Kuscheln mit Fremden

Der Traumpartner ist nur einen Mausklick entfernt: Ausgefeilte Matchingpunkte fischen aus dem riesigen Angebot verlässlich die Richtige, den Richtigen heraus. Ist Onlinedating wirklich so einfach? Und woran liegt es, wenn der Erfolg ausbleibt?

Kuscheln mit Fremden

Der Traumpartner ist nur einen Mausklick entfernt: Ausgefeilte Matchingpunkte fischen aus dem riesigen Angebot verlässlich die Richtige, den Richtigen heraus. Ist Onlinedating wirklich so einfach? Und woran liegt es, wenn der Erfolg ausbleibt?

„Alle elf Minuten verliebt sich ein Single über Parship.“ So lautet der Werbeslogan des Online-Partnerschaftsvermittlers. Jede dritte Beziehung wird heute online angebahnt, liest man. Millionen verlieben sich bei ElitePartner. Glaubt man den Sprüchen aus der Werbewelt, leben wir in atemberaubenden Zeiten. Das große Partnerschaftsglück, nach dem alle Singles dieser Welt dürsten – es liegt offenbar nur einen Mausklick entfernt. Selbst schuld, wer sich da nicht einloggt.

Allerdings steht auf den Werbeplakaten, von denen uns wahlweise schöne Männer mit Dreitagebart oder gutaussehende, verführerisch lächelnde Yogalehrerinnen im Lotossitz grüßen, nicht, welche Probleme die Onlinesuche mit sich bringen kann. Und es werden immer mehr, die sehr zwiespältige Erfahrungen auf solchen Portalen machen. Denn, wen wundert’s, ganz so einfach ist es dann eben doch nicht. Ungezählt sind die vielen, die beim Onlinedating enttäuscht werden, frustriert oder gar so verletzt, dass sie von Glücksversprechungen dieser Art auf absehbare Zeit erst mal kuriert sind.

Stochern im Nebel

Das Suchen und Finden eines Lebenspartners im Internet ist immer noch – obwohl es längst Millionen tun – mit einem gewissen Unbehagen verbunden, das sich auch bei denen nicht verziehen will, die länger schon online unterwegs sind. Die Vorstellung, mittels einer hohen Anzahl geteilter „Matchingpunkte“, also über ein algorithmisch ermitteltes Ähnlichkeitsverfahren einen Partner zu finden, hat etwas Befremdliches.

Autoren wie Dan Slater in seinem Buch Love in the Time of Algorithms oder Eva Illouz in Warum Liebe weh tut haben über die Folgen der Kapitalisierung der romantischen Liebesidee nachgedacht. Auch gibt es längst quantitative Analysen zum Thema, so etwa Jan Skopeks Partnerwahl im Internet. Aber all diese Veröffentlichungen haben das Verständnis der Betroffenen nicht erhöht, was da genau qualitativ passiert, wenn sie bei ElitePartner, Parship und all den anderen Anbietern unterwegs sind. Was macht ein solcher emotionaler adventure trip mit all jenen, die online keinen Partner finden – obwohl sie maximal offen für Neues sind, fleißig chatten und daten? Das wissen nur die, die es ausprobiert haben.

Und hier machen immer mehr immer häufiger ganz ähnliche Erfahrungen: Die Suche nach der Liebe im Netz ist viel, viel komplizierter, als man denken sollte. Viele meinen anfangs, ganz ohne größere Hindernisse direkt auf die Liebe ihres Lebens zuzusteuern – und verlieren sich am Ende, stochern im Nebel und bleiben ratlos zurück. Ratlos über die Kandidaten, auf die sie da stoßen, ratlos über sich selbst, über die fremden und über die eigenen Gefühle, die da in Bewegung kommen, ratlos über die Frage, wie „zielführend“ die ganze Veranstaltung ist, derer sie sich da mittels eines „Onlineabos“ verschrieben haben.

