„Es sollte keinen Zwang geben, ein Geheimnis zu offenbaren“

Der Psychotherapeut Günter Reich kennt die Dynamiken, die ein Familien­geheimnis entfalten kann. Die Frage, wann Offenheit besser ist als Schweigen, beantwortet er differenziert

„Es sollte keinen Zwang geben, ein Geheimnis zu offenbaren“

Der Psychotherapeut Günter Reich kennt die Dynamiken, die ein Familien­geheimnis entfalten kann. Die Frage, wann Offenheit besser ist als Schweigen, beantwortet er differenziert

Herr Reich, sind Familiengeheimnisse ein häufiger Anlass für eine Therapie?

Das Familiengeheimnis selbst ist eher selten Anlass für die Anmeldung zur Familientherapie. Aber in vielen Behandlungen, etwa in einem Drittel bis zur Hälfte, taucht dieses Thema früher oder später auf, manchmal nur am Rande, manchmal auch sehr massiv. Kommt das Gespräch auf ein extrem unangenehmes Thema, kann das sogar bis zum Abbruch der Therapie einzelner Familienmitglieder oder der Familie insgesamt führen. Oft treten solche Geheimnisse im Rahmen der Genogrammarbeit auf, bei der familiäre Beziehungen und Verhaltensweisen im Überblick dargestellt und reflektiert werden. Es kann auch passieren, dass einzelne Familienmitglieder im Laufe der Therapie versuchen, den Therapeuten in ein lang gehütetes Geheimnis einzuweihen.

Welche Spielarten kommen in der Praxis vor?

Es gibt drei Grundvarianten: Erstens das individuelle Geheimnis, eine Person hat ein Geheimnis vor allen anderen; zweitens das geteilte Geheimnis, bei dem mehrere Personen dem Rest der Familie etwas verheimlichen; und drittens das gemeinsame Geheimnis, bei dem die ganze Familie der Außenwelt etwas vorenthält. Diese Varianten haben unterschiedliche Folgen für die Beziehungen und Probleme einer Familie.

Kann es manchmal besser sein, das Geheimnis weiterhin zu bewahren?

Zunächst einmal gilt: Kein Mensch ist ohne Geheimnisse, wir alle verbergen irgendetwas vor anderen. Es sollte keinen Zwang oder Druck geben, ein Geheimnis zu offenbaren. Das hat schnell etwas Totalitäres. Manchmal sind zum...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2015: Zum Glück allein
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