Stalking – Opfer und Täter

In Deutschland werden jährlich 20.000 Stalking-Fälle angezeigt. Beratungsstellen bieten Hilfe für Opfer an. Manche arbeiten auch mit den Tätern.

Stalking – Täter und Opfer

In Deutschland werden pro Jahr 20 000 Fälle von Stalking angezeigt. Oft ist es der verlassene Lebensgefährte, der seiner ehemaligen Partnerin nachstellt oder sie gar bedroht. Beratungsstellen bieten Hilfe für die Opfer an. Es hat sich aber bewährt, auch mit den Tätern zu arbeiten

Wenn Christine Doering etwas nicht mehr ausstehen kann, dann sind es die Schlagzeilen, die sie in den Medien zu ihrer Geschichte liest. „Wenn aus Liebe Hass wird“, steht da zum Beispiel. Sie fühlt sich dann komplett missverstanden. „Das hat doch mit Liebe nichts zu tun, was mein Expartner mit mir getan hat.“ Er hatte ihr nachgestellt, permanent Grenzen überschritten, ­gnadenlos ihre Privatsphäre verletzt.

Zweieinhalb Jahre lang wurde Christine Doering von ihrem ehemaligen Lebensgefährten gestalkt. Der Fachbegriff Stalking geht auf das englische Verb to stalk zurück. Der aus der Jägersprache stammende Ausdruck beschreibt das „Heranpirschen“ an ein Wild. Stalking beschränkt sich aber leider nicht aufs Pirschen. Manche Stalker belagern ihr Opfer mit permanenten Telefonanrufen oder Handynachrichten, andere lungern vor der Wohnung herum. Das reicht bis hin zu massiven Drohungen und Einschüchterungen. Die Kriminalpolizei in Deutschland definiert Stalking als „das beabsichtigte und wiederholte Verfolgen und Belästigen eines Menschen, so dass dessen Sicherheit bedroht und er in seiner Lebensweise schwerwiegend beeinträchtigt wird“.

Die dunkle Seite lernte sie erst später kennen

Für Christine Doering hatte alles begonnen, wie Beziehungen meist beginnen – hoffnungsvoll. „Keiner stellt sich mit den Worten vor: He, ich bin ein Alkoholiker, Stalker und gewalttätig“, sagt sie. Nein, ihr neuer Partner zeigte sich von seiner besten Seite. Die dunkle Seite lernt Christine Doering erst kennen, als sie und der neue Partner zusammengezogen sind. Manchmal trinkt er zehn Bier am Abend, spielt ein Ego-Shooter-Spiel am Computer. Wenn er verliert, fliegt die Flasche durchs Zimmer. Wütend schlägt er ein Loch in die Wand. Er ist unbeherrscht, ungezügelt aggressiv. Anfangs hofft die junge Frau noch, dass er sich ändern wird, vielleicht wenn das Kind da ist. Doch drei Monate nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes hält sie es nicht mehr aus, beendet die Beziehung. Er aber lässt nicht los, kommt ständig vorbei – angeblich, um das Kind zu sehen. „Und dann kommt er immer häufiger, ruft immer öfter an, schreibt Hunderte E-Mails.“

Wo verläuft die Grenze zwischen lästigen, aber noch tolerierbaren Kontaktversuchen und Stalking? „Stalking tritt wiederholt und mindestens über mehrere Wochen hinweg auf“, erläutert der Psychologe Jens Hoffmann, der als einer der ersten Wissenschaftler in Deutschland zum Thema geforscht hat. „Das Opfer setzt klare Grenzen: Ruf mich nicht mehr an! Diese Grenzen werden vom Stalker aber nicht akzeptiert.“

Etwa zwölf Prozent aller Menschen werden laut Studien im Laufe ihres Lebens zumindest einmal gestalkt. Die Täter sind zum großen Teil männlich, die Opfer weiblich. In etwa der Hälfte der Fälle werden die Gestalkten vom Expartner heimgesucht. Die andere Hälfte: Der Chef wird von einem entlassenen Mitarbeiter gestalkt, die TV-Moderatorin von einem zudringlichen Zuschauer. Oder der Stalker sucht sich einen wildfremden Menschen als Opfer, über das er Macht und Kontrolle ausüben will.

Leben wie in einem Gefängnis

Gestalkt zu werden bedeutet „maximalen Kontrollverlust“, sagt Hoffmann. Eine repräsentative Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zeigt die psychische Last. 88 Prozent der weiblichen Opfer gaben an, gestresst zu sein, 61 Prozent klagten über Angstgefühle, 30 Prozent lebten in der Furcht, dass der Stalker gewalttätig werden könnte. In einer Studie der TU Darmstadt klagten zwei Drittel der Betroffenen über Schlafstörungen, knapp die Hälfte über Depressionen.

Die Gehetzten leben in der ständigen Sorge: Welche Grenze wird er als Nächstes überschreiten? Mich verletzen? Mich töten? Um sich den Nachstellungen zu entziehen, wählen viele den sozialen Rückzug, igeln sich ein. Kein Bummel mehr durch die Fußgängerzone, kein Kinobesuch, kein Verlassen der Wohnung – und falls doch, nur in Begleitung. „Man lebt wie in einem Gefängnis“, sagt Christine Doering.

Eines Nachts um halb zwei steht plötzlich ihr Ex vor der Tür. Er fängt an herumzuschreien. Falls sie nicht aufmache, werde er sie und das Kind töten. Er versucht die Tür einzutreten. „Wäre er in die Wohnung gekommen, würde ich heute nicht mehr hier sitzen“, ist sie sich sicher.

Manche Stalkingopfer sind stark traumatisiert

Aggressives Stalking kann zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen, fand der niederländische Forscher Jan H. Kamphuis heraus. Er befragte 201 Stalkingopfer und stellte fest, dass manche ähnlich traumatisiert waren wie die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes. Dass die Gejagten sich zu Recht bedroht fühlen, untermauert eine neue Studie der britischen Universität Gloucestershire: Die Wissenschaftler untersuchten 358 Mord- und Totschlagfälle. In 94 Prozent war der Bluttat Stalking vorausgegangen.

Erst seit 2007 gibt es den Anti-Stalking-Paragrafen 238 im deutschen Straf­gesetzbuch. Allein vor Gericht lässt sich das Problem allerdings kaum lösen. Etwa 20 000-mal pro Jahr wird Stalking angezeigt, doch nur in etwa einem Prozent der Fälle kommt es zu Verurteilungen. Ratsam ist, sich frühzeitig an eine Beratungsstelle zu wenden, um den Spuk zu beenden, bevor man körperlichen oder seelischen Schaden davonträgt.

Was treibt die Täter?

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 7/2018: Kann ich mich ändern?
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