Wenn aus Glauben Gewalt wird

Was lässt Gläubige zu Terroristen werden? Der Religionspsychologe Ralph Hood erklärt, warum fehlende Spiritualität Gewalt auslösen kann.

Politisch motivierte Gewaltakte werden religiös gerechtfertigt, sagt Religionspsychologe Ralph Hood © Getty images

„Fanatismus? Der Begriff führt uns nicht weiter“

Die großen Weltreligionen predigen den Frieden. Wie kann es dann sein, dass Religiosität in Gewalt umschlägt? Was lässt Gläubige zu Terroristen werden? Ihnen fehlt die Spiritualität, meint der amerikanische Religionspsychologe Ralph Hood

Herr Hood, wann wird aus religiösem Fundamentalismus mörderischer Fanatismus?

Ich selbst habe früher einmal angenommen, es sei die Religion, die manche Menschen das Hassen lehrt. Das ist ein gängiges Klischee, so als wären islamische Fundamentalisten zwangsläufig gewalttätige Fanatiker. Heute aber weiß ich: „Fanatismus“ – der Begriff führt uns nicht weiter. Und wer Fundamentalisten per se als gewalttätig definiert, verfehlt die angemessene empirische Forschungsfrage. Diese lautet: Unter welchen Bedingungen setzen einige fundamentalistische Gruppen Gewalt ein?

Haben Sie die Antwort?

Viele Glaubenstraditionen haben in ihrer langen Geschichte Gewalt gefördert. In jüngerer Zeit macht es die Weltpolitik Tätern leicht, insbesondere den Islam zu missbrauchen, um handfeste Interessen zu verfolgen. Weitestgehend politisch motivierte Gewaltakte werden religiös gerechtfertigt.

Aber die Weltpolitik kann doch wohl nicht der einzige Grund dafür sein, Andersgläubigen Gewalt anzutun?

Hier hilft uns die Unterscheidung zwischen Religiosität und Spiritualität. Religionen vertreten spezifische Glaubensgrundsätze zu Kleidung, Speisen und Ritualen, die von den Gläubigen bejaht werden müssen. Religionen neigen auch dazu, eine Gruppe zu bestimmen, die sich von Menschen anderen Glaubens abgrenzt. Der Spiritualität dagegen geht es darum, etwas tief aus dem Innern auszudrücken. Wenn also jemand als Anhänger des Islam oder des jüdischen Glaubens kein Schweinefleisch isst, dann ist das im Sinne der Spiritualität auch für Andersgläubige völlig in Ordnung.

Nicht spirituell wäre es, wenn jemand mich als den Vertreter eines anderen Glaubens vom Schweinefleisch abzuhalten versucht. Die Spiritualität sucht nach dem, das mir hilft, eine liebende Person im Rahmen meines eigenen Glaubens zu werden. Spiritualität heißt, einander zu ­lieben: nicht nur die eigene Gruppe, sondern alle Menschen. Mein Kollege Heinz Streib von der Universität Bielefeld und ich haben in unserem ­gemeinsamen empirischen Forschungsprojekt mit Befragungen herauszuarbeiten versucht, wie Menschen, die sich als religiös verstehen, von solchen unterscheidbar sind, die sich eher als spirituell betrachten. Was wir fanden ist: Religiöse Menschen folgen einer Zusammenstellung von bestimmten Glaubensgrundsätzen, Ritualen und Praktiken. ­Spiritualität dagegen lässt sich in gewisser Weise fassen als die private, erfahrungsorientierte Verinnerlichung der Religion.

Wie hilft uns diese Unterscheidung zu verstehen, unter welchen Bedingungen aus einem Gläubigen ein Gewalttäter wird?

