Männliche Therapeuten – Mangelware

Seit Jahren sinkt die Zahl der männlichen Psychologischen Psychotherapeuten. Viele Therapieinstitute bilden heute überwiegend Psychologinnen aus. Warum entscheiden sich so wenige Männer für den Psychotherapeutenberuf? Und was bedeutet es für die Therapielandschaft, wenn die Männer fehlen?

Männliche Therapeuten – Mangelware

Seit Jahren sinkt die Zahl der männlichen Psychologischen Psychotherapeuten. Viele Therapieinstitute bilden heute überwiegend Psychologinnen aus. Warum entscheiden sich so wenige Männer für den Psychotherapeutenberuf? Und was bedeutet es für die Therapielandschaft, wenn die Männer fehlen?

Paul Weston ist ein idealer Psychotherapeut. Empathisch, authentisch und professionell, verkörpert der Fünfzigjährige den Typus des modernen und beziehungsorientierten Therapeuten. Er lässt sich verstricken in die schwierigen Geschichten seiner Patienten und bewahrt zugleich das nötige Maß an Distanz, er hört intensiv zu und bleibt dabei konzentriert beim Patienten. Höchst spannend ist die amerikanische Serie In Treatment, weil sie einen fiktiven Psychotherapeuten (dargestellt von Gabriel Byrne) genau bei der Arbeit beobachtet. Sogar Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), urteilte: „Ziemlich authentisch.“ Doch eigentlich ist Paul Weston eine seltene Gattung, genau wie seine fiktiven TV-Kollegen Dr. Frasier Crane (Kelsey Grammer), Ben Sobel (Billy Crystal) oder Dr. Maximilian Bloch (Dieter Pfaff). Während in der medialen Darstellung nämlich die männlichen Psychotherapeuten überwiegen, stellen sie in der Realität eine Minderheit dar: Der Psychotherapeutenberuf ist vor allem ein Frauenberuf. Und die Zahl der Männer, die Psychologische Psychotherapeuten werden wollen, sinkt beständig.

Zwar sind in Deutschland derzeit 30,7 Prozent der Mitglieder der Landespsychotherapeutenkammern männlich, immerhin also ein knappes Drittel. Dabei handelt es sich allerdings vorwiegend um ältere Psychotherapeuten: Aufgeschlüsselt nach Altersgruppen, stellen die Männer in den Jahren kurz vor der Rente 40,9 Prozent der Psychologischen Psychotherapeuten. Bei jüngeren Männern hingegen sieht das anders aus: Nur zehn Prozent aller Psychologischen Psychotherapeuten unter 35 sind männlich, bei den 45-Jährigen lediglich 23 Prozent. Wer einen jüngeren Psychotherapeuten sucht, landet mit großer Wahrscheinlichkeit also bei einer Frau.

In den kommenden Jahren wird sich die Geschlechterdifferenz vermutlich noch verschärfen. Denn die Zahl der männlichen Psychotherapeuten sinkt, es gibt immer weniger „Neuzugänge“. Während 2007 noch 35,2 Prozent der Mitglieder der Psychotherapeutenkammern männlich waren, sind es heute schon fünf Prozent weniger. Vor allem die Ausbildungsinstitute, die Psychologen oder Mediziner zu Psychotherapeuten weiterbilden, bekommen den Männermangel zu spüren. „In vielen Instituten gibt es mittlerweile reine Frauengruppen“, sagt Wolfram Dorrmann, ein Psychologischer Psychotherapeut, der das Institut für Verhaltenstherapie, Verhaltensmedizin und Sexuologie in Nürnberg / Fürth leitet. „Wir müssen um die Männer schon kämpfen.“ Auch Rainer Richter von der BPtK kann den Trend bestätigen: „Das stimmt, es gibt immer weniger männliche Psychologische Psychotherapeuten. An den Ausbildungsinstituten hat sich die Zahl inzwischen bei zwanzig Prozent eingependelt. Aber das ist kein Spezifikum der Psychotherapeuten, sondern der helfenden und versorgenden Berufe allgemein. Wir haben dieselbe Entwicklung bei den Ärzten.“