Emotionale Marktwirtschaft

Die spätere Ratlosigkeit – sie ist schon in den eigenartigen Auswahlregeln begründet, die auf dem Beziehungsmarkt herrschen. Denn auf einem „Markt“ bewegt man sich tatsächlich, und da gelten ganz eigene Gesetze. Man preist sich selbst nach bestem Eigenmarketing an, räumt aber auch wie bei einem Gebrauchtwagen Mängel ein, von denen man sonst gar nicht reden würde. Wie der oder die Betreffende aussehen soll und wie nicht, darüber hat man klare Vorstellungen, man stellt sich sein Wunschmodell im Kopf zusammen und geht zur Onlineladenkasse. Man konsumiert. Auch wenn man weiß, dass es keine Waren oder Güter sind, die auf diesem Markt flottieren, behandelt man die, die man sucht, bald als solche – freilich völlig unbewusst. Es ist dieser ökonomische Blick, mit dem man sich und die anderen kritisch beäugt, der aber bald auch die emotionale Sicht auf die anderen trübt – und das Ziel des Traumpartners oft in weite Ferne rückt.

Was aber viele erst richtig überfordert: Es herrscht hier ein massives Überangebot an potenziellen Partnern. Tatsächlich, wer sich bei Datingportalen einloggt, dem winken bald tausend attraktive Anwärter. Diese erschlagende Menge stiftet einen zu einem verhängnisvollen Verhalten an: Man stellt über kurz oder lang Vergleiche an und denkt schon bei der leichtesten Irritation, es könnte ja noch ein besserer Kandidat kommen. Diese Idee leitet auch später noch, in allen Stadien der Partnerschaftssuche, online all jene, die hier einen Partner suchen, oft vom ersten Date bis zur letzten Mail – und sie verhindert zuverlässig, dass man hier wirklich „ankommt“. Man versteigt sich zu verwegenen Fantasien: Die alte Werbeidee eines idealen „Traumpartners“ – sie scheint inmitten eines Überangebots real zu werden, denn unter Tausenden muss ja der eine Superpartner sein, der genauso reich, schön, klug und sexy ist, wie man sich das immer vorgestellt hat.

Das Grundproblem ist, dass die Multioptionalität unserer Welt überfordert, erst recht, wenn es um die Partnerwahl geht. Wie schon der politische Philosoph Alexis de Tocqueville meinte: Die Massendemokratie eröffnet dem einzelnen Menschen nicht nur unbegrenzte Möglichkeiten, sondern auch das unbegrenzte Scheitern daran. Die reale Welt ist nie so ideal wie unsere Vorstellung. Am Ende sind wir enttäuscht. Weil wir auf normale Menschen treffen und nicht auf die Hybriden unserer Fantasie.

Die meisten sind nett, mehr aber auch nicht

Es klappt für viele eben nicht alle elf Minuten. Auch dann nicht, wenn man alles Mögliche abgeglichen, abgecheckt, abgescannt hat. Nicht nur äußerlich. Sondern insgesamt. Dazu gehört auch die gängige Praxis, schon vor dem ersten Date alle möglichen „No-Gos“ abzuklopfen: Man prüft, ob man denselben Musik- oder Kunstgeschmack hat, dieselbe Art von Restaurant, Urlaub oder Wochenendgestaltung mag, man versucht zu vermeiden, dass der oder die Person, die da als Traumpartner infrage kommt, eine Rechtschreibschwäche hat oder Haare an Stellen, an denen man sie nicht mag. Durch Ausschließen von dislikes und frühzeitiges Festlegen von Eigenschaften, die unabdinglich sind, meinen viele dem eigenen Glück nachzuhelfen, verscheuchen es jedoch dadurch erst recht. Die Idee einer gemeinsamen Entwicklung zweier Menschen, die vielleicht anfangs gar nicht so gut zueinandergepasst haben, hin zu einem lebendigen Paar, sie wird einem hier ausgetrieben. Man meint, solche Prozesse zeitsparend und aufwandsarm abkürzen zu können – obwohl eigentlich jeder wissen müsste, dass nur eine gemeinsame Entwicklung das Geheimrezept gelingender Beziehungen ist.

Am Ende herrscht hier eine seltsam paradoxe Parallelität der Einstellungen, mit denen man zu Werke geht. Auf der einen Seite regiert die Enttäuschung über eine Wirklichkeit, die hinter den Versprechungen der vorgegaukelten Warenästhetik zurückbleibt, eine Ernüchterung, die bald in der vielbeklagten „Wegwerfmentalität“ mündet, im steten „Wandern von der einen zur andern“. Aber eben nicht nur, sondern auch umgekehrt: Es herrscht auch das Bemühen unter den vielen aufrecht Suchenden, jemandem, obwohl sie oder er zunächst womöglich suboptimal erscheint, eine Chance zu geben. Man geht in die Testphase, probiert aus, hält an der Idee einer Partnerschaft fest – oft auch dann noch, wenn es schon deutliche Signale gibt, dass vermutlich keine ernsthafte Beziehung daraus wird. Aber egal wie man vorgeht, am Ende verfehlen viele den Idealpartner, sondern treffen eben auf Menschen, die meistens nett sind, mehr aber auch nicht. Nett und normal. So nett und normal, wie man selbst ist. Und nun versucht man, einen netten Menschen zum Traumpartner umzubauen – oder den Traumpartner zu einem netten Menschen.