Damit lassen sich Menschen systematisch vier Kategorien zuordnen: erstens solche, die sowohl religiös als auch spirituell sind. Sie finden tiefen Sinn in der religiösen Tradition, deren Mitglied sie sind. Zweitens gibt es viele, die spirituell sind, aber nicht religiös. Dabei handelt es sich um eine weltweit wachsende Gruppe. Sie sagen, dass die Religion sich irrt, wenn sie nur auf Glaubensgrundsätzen beharrt. Die Wahrheiten würden Menschen voneinander in Richtig und Falsch trennen, und genau das sei das Problem. Am problematischsten im Hinblick auf Gewalttätigkeit sind deshalb solche Menschen, die sich als religiös, aber nicht als spirituell erleben, die sagen: Die meine ist die einzig richtige Art, wie du glauben sollst. Diese kleine Gruppe, religiös und ohne ausgeprägte Spiritualität, neigt am ehesten zur Gewalt, und sie kommt in allen Glaubenstraditionen vor.

Und die vierte Gruppe ist dann also weder religiös noch spirituell?

Richtig.

Solchen Menschen, die sich als verstandesgeleitet, vernünftig oder aufgeklärt begreifen, erscheinen Spiritualität und Religiosität mitunter als eine psychische Störung. Hat diese Sichtweise in der Religionspsychologie einen Platz?

Nein. Es ist hochproblematisch, religiöse Menschen als psychisch krank oder psychotisch einzuordnen. Man kann aus allen möglichen Gründen gegen bestimmte Verhaltensweisen sein. Aber wir wissen heute: Du magst zwar geistig krank sein, aber dies entwertet nicht deine Glaubensgrundsätze. Beispielsweise weist William James in einem der großen Grundlagentexte der Psychologie schon vor weit mehr als 100 Jahren den „medizinischen Materialismus“ von sich. Hat Saulus auf seinem Weg nach Damaskus möglicherweise einen epileptischen Anfall erlitten, der ihn zum Paulus machte? So würde der medizinische Materialismus argumentieren. James sagt dazu: Es mag ja sein, dass er einen Anfall hatte, aber nicht alle Menschen werden dadurch zu einem Paulus. Der Wert dessen, was Paulus lehrte, bleibt unabhängig davon, welcher medizinische Zustand es ermöglicht hat. Viele der großen religiösen Figuren in der Religionsgeschichte, Martin Luther oder wen immer man sich aussucht, könnte man unter Verwendung bestimmter mentaler Kategorien psychoanalytisch untersuchen und zu interessanten Ergebnissen kommen. Aber das bedeutet nicht, dass ihre Theologie oder ihr Denken damit illegitim würden.

Es gibt also keinen grundsätzlichen Konflikt zwischen extrem starkem religiösem Glauben und Spiritualität mit psychischer Gesundheit?

Im Gegenteil! Tatsächlich sind Menschen, die tief religiös glauben, in ihrer großen Mehrheit gesünder als andere. Dies liegt zum Teil auch daran, dass sie zu Gruppen gehören, die normalerweise kulturell akzeptablen Standards folgen. Religion sozialisiert Menschen zu vielen Verhaltensweisen, die wir gesellschaftlich für wertvoll halten. Nehmen wir als Beispiel die Mormonen in den USA: Psychologische ­Studien zeigen, dass sie insgesamt gesünder als Vergleichsgruppen sind. Das fängt schon mit der körperlichen Gesundheit an. Aufgrund ihrer Glaubensgrundsätze gibt es bei den Mormonen ­keinen Alkoholmissbrauch, und sie rauchen auch nicht.

Gibt es in unserer Psyche etwas, das ein Bedürfnis nach Spiritualität weckt? Hat der Glaube eine wichtige Funktion für unsere Psyche?

Ja, wir finden viele empirische Hinweise darauf, dass Menschen eine biologische Grundlage haben, um auf etwas reagieren zu können, das sie als transzendent wahrnehmen, als etwas, das größer ist als sie selbst. Es geht um Dinge, die sie aus ihrer isolierten narzisstischen Lage herausführen. Die großen Religionen bieten sich dann als Optionen an. Und die meisten dieser Glaubenstraditionen lehren uns das Gleiche, auch dass Gott die Liebe ist und dass wir Selbstlosigkeit und Zuwendung zueinander leben sollen. Die Religionen fördern diese Sichtweise, solange sie nicht in das unselige Dilemma geraten, nur den eigenen Glauben für wichtig zu halten und alle Andersgläubigen zurückzuweisen.