Tatsächlich findet in den Gesundheitsberufen derzeit eine Feminisierung statt. Im Medizinstudium sind heute siebzig Prozent aller Studienanfänger junge Frauen, ähnlich im traditionell weiblich besetzten Psychologiestudium, wo jüngst 75,4 Prozent der Erstsemesterstudierenden weiblich waren. Ein Grund ist die starke Beliebtheit beider Studiengänge, die zu hohen Numeri clausi führt: Da Schülerinnen im Schnitt bessere Abiturnoten als ihre männlichen Altersgenossen aufweisen, kommen sie schneller an einen der begehrten Studienplätze. Aber auch Geschlechterbilder spielen bei der Berufswahl eine Rolle. „Viele junge Frauen wollen Ärztinnen oder Psychologinnen werden, weil der Beruf eher dem klassischen weiblichen Stereotyp, zu versorgen und zu helfen, entspricht“, glaubt BPtK-Präsident Rainer Richter. „Was aber nicht heißt, dass Männer nicht mütterlich sein können und keine mütterlichen Anteile haben.“ Er vermutet, dass Männer lieber in Berufe gehen, in denen sie Karriere machen und viel Geld verdienen können. Sogar in weiblich dominierten Berufsfeldern wie Medizin oder Psychologie gebe es umso mehr Männer, je höher man die Karriereleiter hinaufschaue. „Da, wo die Männer mehr Geld verdienen können, etwa bei den Professuren oder Habilitationen, geben sie das Terrain nicht auf“, beobachtet Richter. „Andererseits haben Frauen in versorgenden Berufen häufig auch einen anderen Lebensentwurf. Viele von ihnen wollen mit Konkurrenz möglichst wenig zu tun haben.“

Der männliche Ehrgeiz zeigt sich auch in den Fachpublikationen. Die Psychotherapeutin Eva Jaeggi untersuchte für einen Vortrag beim Berliner Landespsychotherapeutentag 2013 insgesamt 283 willkürlich ausgewählte Veröffentlichungen in der Fachzeitschrift Psyche aus den Jahren 2000 bis 2012 und fand, dass 67,5 Prozent von Männern geschrieben waren. „Das dreht also das Verhältnis Männer zu Frauen fast um“, wunderte sich die Psychotherapeutin. „Obwohl so viel mehr Frauen als Männer als Psychotherapeuten arbeiten.“

Tatsächlich ist der Beruf des Psychotherapeuten kein Karriereberuf. Vollzeitstellen sind knapp, die Weiterbildungsjahre teuer und entbehrungsreich, die Aussichten auf einen Kassensitz nach der Weiterbildung schlecht. Mike Mösko, Psychologischer Psychotherapeut und Hamburger Landessprecher der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie e.V., war in Studium und Weiterbildung stets einer von wenigen Männern – und würde es sich heute dreimal überlegen, Psychologie zu studieren. „Wenn man Lust hat, Verantwortung zu übernehmen, ist der Beruf nicht attraktiv“, erklärt der 42-Jährige. „Dann sollte man Medizin studieren. In der Krankenhaushierarchie sind Psychotherapeuten immer den Ärzten unterstellt und verdienen bei gleichwertiger Ausbildung deutlich weniger.“ Viel verheerender findet Mösko aber die Tatsache, dass der Beruf nicht die Existenz sichert. Allein die fünf- bis siebenjährige berufsbegleitende Weiterbildung zum Psychotherapeuten ist immens teuer: Die Ausbildungskosten für Theorieseminare, Selbsterfahrung und Supervision liegen zwischen 20 00 und 30 00 Euro. Zusätzlich müssen angehende Psychotherapeuten bis zu 18 Monate in Kliniken arbeiten und bekommen dafür oft keinen Cent. „Richtig leisten können sich diese Ausbildung nur Kandidaten, die von den Eltern oder Partnern finanziell mitgetragen werden“, sagt Mösko. „Und das sind häufiger Frauen, deren Mann Hauptverdiener ist und die ihre Ausbildung mit der Kinderbetreuung kombinieren. Bei solch einer existenziell unsicheren Situation ist es für Männer schwieriger mit der Familienplanung.“

