„Wir sind eine besonders ängstliche Nation“

Die Gefahr von Terroranschlägen wächst auch in Deutschland. Doch noch viel stärker als die reale Gefahr wächst in der Bevölkerung ein Gefühl von Bedrohung. Ein Gespräch mit dem Rechtspsychologen Dietmar Heubrock von der Universität Bremen

„Wir sind eine besonders ängstliche Nation“

Die Gefahr von Terroranschlägen wächst auch in Deutschland. Doch noch viel stärker als die reale Gefahr wächst in der Bevölkerung ein Gefühl von Bedrohung. Ein Gespräch mit dem Rechtspsychologen Dietmar Heubrock von der Universität Bremen

Nach den Terrorattentaten von Brüssel und Paris und einigen vereitelten Anschlägen in Deutschland fürchten sich viele Menschen davor, Opfer eines terroristischen Angriffs zu werden. Wie berechtigt ist diese Sorge?

Die Sicherheitsbehörden haben eingeräumt, dass ein Terroranschlag wie in Paris auch in Deutschland wahrscheinlich sein kann. Bei solchen Aussagen ­sollte man allerdings bedenken: Auch wenn es statistisch stimmen mag, dass die Gefahr insgesamt zugenommen hat, ist die Wahrscheinlichkeit für den Einzelnen von uns, Opfer eines Anschlages zu ­werden, sehr gering. Doch diese Aussage wiederum beruhigt wenig, da das subjektive Sicherheits- oder Unsicherheitsgefühl nicht von Zahlen abhängt. Es gibt eben Menschen, die sich mehr, und andere, die sich weniger Sorgen machen. Diejenigen, die vor einem Attentat anhaltend Angst haben, sind ­davon überzeugt: Es mag zwar unwahrscheinlich sein, dass sich jemand in meiner Nähe in die Luft sprengt, doch wenn es zu einem Attentat kommt, wird es hier ­stattfinden, und ich werde unter den Opfern sein. Es ist also auch eine Frage der persönlichen Angst.

Wie kommt es zu diesen Unterschieden? Warum bleiben die einen besonnen, während andere panisch reagieren?

Das hat mit der Grundpersönlichkeit zu tun, mit den ganz normalen Unterschieden in den Persönlichkeitsmerkmalen, die sich in der Kindheit entwickelt haben und nur schwer verändern lassen. Diese Unterschiede werden durch eine jeweils selektive Suche nach bestimmten Informationen zusätzlich verstärkt. Dadurch bilden sich Einstellungen und eben auch Klischees heraus, so wie sie in der gegenwärtigen Situation häufig zu beobachten sind.

Zum Beispiel: Eine Kollegin berichtete mir kürzlich, dass sie auf dem Bahnsteig einen Mann mit arabisch-türkischem Habitus gesehen habe, der eine Gebetskette unentwegt zwischen den Fingern bewegt und dabei halblaut vor sich hingemurmelt hat. Die Kollegin entschied sich daraufhin, sich nicht in dasselbe Zugabteil zu setzen, in dem der Mann Platz nahm, sondern wechselte sogar den Waggon, um weit weg von ihm zu sein. Sie hatte vielleicht keine direkte Angst, doch aber ein mulmiges Gefühl. Eine weniger sorgenvolle, aufgeschlossene Frau ­dagegen hätte sich möglicherweise aus Neugier in die Nähe dieses Mannes gesetzt, um ihn zu beobachten oder sogar mit ihm ins Gespräch zu kommen. So kann die gleiche Situation sehr verschieden aufgenommen und bewertet werden.

Sind wir Deutschen besonders ängstlich?