Sofort ganz nah – eine problematische Reihenfolge

Es ist aber nicht nur die Folge einer fehlgeschlagenen Idealisierung, die aus den angenommenen grenzenlosen Möglichkeiten eines gigantischen Beziehungsmarktes resultiert, dass man am Ende netten Menschen begegnet und nicht dem tollen Fantasiepartner – sondern das ist auch schon in dem eigentümlichen Setting angelegt, das hier herrscht, konkret: in der zeitlichen Umkehrung von Nähe erleben und Kennenlernphase. Im normalen Leben lernt man seinen späteren Partner kennen, ganz en passant, bei der Arbeit, auf einer Party, im Freundeskreis, man kommt sich langsam näher, verliebt sich irgendwann ineinander und beschließt, ein Paar zu werden. Im Onlineportal ist das anders. Hier steht der Vorsatz ganz am Anfang: Ich will einen Traumpartner – und um herauszubekommen, ob sie oder er es ist, prüfe ich schon beim ersten Date den anderen unumwunden auf die eine entscheidende Frage: könnte er, könnte sie es sein?

Aber um das zu wissen, reicht ja nicht allein der äußerliche Abgleich. Nein, man versucht vielmehr so schnell wie möglich einen Eindruck davon zu bekommen, wie es sich anfühlen würde, wäre der andere der neue Partner. Man sucht sehr früh schon nach Verbindlichkeit, Konkretion, Nähe; deswegen spricht man nicht lang übers Wetter oder über Markus Söders Ansichten zur Flüchtlingspolitik, sondern landet bald beim Eingemachten, oft schon beim zweiten oder dritten Date: die eigene Kindheit, die Elternhäuser, frühkindliche Traumata und die Burnout-Chronologie nach der Trennung vom Expartner. Wie in einem Zeitraffer werden Entwicklungsstadien in einer Geschwindigkeit absolviert, ja übersprungen, die andere erst in langen Ehejahren hinter sich bringen. Man ist dem anderen sehr schnell sehr nah, noch ehe man so richtig weiß, wer das eigentlich ist, dem man da morgens den Milchkaffee ans Bett bringen soll. Love with a stranger, Kuscheln mit Fremden.

Bei vielen ist die Bereitschaft zu so viel schneller Nähe dadurch motiviert, dass sie vor dem anderen verbindlich erscheinen wollen, nicht „oberflächlich“, sondern offen und ehrlich. Oft aber gibt es auch ganz andere, eher aus der Not geborene Beweggründe. Viele, die hier unterwegs sind, sind nicht unbedingt autonom in ihrer Emotionsentscheidung. Sie sind nicht gerade frei im Herzen. Sie leiden unter ihrer Isolation als Single, unter Einsamkeit, sie sind bedürftig und beladen mit „Altlasten“, auch wenn dies keiner zugeben würde, mit Verletzungen und Entbehrungen aus der Vergangenheit. Man hat sich in seinen früheren Beziehungen Schrammen geholt, Beziehungen, die unter Schmerzen geschieden oder getrennt wurden, und der neue Partner, der da im Café wartet, soll nicht nur das verlorene Glück zurückbringen, sondern er soll einen auch noch verstehen, trösten, retten. Man breitet sich schon beim zweiten Date gegenseitig die Lebensgeschichte aus, weckt Mitgefühl und spendet sich Trost. Und meint so nur allzu schnell, sich gut zu verstehen. Das Problem: Eine solche Vertrautheit kannten viele Menschen bislang nur aus den Liebesbeziehungen in ihren früheren Lebensabschnitten. Vertrautheit und Nähe waren Teile der Liebe, die damals war. Also schlussfolgern viele oft ganz und gar irrtümlich, gerade weil alles so vertraut und nah ist, würden sie auch lieben.