Auf viele Männer mag die Ausbildung deshalb abschreckend wirken. Doch auch die starke Kontrolle in der Ausbildung – viele Supervisionen durch erfahrene Psychotherapeuten, viel Selbsterfahrung, viele anspruchsvolle Prüfungen – setzt den Kandidaten zu. „Man muss als Erwachsener, der in der Regel schon berufliche Erfahrung mitbringt, einiges an Unterwerfung aushalten“, sagt Andreas Jungmüller, Ausbildungskandidat an einem Institut in München, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte. „Das ist für alle schwierig, auch für die Frauen. Doch mit dem männlichen Selbstbild ist die erlebte Demütigung vielleicht besonders schwer vereinbar.“ Auch nach der abgeschlossenen Ausbildung sind die beruflichen Aussichten nicht rosig. Trotz der erfolgreichen Approbation können Psychotherapeuten häufig keine eigene Praxis eröffnen. Zwar besteht eine hohe Nachfrage nach Psychotherapieplätzen, doch die Anzahl der Kassensitze ist knapp. Seitdem die Altersbegrenzung letztes Jahr aufgehoben wurde, müssen ältere Psychotherapeuten ihre Kassensitze im Rentenalter nicht mehr aufgeben. In vielen Städten warten approbierte Psychotherapeuten deshalb bis zu zehn Jahre auf einen eigenen Kassensitz. „Das ist verheerend nach der langen Ausbildung“, weiß Mösko aus eigener Erfahrung. „Wir sind als Generation geparkt. Das machen viele Männer nicht mit.“

BPtK-Präsident Richter leitet das Institut für Psychotherapie der Universität Hamburg und findet, dass das Argument der teuren Ausbildung bisweilen überstrapaziert wird. „Klar ist die Ausbildung teuer und anstrengend“, sagt er. „Aber man bekommt ja auch sehr viel. Wo sonst hat man die Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen, in dem man sich so intensiv mit sich selbst auseinandersetzt?“

Steuern wir also auf eine Zukunft zu, in der überwiegend gutsituierte Frauen psychotherapeutisch tätig sind? Und falls ja: Ist es für die Patientenversorgung überhaupt wichtig, ob genug Männer zur Verfügung stehen? Viele Studien haben gezeigt, dass der Erfolg einer Psychotherapie nicht vom Geschlecht des Psychotherapeuten abhängt, sondern vielmehr von seiner Qualität sowie der individuellen Passung zwischen Psychotherapeut und Patient. Gute Psychotherapeutinnen können in einer Therapie durchaus väterliche Anteile übernehmen, genau wie männliche Therapeuten im Therapiegeschehen vom Patienten auch als mütterlich erlebt werden können. „Wir müssen uns keine Sorgen machen“, findet Eva Jaeggi. „Zwar wählen sehr viel mehr Frauen als Männer den Beruf, aber weder therapieren sie anders, noch bieten sie andere Übertragungsaspekte an als Männer im Therapeutenberuf. Unsere Anstrengungen müssen also darauf ausgerichtet sein, gute und hilfreiche Therapeutenpersönlichkeiten zu finden. Ob Männer oder Frauen, erscheint vom therapeutischen Prozess her betrachtet weniger wichtig.“

Doch was, wenn Patienten oder Patientinnen sich dezidiert einen männlichen Psychotherapeuten wünschen? Oder aufgrund ihrer Lebensgeschichte besonders von einem männlichen Psychotherapeuten profitieren könnten? Ein vaterloser junger Mann, der diese Leerstelle in einer Psychotherapie bearbeiten möchte, wäre aus naheliegenden Gründen besser aufgehoben bei einem männlichen Psychotherapeuten. Auch ein Patient mit sexuellen Funktionsstörungen, der lieber zu einem männlichen Psychotherapeuten gehen möchte, hätte bei einer Therapeutin womöglich Schwierigkeiten, sich einzulassen. BPtK-Präsident Rainer Richter würde beide Patienten deshalb vorzugsweise zu männlichen Kollegen schicken. „In der Tat gibt es bestimmte Konstellationen oder Psychodynamiken, wo man sagen würde, für diesen oder jenen Patienten wäre ein Mann besser“, erklärt der Psychoanalytiker. „Das Problem ist, dass es – wenn wir in den Bereich von weniger als 20 Prozent Männern in der Ausbildung zum Psychotherapeuten kommen – kaum noch diese Auswahlmöglichkeiten gibt.“