Die Kulturdimensionentheorie des holländischen Sozialpsychologen Geert Hofstede zeigt anhand eines umfangreichen empirischen Datensatzes die elementaren Unterschiede zwischen Nationen und Kulturen auf. Dort erreicht Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern einen hohen Wert beim sogenannten Unsicherheitsvermeidungsindex. Diese Kennziffer legt dar, wie eine Gesellschaft mit unbekannten Situationen und Ereignissen sowie dem Stress von Veränderung umgeht. Kulturen wie Deutschland, bei denen dieser Index hoch ist, sind weniger tolerant und neigen dazu, die Angst vor dem Unbekannten durch das Aufstellen starrer Regeln, Vorschriften und Gesetze zu minimieren. Gesellschaften, die einen niedrigen Wert haben, sind offener gegenüber Veränderungen.

Neigen wir dazu, uns gegen alles Mögliche absichern zu wollen?

Tatsächlich sind wir eine besonders ängstliche Nation und wollen uns gern absichern, gleich ob Hausrat-, Kfz-, Fahrraddiebstahls-, Glasbruch-, Berufsunfähigkeitsversicherungen – Versicherungen übrigens, die es in anderen Kulturen gar nicht gibt! Am liebsten hätten wir im Grunde auch eine hundertprozentige Absicherung gegen Terror, Überfälle und Attentate. Ich habe einmal scherzhaft geäußert: Wenn ich eine Anti-Terror-Versicherung auf den Markt bringen würde, wäre ich über Nacht steinreich, weil sie jeder in Deutschland gerne kaufen würde. Ich wundere mich, wie viele Menschen sich derzeit noch mehr zu schützen versuchen und sich sogar Schreckschusswaffen, Reizgas und Pfefferspray zulegen.

Und die Franzosen etwa nicht?

Wenn wir uns den Umgang der Franzosen nach den verheerenden Anschlägen in Paris ansehen, können wir erkennen, wie selbstbewusst und geradezu trotzig die Menschen darauf bestanden haben, ihr gewohntes Leben im öffentlichen Raum so schnell wie möglich wieder aufzunehmen.

Woran liegt es, dass die Franzosen anders mit der Situation umgehen?

In Frankreich sowie in anderen mediterranen Ländern spielt sich das soziale Leben stärker als bei uns im öffentlichen Raum ab. Man lädt Freunde und Verwandte ins Café oder ins Restaurant ein und ­flaniert durch die Stadt, besonders gern auch am Abend. Diese Freiheit möchten sich die Menschen nicht nehmen lassen. In Deutschland konzentriert man sich eher auf die eigenen vier Wände, bewirtet Freunde und Verwandte zu Hause. In Deutschland werden übrigens auch mehr Sicherheitsschlösser, Bewegungsmelder und Videoüberwachungsanlagen verkauft als anderswo.

Derzeit wird mehr Sicherheit in der Öffentlichkeit gefordert. Kann zum Beispiel ein erhöhtes Polizeiaufgebot die Gefahr einer Bedrohung wirklich bannen?

Ich bin der Ansicht, dass dadurch weder die reale Bedrohung entschärft noch das subjektive Bedrohungsgefühl gemindert wird. Stellen Sie sich vor, ich würde jetzt in normaler Straßenkleidung mit einem Rucksack, so wie fast alle Touristen, auf den Bremer Marktplatz gehen, um am Rathaus, mitten in der historischen Innenstadt, als Selbstmordattentäter eine Bombe zu zünden. Die dort stehenden Polizisten mit Schutzweste und Maschinenpistole würden mich vor dem Attentat nicht erschießen, weil ich mich nicht verdächtig verhalte, und nach dem Attentat hätte ich mich ohnehin selbst zerlegt. Da würden Maschinenpistolen also auch nichts nützen. Mit der sichtbaren Polizeipräsenz soll zwar das Sicherheitsgefühl gesteigert werden, aber ich bezweifle, ob das gelingt.

Warum?

Wer im Hauptbahnhof Streifen von Bundespolizisten im Vollschutz und mit der erwähnten Maschinenpistole sieht, denkt automatisch: „Hier passiert gleich etwas! Wahrscheinlich gab es einen bestimmten Anlass, eine konkrete Bedrohung – nichts wie weg von hier!“ Ich habe mal das Verhalten der Menschen im Hauptbahnhof beobachtet und festgestellt, dass jeder, der eine solche Polizeistreife erblickt, sich unwillkürlich mehrfach umsieht und seine Mitreisenden intensiver beobachtet. Das subjektive Sicherheitsgefühl wird nicht gesteigert, eher nimmt die empfundene Angst zu.