Projektion und fiktionale Gefühle

Man ist bedürftig, ohne es sich einzugestehen. Das ist das eine. Und man will. Unbedingt. Außerdem hat man dafür bezahlt, dass man bekommt, was man will. Und trifft man auf jemanden, der einem irgendwie gefällt, dann muss er es, dann muss sie es sein. Die Erwartungshaltungen sind so mächtig, dass sie nur allzu häufig „wahre“ Empfindungen verwässern, übertönen oder gar verfälschen, sodass es für den durchschnittlichen Parshiper oder ElitePartner unheimlich schwierig ist, herauszubekommen, was da an „echten“ Gefühlen waltet – und was an eingebildeten, projizierten oder fiktionalen Gefühlen.

Im Werk von Eva Illouz ­Warum Liebe weh tut erfahren wir am Ende, dass der Kapitalismus unser Gefühlsleben verändert habe, dass er, zumal im Onlinezeitalter, etwas mit unseren Gefühlen anstelle, dass unsere Konsumgesellschaft sie forme und standardisiere. Aber halten solche Hypothesen einer Überprüfung stand? Viel spricht aufs Erste dafür. Aber dann auch manches dagegen. Denn nur weil das Internet ganz unstrittig zu Formen der Partnerauswahl geführt hat, die mit der ökonomischen Sphäre verwandt sind, muss das nicht zwingend heißen, dass auch unser Emotionsleben „ökonomisiert“ wurde. Die Verfälschungen und Trugbilder, denen wir aufsitzen, sie gibt es. Aber sie haben nichts mit Kapitalismus zu tun, sondern mit unseren inneren psychologischen Reaktionsweisen, die unser Beziehungsverhalten in „unfreien“ Lagen steuern. Anders ausgedrückt: Formen unechter Liebe, den „Selbstbetrug“, emotionale Kurzschlüsse, sie gab es immer schon, resultierend aus dem Problem, nicht zu wissen, ob tatsächlich ich liebe oder ob vielmehr in mir ein Es liebt, das von außen eingepflanzt ist.

Der Kapitalismus und die Konsumorientierung, die er stimuliert, bestimmen mit Sicherheit die inneren Bilder, Inszenierungsräume und Kulissen, vor denen sich die romantische Liebe heute abspielt – und wohl auch die Strategien, die Liebessuchende wählen, um den möglichst besten Partner für sich zu finden. Die Herzen können sie aber nicht erreichen. Das ist zu viel der Ideologie. Aber genau das macht dann doch auch Hoffnung – für die vielen, die hier gescheitert sind. Denn am Ende ist die Kapitalisierung der Romantik im Onlinezeitalter zwar eine Hypothek, die uns mächtig verwirrt, aber am Ende keine Falle, der nicht auch zu entkommen wäre. Die Onlinesuchenden in der turbokapitalistischen Konsumgesellschaft des 21. Jahrhunderts sind ihren Traumbildern nicht ausgeliefert. Sie wissen nicht nur, sondern spüren es auch irgendwann, wenn die Chemie nicht stimmt. Selbst wenn ihr Bauchgefühl beizeiten bestechlich sein sollte, am Ende fühlen sie doch, ob sie wirklich lieben oder nicht und ob Liebe erwidert wird oder ob nicht. Das Dilemma: Es dauert nur wesentlich länger, bis man diese Gewissheit erlangt. Das ist das Manko bei der Onlinepartnersuche. Was man hier, viel mehr noch als im normalen Leben braucht, um nicht zu havarieren, ist eine Wachheit sich selbst gegenüber, dazu emotionale Intelligenz und letztendlich eine gewisse Könnerschaft in der Disziplin, die man Selbsterkenntnis nennt. Dann müsste es immer möglich sein, dass man sich selbst rechtzeitig alarmiert, wenn man wieder einmal auf dem rutschigen Holzweg der eigenen Fantasien ist – und ihn irrtümlich für einen Bootssteg hält, an dessen Ende die attraktive Yogalehrerin oder der schicke Typ mit Dreitagebart vom Werbeplakat sitzt und uns verführerisch zulächelt.

Martin Hecht, geboren 1964, studierte in Freiburg und London Politik, Geschichte und Soziologie. Er ist Publizist und Schriftsteller. Sein aktuelles Buch Paar Shit, Niete-Partner und ich. Auf Brautschau im Internet ist 2017 im Piper-Verlag, München erschienen.

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