Terrain ohne Landkarte

Fünf Bücher zeigen, wie transsexuelle Menschen vor, während und nach ihrer Transition beraten und therapeutisch begleitet werden können.

Wer sich mit dem Thema Transidentität beziehungsweise Transsexualismus beschäftigt, stößt auf einen markanten Widerspruch: Einerseits sind mit der Geschlechtsidentität spielende Persönlichkeiten wie Conchita Wurst in der Öffentlichkeit sehr präsent. Andererseits begegnen tasächlich transsexuelle Menschen immer noch massiver Ausgrenzung und sind Opfer auch von schwerer physischer Gewalt.

Die Betroffenen brauchen also nicht nur Entschiedenheit und Ausdauer, sondern auch Mut, um in dem Geschlecht leben zu können, mit dem sie sich identisch fühlen, das aber nicht dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen entspricht. Wie schwierig, leidvoll, hindernisreich und herausfordernd der Weg von dem Zuweisungs- zum Identitätsgeschlecht für jeden Betroffenen ist, vermitteln aus unterschiedlichen Perspektiven zahlreiche Neuerscheinungen zum Thema Transgender beziehungsweise Transidentität.

Am umfassendsten ist das Handbuch Psychotherapeutische Arbeit mit trans* Personen von Mari Günther, Kirsten Teren und Gisela Wolf. Es wendet sich primär an Therapeuten und Psychiater. Was die Autorinnen – alle drei auch aus eigener Erfahrung als transgeschlechtliche Personen – zum Thema Transgender zusammentragen, geht aber weit über ein Fachbuch hinaus, ist auch für sogenannte Cismenschen – bei denen das Zuweisungs- und das Identitätsgeschlecht übereinstimmen – informativ und höchst nachdenkenswert.

Ein langer Weg

Die Entwicklungsprozesse von Geschlechtsidentitäten, juristisch relevante Fragen, spezifische therapeutische Themen und Prozesse sowie die Rolle von Familie und der Transgender-Community sind ebenso Thema wie die verschiedenen Coming-outs: Drei bis fast sieben Jahre liegen meist zwischen dem initialen inneren Gewahrwerden und dem ersten öffentlichen Coming-out, das sich seinerseits oft über Jahre hinzieht.

Die Autorinnen kämpfen für eine respektvoll und kompetent gestaltete Gesundheitsfürsorge und wenden sich gegen jede Form von Diskriminierung, Entmündigung und Pathologisierung durch Institutionen, Vorschriften, Gesetze und Abläufe im Gesundheitswesen. Einfühlsam und kenntnisreich vermittelt ihr Buch den mühevollen und verunsichernden Prozess der Transition.

Verunsichernd ist dieser Prozess für jeden auf eigene Weise, weil jeder Schritt der Transformation ein Schritt ins absolut Unbekannte, in ein Terrain ohne jede Landkarte ist. Beeindruckend ist die Wissensfülle, Detailliertheit und Präzision, die einen bei der Lektüre nicht nur intellektuell, sondern auch emotional teilnehmen lässt.

Erleichterung durch Zuspruch und Information

Man möchte dieses Buch allen in die Hand geben, die sich für das Thema Transgender und das Erleben von transsexuellen Personen in einer ciszentrierten Gesellschaft interessieren. Eine kleine Hürde ist allerdings die Vielzahl der Fachtermini. Hier wäre ein Glossar sinnvoll, um das Buch auch sprachlich einer möglichst breiten Leserschaft zugänglich zu machen. Auf das Erleben von transgeschlechtlichen Kindern und Jugendlichen geht das Autorinnentrio nur am Rande ein und verweist auf einschlägige Literatur.

Diesem Thema widmet sich eine Monografie aus dem amerikanischen Raum. Die Autorinnen von Mein Kind ist transgender – und jetzt? wollen Eltern von geschlechtsvarianten Kindern Mut zusprechen und Wege aufzeigen, „wie Ihr Kind glücklich aufwächst und seinen eigenen Weg findet“. Das ist natürlich ein großes Ziel. Aber Michele Angello, klinische Sexologin mit Schwerpunkt Transgender, und Alisa Bowman, die als Beraterin für transidente Kinder arbeitet und selbst Mutter eines transsexuellen Jungen ist, haben den nachdrücklichen Impuls, das Schicksal von transidenten Kindern und deren oft verunsicherten und überforderten Eltern durch Information und Zuspruch zu erleichtern.