Wie kommt das?

In Deutschland ist im Unterschied zu vielen anderen Ländern eine ständige Polizeipräsenz im öffentlichen Raum nicht üblich. In Osteuropa zum Beispiel werden Sparkassen, Rathaus und Stadtparks von der Milizia bewacht, Polizeipräsenz gehört zum Alltag. Hierzulande wird Polizei erst dann präsent, wenn etwas passiert ist, vom Verkehrsunfall bis zur aggressiven Attacke. Wenn nun schlagartig überall Uniformierte auftauchen, gehen die Menschen in Alarmbereitschaft. Und genau diese überhöhte Wachsamkeit führt zu einem plötzlich empfundenen Gefühl der Beunruhigung.

Was sollte denn der Staat unternehmen, damit die Bürger sich sicherer fühlen?

Ich würde eine Frage dagegenstellen: Können sich die Bürger wirklich sicherer fühlen, wenn es sich doch lediglich um eine trügerische Sicherheit handelt? Ich bin der Auffassung, dass der Staat ehrlich mit der vorhandenen Bedrohung umgehen sollte. Der Staat hat das Gewaltmonopol inne und damit objektiv die Verpflichtung, die Bürger zu schützen. Das ist hierzulande eine andere Situation als in den USA, wo jeder seinen persönlichen Schutz auch mit Schusswaffen sicherstellen darf. Fazit aber ist doch, dass der Staat keinen hundertprozentigen Schutz leisten und gewährleisten kann – und genau das sollte er ehrlicherweise kommunizieren. Das schließt keineswegs aus, dass er gleichzeitig alles Mögliche unternehmen muss, um für einen friedlichen Alltag zu sorgen. Aber das Unmögliche kann er eben nicht leisten! Eine solche Haltung würde zumindest das Vertrauen in die Authentizität des Staates und seiner Bemühungen wiederherstellen.

Ist dieses mulmige Gefühl einer Bedrohung nicht auch Resultat der hastigen und teils überspannten Berichterstattung in den Medien?

Sicherlich. Der Medienhype beeinflusst und potenziert das Angstgefühl. Ähnlich verhält es sich bei der Flüchtlingsfrage. Wenn da von „Welle“ oder ­„Lawine“ gesprochen wird, entsteht unbewusst ein negatives Empfinden. Grundsätzlich ist ein Angstgefühl ja nichts Schlechtes, es ist uns von der Evolution ­mitgegeben worden, um auf Gefahren ange-messen reagieren zu können. Doch wenn die Gefahr vorbei ist, sollte es wieder verschwinden. Die Medien ­allerdings halten dieses Gefühl permanent am Köcheln.

Wie kann der schwierige Spagat zwischen Sicherheitsbedürfnis und Gelassenheit gelingen?

Zunächst einmal: Ein rundum wirksamer Schutz vor Terroranschlägen ist eine Illusion. Die passende Haltung muss individuell gefunden werden und hängt von der Ängstlichkeit beziehungsweise Selbstsicherheit des Einzelnen ab. Das trifft auf viele Lebensbereiche zu. Denken Sie zum Beispiel an ältere Menschen, die Angst davor haben, im Dunkeln auf die Straße zu gehen, weil sie annehmen, dass „das Böse“ einem in der Finsternis auflauert. Weder mit positiver polizeilicher Kriminalstatistik noch durch aufmunterndes Zureden wird man einen furchtsamen Senioren dazu bewegen, abends durch einen unbeleuchteten Park zu gehen. Er muss es aber auch nicht tun. Jeder sollte für sich ausloten, welche Balance zwischen Sicherheitsvorkehrungen und Gelassenheit er benötigt und für sein Wohlbefinden braucht.