Oder sie gleich umzubringen.

Ja, auch das. Aber wir sollten nicht vergessen, dass viele säkulare Weltanschauungen nicht besser sind. Schauen wir uns doch nur China unter Mao oder Stalins Sowjetunion an. Sie taugen wohl kaum zum Vorbild für den Fortschritt. Sowohl säkulare als auch religiöse Ideologien können auf extreme Art menschenverachtend werden und kollektive Gewalttaten im Namen einer höheren Wahrheit hervorbringen.

Das Gemeinsame an beiden ist das Wirken von Glaubensgrundsätzen?

Ja, aber mit einer Einschränkung. Es sind solche Glaubensgrundsätze, die absolute Geltung für sich beanspruchen – im Gegensatz zu solchen, die auf eine mehr symbolische oder transzendente Art und Weise interpretierbar sind. Was Heinz Streib untersucht hat und woran ich im Rahmen des Projektes mitgearbeitet habe, sind die Stufen der Glaubensentwicklung. Diese Stufenfolge führt hin zu einem universellen Glauben. Auf dem Weg dorthin schüren Glaubenssysteme, die noch wortwörtlich befolgt werden, Konflikte mit anderen Gruppen.

Geht es bei der Stufentheorie um die Glaubensentwicklung von Gesellschaften oder von Individuen?

Um beides, Individuen und Gesellschaft, und ihr Wechselspiel miteinander. Kulturen und die Individuen in ihnen entwickeln sich weiter, und die radikaleren oder extremen Religionen werden in diesem Zuge immer weniger überlebensfähig.

Meine Annahme wäre eher, dass es sich ­umgekehrt abspielt, dass Gesellschaften sich zunehmend engstirnigen Glaubenssystemen religiöser und politischer Art zuwenden.

In der modernen, globalen Welt sind wir alle wechselseitig miteinander verbunden. Jede Sichtweise, die Menschen ausgrenzen will, ist zum Scheitern verurteilt, denn wir wissen um die Beziehung. Es wächst der Druck, anzuerkennen, dass wir miteinander ­auskommen müssen. Ideologien und Religionen müssen Unterschiede bei den Glaubensgrundsätzen akzeptieren, anstatt einfach nur zu versuchen, eine bestimmte Gruppe über alle anderen Gruppen zu stellen.

Wir erleben, dass Menschen zunehmend populistischen Führern in der Politik und deren einfachen Wahrheiten folgen. Hat das auch etwas mit Religion zu tun?

Eines dieser Vereinfachungsargumente lautet, die Probleme seien durch Personen hervorgerufen, die anders sind als wir selbst, und dass wir diese Menschen deshalb ausgrenzen müssten. Das ist eine ­fundamentalistische Haltung, wie wir sie in der Tat aus Religionen kennen. Solche Aussagen sind aber meistens absurd, vor allem wenn sie außerhalb ihres Zusammenhangs stehen. Man kann einfach nicht eine ganze gesellschaftliche Gruppe als Vergewaltiger, als ignorant oder was auch immer kennzeichnen. Die Wahrheit ist: Was immer wir innerhalb bestimmter ethnischer oder religiöser Gruppen vorfinden, gibt es im selben Maße auch in anderen Gruppen. Aber leider sagen wir oft: Du bist an meinen Problemen schuld.

Noch einmal zu diesem Schritt, der aus religiösen Fundamentalisten Terroristen macht. Wie kommt es in der Psyche solcher Menschen dazu, dass sie Bomben legen oder zustechen? Was löst diesen großen Schritt aus? Oder ist er vielleicht gar nicht so groß?