Sie räumen auf mit Vorurteilen, präsentieren Studien zur Herausbildung von Geschlechtsidentität im Gehirn und erläutern hormonelle und operative Eingriffe sowie moralische und gesellschaftliche Hürden, mit denen trans­idente Kinder und deren Familien konfrontiert werden. Die leichte Euphorie, die den Gestus des Buches prägt, mag nüchtern orientierte Leser skeptisch machen. Doch wer sich von Sätzen wie „Ja, es gibt Hass auf dieser Welt, aber auch viel Liebe“ nicht abschrecken lässt, wird vielfältige sachliche und emotionale Unterstützung finden.

Zwar beziehen sich viele der Beispiele und statistischen Angaben auf amerikanische Verhältnisse, aber die Angaben im Serviceteil berücksichtigen auch den deutschsprachigen Raum. Und die autobiografischen Erzählungen von fünf Erwachsenen, die das Buch abrunden, sind ein berührendes, nachklingendes Zeugnis des schwierigen Wegs zu sich selbst, den viele transsexuelle Menschen meistern müssen.

Eine selbstverantwortliche Haltung

Ganz auf das eigene Erleben konzentriert sind dagegen die Erfahrungsberichte Transfrau? Ja, genau! von Ulrika Schöllner und Sebastian Wolfrums Endlich ich. Ulrika Schöllner beschreibt ihren Weg von der Rolle als zweifacher Familienvater zur Transfrau. Ihr entspannter Stil erzeugt Erlebnisnähe, auch wenn mancher Satz schlingert und so manche Stellungnahme verblüfft.

Anschaulich schildert sie die einzelnen Stadien der Transition, die Achterbahn der Gefühle, die anstrengende Dynamik von Erfolgen und Rückschlägen, die Ärgernisse und Absurditäten – und minutiös die operativen Schritte vom Mann zur Frau. Dabei betont sie immer wieder, wie wichtig eine grundsätzlich selbst­verantwortliche Haltung für diesen Prozess ist und, ganz wichtig, eine selbstbewusste Autonomie gegenüber Behörden, Ärzten, Gesetzen und „guten Ratschlägen“.

Für Betroffene dürfte dieser Text in seiner Unmittelbarkeit ermutigend und informativ sein. Dagegen wirkt der Bericht Sebastian Wolfrums, dessen Coming-out als transsexueller Pfarrer seit 2017 einige mediale Beachtung fand, eher abgehoben, fern. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass er ihn nicht selbst geschrieben, sondern hat aufzeichnen lassen. Interessant ist das Buch allerdings durch seinen speziellen Kontext und die Frage nach der „Gottgewolltheit“ der Transition.

Ein konzentrierter Überblick

Wer weniger an einzelnen Erfahrungen als einem konzentrierten Überblick zum Thema Transsexualität interessiert ist, dem sei Udo Rauchfleischs Transsexualismus – Genderdysphorie – Geschlechts­inkongruenz – Transidentität empfohlen. Hier bekommen die Leser auf 70 Seiten einen kundigen, pointierten Einblick in die komplexe Situation von transsexuellen Menschen – wie sie war, ist und sein sollte.

Denn auch Rauchfleisch plädiert nachdrücklich für den „schwierigen Weg der Entpathologisierung“, wie es im Untertitel heißt. Als griffige Einführung in die Thematik und zugleich Sensibilisierung für die immer noch schwierige Situationen von transsexuellen Personen in unserer cisgeprägten Gesellschaft ist das Buch unbedingt empfehlenswert.

Mari Günther, Kirsten Teren, Gisela Wolf: Psychotherapeutische Arbeit mit trans* Personen. Handbuch für die Gesundheitsversorgung. Reinhardt, München 2019, 355 S., € 39,90

Michele Angello, Alisa Bowman: Mein Kind ist transgender – und jetzt? Wie Ihr Kind glücklich aufwächst und seinen eigenen Weg findet. Aus dem Englischen von Daniela Kosic. Trias, Stuttgart 2019, 301 S., € 24,99

Ulrika Schöllner: Transfrau? Ja, genau! Auf dem Weg zu meiner Identität. Reinhardt, München 2019, 197 S., € 24,90

Sebastian Wolfrum: Endlich ich. Ein transsexueller Pfarrer auf dem Weg zu sich selbst. Claudius, München 2019, 160 S., € 18,–

Udo Rauchfleisch: Transsexualismus – Genderdysphorie – Geschlechtsinkongruenz –Transidentität. Der schwierige Weg der Entpathologisierung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, 74 S., € 12,–

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 5/2020: Männer und ihre Mütter
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