Und wie handhaben Sie das?

Ich persönliche meide weder große Menschenansammlungen, noch mustere ich jeden Passanten mit einem eindringlichen Scannerblick. Allerdings bin ich auch von Natur aus kein ängstlicher, sondern ein sehr neugieriger Mensch. Außerdem habe ich einen „professionellen“ Blick auf Menschen, was damit zu tun hat, dass mein Forschungsteam und ich über viele Jahre das Verhalten von Attentätern in der Vortatphase erforscht und mit diesen Erkenntnissen Polizeibehörden geschult haben. Diese typischen Verhaltensweisen möchte ich aber hier nicht nennen, weil sich sonst Attentäter entsprechend vorbereiten könnten. Generell gilt: Ein wacher, interessierter Blick auf andere und das Hören auf das eigene Bauchgefühl sind gute Ratgeber, auch in Bedrohungssituationen.

Wenn die eigene Angst überhandnimmt, wie kann man gegensteuern?

Ich glaube gar nicht, dass wir es mit richtiger Angst zu tun haben, da es ja eben ein kurzzeitiges, an eine bestimmte Situation gekoppeltes Gefühl ist. Wir erleben derzeit so etwas wie eine anhaltende Sorge. Wenn aus dieser Sorge eine Vorsorge wird, man sich über die tatsächliche Sicherheitslage informiert, sich aktiv damit beschäftigt, also die eine Veranstaltung besucht, die andere dagegen meidet, so ist das eine angemessene Reaktion.

Und wenn aus der Sorge ein anhaltendes Gefühl des Ausgeliefertseins wird?

Dann bewegt sich das in Richtung einer Depression. Depressive Menschen tendieren auch noch dazu, all diejenigen Informationen aufzunehmen, die ihre Sorge nähren. Sie lesen überwiegend Horrormeldungen und nehmen gegenteilige, positive Informationen gar nicht zur Kenntnis.

Da wäre ein gezieltes Gegensteuern, etwa durch eine mediale Kommunikationsoffensive nur ­begrenzt wirksam?

Im Wesentlichen wird der Ängstliche ängstlich ­bleiben und große Menschenmengen meiden. Würde es nun zu einem terroristischen Anschlag auf ­einer Großveranstaltung in seiner Nähe kommen, so bliebe der Ängstliche zwar verschont, da er Menschenansammlungen meidet, doch wird er das Geschehen intensiv zu Hause am Fernseher verfolgen. Die Welt erscheint ihm dann noch bedrohlicher, und die Angst, irgendwo hinzugehen, wächst und engt sein Leben weiter ein. Er kann sich dem Geschehen nicht entziehen. Zwar wurde er nicht Opfer des Anschlags, er regt sich aber innerlich so sehr über das verheerende Attentat auf, dass er, mal zugespitzt, möglicherweise einem Herzinfarkt erliegt, weil er sich extrem bedroht und hilflos fühlt. Aus seiner subjektiven Sicht hat er „richtig“ entschieden, er hat das eine Risiko minimiert, doch dafür hat er ein anderes ungewollt in Kauf genommen. Das verdeutlicht einmal mehr: Es gibt sie nicht, die absolute Sicherheit im Leben.

Perspektivisch bin ich der Auffassung, dass der Schlüssel zur öffentlichen Bewältigung von Bedrohungen bei einer ehrlichen Kommunikation liegt: nichts beschönigen, aber auch nicht künstlich beunruhigen. Als glaubwürdig wird der Staat nur empfunden, wenn er authentisch ist. Dies zu vermitteln scheint mir auch eine wichtige Aufgabe für die Psychologie im öffentlichen Diskurs zu sein.

Dietmar Heubrock ist Hochschuldozent und seit 2007 geschäftsführender Direktor des Instituts für Rechtspsycho-logie der Universität Bremen. Er arbeitete als Sachverständiger unter anderem zur Amoktat von Winnenden für den Sonderausschuss des baden-württembergischen Landtages.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 5/2016: Viel zu tun
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