Das eigene Nein bejahen

Festgefahren: Er will Sex, sie nicht. Warum der erste Schritt der Therapie darin besteht, dass sie ihre Unlust selbstbewusst vertritt.

Die Illustration zeigt einen leicht bekleideten Mann auf dem Bett, der seine Frau mit einer Angel mit Sex ködern möchte
© Michel Streich

Ein Ehepaar Anfang 50 möchte eine Paartherapie beginnen. In ihrem Anschreiben formulieren sie einen jahrzehntelangen Konflikt um die Frage, wie oft sie Sex haben und wer ihn initiiert. Dabei erlebt sich der Mann als ewig Wartender, seiner abwehrenden Frau endlos ausgeliefert. Die Frau erlebt sich als ewig unter Druck Gesetzte, die mittlerweile gar keinen Spielraum mehr spürt, überhaupt noch eigene Lust zu entwickeln. Einmal pro Woche macht sie um des Friedens willen mit. Oft erlebt sie den Sex dann als okay, ohne dass sie mehr davon möchte. Seine Verletzung über das Zuwenig, das er erlebt, überschattet inzwischen andere Bereiche ihres Miteinanders. Trotz zweier therapeutischer Anläufe ist das Paar nicht weitergekommen. Sie lieben sich und möchten zusammenbleiben, aber ihr Leidensdruck ist mittlerweile immens hoch.

Solche Anfragen lese ich zunächst mit großem Respekt. Als Erstes frage ich mich, was ein dritter therapeutischer Versuch bei einem so leidvoll-stabilen Konflikt erbringen könnte. Wie kann ich ihnen weiterhelfen? Genau das werde ich im Erstgespräch sorgfältig mit ihnen erörtern, damit wir nicht naiv in ein weiteres Projekt mit Enttäuschungspotenzial starten, sondern die Risiken und Preise der Veränderung von Anfang an mitdenken.

Ich begegne zwei angenehm klugen, herzlichen und bodenständigen Menschen. Ihre Konfliktspannung haben sie spürbar mitgebracht. Die Frau atmet immer wieder schwer und ist den Tränen nahe, der Mann wirkt körperlich unter Strom, wütend und muss sich sichtlich anstrengen zuzuhören, ohne ihr ins...

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