Vergessen wir nicht, in welch erheblichem Maße Kulturen Gewalt fördern. Die Ironie von Zivilisationen liegt darin, dass sie innerhalb der eigenen Gruppe Gewalt einzudämmen versuchen, indem sie fortgesetzt nach außen gewalttätig werden. Würden Sie als Autor eines Buchs über die Weltgeschichte Religion und Krieg aussparen, gäbe es nicht viel zu schreiben. Die Frage lautet also: Warum wird ein bestimmtes Individuum gewalttätig? Es gibt gute psychologische Forschung, die darin im Großen und Ganzen eine Projektion sieht. Der Gewalttäter sieht die eigenen Fehler in seinem Opfer. Anstatt sich selbst zu transformieren, greift er den anderen an. Im Falle des Islam sollten wir wahrnehmen, dass es einen höheren und einen niederen Dschihad gibt. Im höheren Dschihad geht es darum, gegen sich selbst Krieg zu führen, um sich in den liebenden Menschen zu transformieren, der man unter dem Banner des Islam sein soll. Der Vorgang der Projektion betrifft sowohl Kulturen als auch Individuen. Gewalt ist ein Ausdruck dessen, was Menschen bei sich selbst verleugnen und deshalb bei anderen suchen.

Muslime, die gewalttätig werden, projizieren also die eigenen Defizite auf andere, weil sie die höhere Form des Dschihad nicht erreichen?

Richtig. Und dann, wenn du den anderen getötet hast, erkennst du, dass das Problem damit nicht gelöst ist, denn es war und bleibt in dir. Aber noch einmal: Es ist falsch, eine bestimmte Religion so darzustellen, als würde nur sie sich in Gewalttaten ergehen. In der Geschichte vieler großer Glaubenstraditionen finden wir Gewalttaten, oftmals leichtfertig begangen, häufig auch im Namen einer für alle zu geltenden Wahrheit.

Was raten Sie als empirisch arbeitender Religionspsychologe, wie wir mit Fragen der Religion besser als bisher umgehen sollten? Wie sollen wir glauben?

Wie gesagt, viele vorgeblich religiöse Konflikte sind im Grunde gar nicht religiös verursacht. Auch ohne nun auf die eine oder andere Wirtschaftsphilosophie einzugehen, müssen wir die massive Ungleichheit von Arm und Reich in der Welt überwinden. Statt zu sehr auf den eigenen wirtschaftlichen Vorteil zu sehen, müssen wir uns Themen wie dem Klimawandel stärker zuwenden, denn wir leben in ein und derselben Welt. Wir lernen gerade erst, wie sehr wir alle miteinander verbunden sind. An dieser Stelle wird Politik spirituell. Die Welt muss zu einem Zusammenleben finden, in dem sich die Nationen nicht mehr bekämpfen. Wir müssen uns hin zu einem größeren, globalen Erkennen der Dinge entwickeln. Meiner Überzeugung nach kann eine solche Sichtweise nur befördert werden und Bestand haben durch einen im Kern spirituellen Blick auf die Menschheit.

Was macht diesen Blick aus?

Dass die Menschen in den Texten der Religion spirituell Bewahrenswertes erkennen, also mehr als nur in Glaubenssätze gegossene Wahrheiten. Wir würden uns zu einer von Zwängen der Religion freieren Form der Spiritualität entwickeln. Das wäre Fortschritt.

Ralph Hood ist Professor an der University of Tennessee in Chattanooga. Mit Heinz Streib und Barbara Keller von der Universität Bielefeld hat er eine Studie zur Psychologie der Spiritualität durch­geführt, nachzulesen in deren Buch: Was bedeutet Spiritualität? Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015.

Gitter mit Kreuz Stern Sichel symbolisieren Religionen
Politisch motivierte Gewaltakte werden religiös gerechtfertigt, sagt Religionspsychologe Ralph Hood

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2017: Beziehungsfähig!
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