Ein großer Vorrat Klopapier

Ordentlich, sparsam, eigensinnig: Was ist dran am Mythos vom „analen Charakter“ der Deutschen?

Eine geordnete Menge an Klopapier
Sind die Klopapier-Hamsterkäufe ein Symptom der deutschen Analfixiertheit? © Science Photo Library / Getty Images

Die Historiker sprechen von Deutschland als einer zu spät gekommen Nation. Es dauerte lange, bis sich ein gemeinsames Selbstgefühl in Deutschland bildete; ein wichtiger Anlass war der Kampf gegen Napoleon. Die nationale Bewegung griff auf den Protestantismus zurück, zu dessen Substanz ja ebenfalls ein gutes Stück Eigensinn im Kampf gegen die römische Übermacht gehört. Charakteristisch für die Frühzeit des Ringens um eine deutsche Nation war nicht nur der Kampf gegen die Hochschätzung der französischen Kultur, sondern auch das Pochen auf die eigene „Reinheit“ und Sittlichkeit gegenüber fremder Dekadenz. Pflichterfüllung, Redlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Sauberkeit, Sparsamkeit und Selbstbehauptung bis zum Trotz wurden die preußischen Tugenden, die sich in den Freiheitskämpfen bewährten.

Werden sie auch helfen, die Coronakrise zu verarbeiten? Sie ist historisch beispiellos; noch nie ist die zivilisierte Welt so plötzlich und nachdrücklich unter die Macht der Spezialisten für Hygiene geraten. Die Empfehlungen der Virologen haben in den ersten Wochen der Pandemie fast alle anderen Stimmen übertönt. Kein Wunder, dass Toilettenpapier und Desinfektionsmittel zum Fetisch wurden, zum Schutzwall gegen eine ungreifbare Bedrohung. Die Pandemie fand in den Vorratskäufern bald ihre eigenen Sündenböcke. Die zeitgemäße Variante des analen Charakters scheint nicht so sehr der Bürger zu sein, der Toilettenpapier hamstert. Es sind die ganz besonders Ordentlichen. Die moralisch Entrüsteten, die sich pharisäisch über den Schiss anderer erheben.

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