wenn sich bei uns Katastrophen ereignen, schwärmen inzwischen Hundertschaften von Psychologen aus, um einer anhaltenden Traumatisierung der Betroffenen vorzubeugen. Sind wir heute sogar dünnhäutiger, weil weniger schicksalsergeben als die Generationen vor uns oder als andere Völker?

Aber nicht nur dramatische Ereignisse können uns aus der Bahn werfen und, wenn wir sie physisch überleben, psychisch zerbrechen. Sehr viel häufiger sind es unspektakuläre, aber nicht minder schädliche Faktoren, die das Leben eines Menschen vermasseln. Das sind all die Lebensbedingungen, die uns eher langsam mürbe machen, unseren Lebensmut zerkrümeln, unsere Entfaltung behindern. Es reicht oft schon, im falschen Stadtviertel zu wohnen, in eine dysfunktionale Familie geboren zu sein, mit einer chronischen Krankheit leben zu müssen.

Wir können unter solchen Varianten des Unglücks unheilbar leiden – oder ihnen widerstehen, sie überwinden. Wenn uns das gelingt, sind wir resilient. Seit etwa den 1970er Jahren versucht die Psychologie, die Immunologie der Seele zu ergründen: Welche Abwehrkräfte schützen manche Menschen davor, durch noch so ungünstige Bedingungen oder Benachteiligungen zerbrochen zu werden? Wir wissen heute aufgrund großer psychologischer Studien, was Menschen auszeichnet, die Schicksalsschläge und schlechte Lebenschancen nicht nur aushalten, sondern daran wachsen und sogar glücklich und erfolgreich leben (Seite 20). Und unweigerlich taucht auch die Frage auf: Kann man diese Kräfte systematisch fördern? Ist Resilienz erlernbar, ist psychische Widerstandskraft eine erworbene Tugend oder eine Gnade? Lässt sich etwas gegen das vermeintliche Schicksal machen?

Der amerikanische Resilienzexperte Glen Elder warnt allerdings davor, einem Machbarkeitswahn in Sachen Resilienz zu erliegen. Er erinnert an den unberechenbaren Rest von Schicksal: „… nicht einmal große Begabung und Fleiß garantieren, dass man die Widrigkeiten des Lebens meistern kann – wenn die Chance dazu fehlt.“ Wir brauchen neben allem resilienten Kampfeswillen und Lebensmut auch eine Möglichkeit, um diese überhaupt ausspielen zu können. Manchmal ist Glück eben doch Glückssache.

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