Doch was passiert, wenn sich die Lebenserfahrungen eines Großteils der Bevölkerung mit den Sozialisierungen der Psychotherapeuten nicht mehr decken? Die Psychotherapeutenausbildung sei mittlerweile stark frauenzentriert, berichtet Mike Mösko: „Wir hatten nicht ein Seminar, wo es um männerspezifische Themen ging oder kulturelle Unterschiede, beispielsweise zwischen Mann und Frau. Entsprechend haben es Männer manchmal schwerer, einen Behandler zu finden, der Verständnis für männerspezifische Themen und Problematiken hat.“ Auch Rainer Richter fehlt in Seminaren manchmal die „männliche Situation“. Mösko, der am Institut für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Hamburg die Arbeitsgruppe Psychosoziale Migrationsforschung leitet, betrachtet die Entwicklungen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt für Psychotherapeuten also mit Skepsis. „Wenn nur noch junge, gutsituierte Frauen auf den Markt strömen, bilden sie eine Gesellschaftsschicht ab, die vielleicht für zehn Prozent der Gesellschaft spricht“, findet er, „wie soll da die psychotherapeutische Versorgung in der Mitte der Gesellschaft verankert sein?“

Männliche Psychotherapeuten werden inzwischen überrannt von männlichen Patienten. Während der Anteil männlicher Psychotherapeuten schrumpft, steigt die Zahl von Männern, die sich behandeln lassen wollen: Seit dem Suizid von Robert Enke suchen gerade junge Männer bei psychischen Beschwerden bereitwilliger Psychotherapeuten auf – und gehen gern zu Männern. „Ich habe inzwischen siebzig bis achtzig Prozent Männer in Therapie und nur noch zwanzig Prozent Frauen“, sagt der Fürther Verhaltenstherapeut Wolfram Dorrmann. „Früher war das Verhältnis umgekehrt. Wir brauchen also eine größere Zahl männlicher Therapeuten.“ Deshalb präsentiert sich Dorrmann mit seinen psychotherapeutischen Kollegen vom IVS in Bamberg inzwischen bei Berufsfindungsmessen und richtete letztes Jahr sogar einen Boys’ Day zum Thema Psychotherapie aus, wo Schüler die Gelegenheit hatten, Studierende der Psychologie zu befragen und psychologische Tests und Biofeedback auszuprobieren. Anschließend konnten sie dann das Fußballstadion der Spielvereinigung Greuther Fürth besichtigten. „Wir werden dies weiterhin tun, um den Jungs diesen Beruf nahe­zubringen und erste Identifikationsmöglichkeiten zu schaffen“, sagt Dorrmann. „Denn mittlerweile findet die Selektion bei den psychologischen und medizinischen Studiengängen ja schon so früh statt, dass die Jungen sich in der Schule anstrengen müssen, um die Noten für den Numerus clausus zu schaffen. Wir möchten ihnen zeigen, dass Psychotherapeut ein spannender Beruf ist. Und wenn man erst mal eine Praxis hat, kann man gut davon leben und eine Familie ernähren. Letzteres spielt ja in den Köpfen der Jungen noch immer eine bedeutende Rolle.“

Dennoch unternimmt die Bundespsychotherapeutenkammer keine konkreten Bemühungen, um den Männermangel auszugleichen. Schließlich gibt es keine Nachwuchsprobleme, die Ausbildungsinstitute sind nach wie vor in der Lage, ihre Kandidaten auszuwählen. „Wir bemühen uns eher um die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Ausbildungsteilnehmer“, sagt Rainer Richter. „Wir fordern vehement eine angemessene Vergütung der Praktika, höhere Honorare in den Praxen und eine bessere Positionierung der Psychotherapeuten in der Klinik­hierarchie. Wenn das gelingt, dann kommen die Männer auch.“ Bis dahin haben die wenigen Männer, die sich auf eine Karriere als Psychotherapeut einlassen, zumindest einen Vorteil: Sie sind ein knappes Gut. Volle Praxen und lange Wartelisten sind ihnen garantiert.

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