„Die Seele hat ihr eigenes Tempo“

Gerontopsychologin Bettina Ugolini über Eltern, die hilfsbedürftig werden – und welche Frage sich die erwachsenen Kinder dann stellen müssen.

Es warten viele Herausforderungen auf uns, wenn unsere Eltern älter werden. © gettyimages, Jasmin Merdan

Ja. Ich erlebe das auch als ganz großen Türöffner, wenn es darum geht, dass zum Beispiel die alternde Mutter Hilfe annehmen muss. Wenn eine Tochter in der Kommunikation die Rollen vertauscht hat, dann sagt sie: "Mama, ich sehe schon lange, dass du überfordert bist und Hilfe brauchst." Das ist eine Kommunikation von oben nach unten, etwas überheblich. Wenn ich auf Augenhöhe bleibe, dann würde eine Tochter zum Beispiel sagen: "Mutter, ich weiß, dass dir deine Autonomie extrem wichtig ist, und ich möchte das auch respektieren. Aber als dein Kind möchte ich dir sagen: Ich bin in permanenter Sorge, ich bin beunruhigt. Wenn du es nicht für dich tust, wärst du bereit, die Hilfe für mich anzunehmen? Um mich ein Stückweit zu entlasten?" Interessanterweise sind auf dieser Ebene ganz viele Mütter zu erreichen. Und sagen dann: "Das wusste ich ja nicht, dass es für dich so schwierig ist. Wenn es dich beruhigt, dann nehme ich jetzt eben diesen Notfallknopf."

Sollte man in der Zeit, in der man merkt, dass sich das Verhältnis zu den Eltern verändert, schon über die letzte Lebensphase sprechen?

Ja, man muss sich überwinden und das ansprechen. Und man muss noch etwas Zweites tun: Man muss sich ganz schnell klar darüber werden: Was bin ich bereit zu tun? Wo sehe ich meine Möglichkeiten, aufgrund meiner persönlichen Situation und meiner Kompetenzen? Aber auch aufgrund der gelebten Beziehung. Was bin ich bereit zu geben? Und wo spüre ich schon von vornherein: Das will ich nicht? Das kann ich nicht? Das weiß man eigentlich. Das sollte man visualisieren, aufschreiben, um später das Ausstiegsszenario klar zu haben: "Ich habe von Anfang an gesagt: Wenn es um die körperliche Pflege geht, das traue ich mir nicht zu." Dann kann ich in dem Moment, wo dieses eintritt, auch sagen: Hier brauchen wir externe Unterstützung. Wenn das nie thematisiert wurde, dann habe ich Töchter, die sagen: "Aber ich kann doch jetzt nicht aufhören!"

Darf man das Gespräch über die letzte Lebensphase von seinen Eltern einfordern?

Ich glaube ja. Es braucht manchmal zwei, drei Anläufe, da sagen die Eltern dann vielleicht beim ersten Mal: "Ja, willst du uns schon ins Heim stecken?" Und dann könnte man antworten: "Wenn wirklich was passiert, dann stehen wir als Kinder da und haben nie erfahren, was euer Wunsch gewesen wäre. Uns ist wichtig zu wissen, dass wir in eurem Sinne entscheiden. Und nicht in unserem."

Was können denn die Eltern noch dazu beitragen, um ein reifes Verhältnis zu ermöglichen?

Alternde Eltern können sich nicht komplett auf die Kinder abstützen. Sie müssen aufhören mit dem „Ich habe die Kinder ja in die Welt gesetzt, jetzt sollen die auch …“ Das Recht besteht nicht. Weil Elternbetreuung etwas ganz anderes ist als Kinderbetreuung.

Wo sehen Sie den Unterschied?

Kinder begleite ich ins Leben. Eltern begleite ich ins Sterben. Und was man auch nicht vergessen darf: Wenn ein Kind auf die Welt kommt, fängt die Beziehung quasi bei null an. Aber wenn ich meine Eltern betreue, dann haben wir schon eine jahrzehntelange gemeinsame Geschichte auf dem Buckel. Und da kann ich nicht einfach sagen: Jetzt haben die mir alles gegeben, jetzt gebe ich auch alles. Sondern das, was ich gebe, ist abhängig von dem, was meine Eltern und ich miteinander gelebt haben.

Wie kann ich meine Eltern darin unterstützen, Hilfe anzunehmen, womöglich sogar ihr Haus zu öffnen für fremde Menschen, die sich um sie kümmern?

Ich glaube, das ist der schwierigste Prozess. Darüber will ja keiner nachdenken, dass er Pflege benötigt. Da würde ich vorher nicht zu viel wühlen. Ich würde sagen: "Guck mal, wenn es mal soweit ist, dann sind wir zwei oder drei Kinder da. Aber je nachdem, wie die Situation ist, wird es vielleicht auch nötig sein, dass wir fremde Hilfe hinzuziehen." Ich würde am Anfang nicht alles ansprechen. Denn der Prozess, den alte Menschen vollziehen müssen, der ist mindestens so anspruchsvoll wie der Prozess für die Kinder. Wenn Sie das Konzept der filialen Reife anschauen, dann ist es ja eines der Merkmale, dass ein filial reifes Kind ein sehr hohes Verständnis für die Bedingungen des Alters mitbringt. Sich also klarmacht, wie schwierig es ist, mit der zunehmenden Abhängigkeit, mit dem Verlust des sozialen Netzes umzugehen. Wenn ich dieses Verständnis habe, dann kann ich mit den Fragen wohldosiert umgehen. Und muss nicht beim ersten Gespräch alles auf den Tisch packen. Das müssen wir nach und nach machen. Aber wenn wir auf Augenhöhe bleiben, kann das gelingen. Es ist nicht nur ein kognitiver Prozess, anzuerkennen: Ich brauche Unterstützung und ich muss sie annehmen. Es ist auch ein emotionaler Prozess. Und die Seele hat ihr eigenes Tempo.

Dr. phil. Bettina Ugolini leitet die psychologische Beratungsstelle „Leben im Alter“ (LiA) am Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich. Die Beratungsstelle bietet u.a. Gesprächsrunden für Angehörige von pflegebedürftigen Menschen sowie Reflexionskurse für erwachsene Töchter.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2019: Zwischen Liebe und Pflichtgefühl
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