„Es gibt im Westen einen Mangel an Sinnangeboten“

Welche Ursachen haben islamistische Terroranschläge wie jene in Paris? Und was hat die Islamfeindlichkeit von Pegida und Co mit der Werte­erosion in westlichen Gesellschaften zu tun? Der Islam­wissenschaftler und Schriftsteller Stefan Weidner meint: Viele projizieren eigenes Unbehagen auf den Islam und verdrängen, dass es ihnen an spirituellem Sinn mangelt

„Es gibt im Westen einen Mangel an Sinnangeboten“

Welche Ursachen haben islamistische Terroranschläge wie jene in Paris? Und was hat die Islamfeindlichkeit von Pegida und Co mit der Werte­erosion in westlichen Gesellschaften zu tun? Der Islam­wissenschaftler und Schriftsteller Stefan Weidner meint: Viele projizieren eigenes Unbehagen auf den Islam und verdrängen, dass es ihnen an spirituellem Sinn mangelt

Der jüdische US-Satiriker Bill Maher meinte nach dem Pariser Attentat: „Wenn der Islam so viele faule Äpfel hervorbringt, dann muss auch etwas mit den Apfelbäumen nicht in Ordnung sein.“ Was ist faul am Islam, ist er wirklich mehr als andere Religionen dem Terror zugeneigt?

Die politischen Krisen in der islamischen Welt sind derzeit größer als anderswo. Es gibt riesige Unterschiede bei der Verteilung des Reichtums. Der sehr arme Jemen grenzt an die superreichen Golfstaaten und Saudi-Arabien. Die Palästinenser leben rechtlos unter israelischer Herrschaft. Das Mittelmeer, das bis zur Erfindung moderner Verkehrsmittel eher ein verbindendes Element war – Seereisen waren einfacher und schneller als solche mit dem Pferd oder zu Fuß –, ist zu einem Burggraben geworden. Bedenken Sie, dass Algerien bis 1962 ein Teil des französischen Staates war, nicht nur eine Kolonie. Und heute können die Nordafrikaner nur noch unter größten Schwierigkeiten – und die meisten gar nicht – nach Europa einreisen. In den 1970er Jahren wurde derselbe Terror, den wir heute dem Islam zuschreiben, unter den Vorzeichen des Sozialismus verübt. Und wie heute sind auch die Terroristen damals in den Nahen Osten gereist, um sich ausbilden zu lassen. Denken wir an Carlos oder an die RAF-Terroristen in palästinensischen Camps – was sie damals verband, waren die kommunistische Ideologie und die Idee des politischen Kampfes. Heute wird derselbe Kampf islamisch begründet. Aber der Baum, der diese Äpfel abwirft, sind nach wie vor die politischen Probleme, die wirtschaftliche Ungleichheit und die Chancenungleichheit. Wenn wir diese nicht bekämpfen, werden wir immer Krieg und Terror haben, gleich unter welchen Vorzeichen.

Islamwissenschaftler meinen, man könne den Koran sowohl als friedliebend als auch als gewalttätig interpretieren. Kann also jeder aus dem Koran herauslesen, was er möchte? Gibt es Passagen, die Gewalt legitimieren?

Es gibt beides, ja. Die meisten Nichtmuslime wissen nicht, dass der Koran die...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2015: Vorwärts Leben
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