Nachgeforscht: Warum weigern sich Menschen, anderen gegenüber offen zu sein, Herr Brauner?

Der Psychologe Felix Brauner erforscht, warum Verschwörungstheoretiker nicht die Perspektive anderer einnehmen wollen.

Herr Brauner, Sie haben in einer Pilotstudie untersucht, ob fremdenfeind­liche Vorurteile mit einem geringen Interesse an Mentalisierung zusammenhängen. Was war das Ergebnis?

Ein schwaches Mentalisierungsinteresse trägt offenbar zu einer verstärkten Fremdenfeindlichkeit bei, unabhängig vom Bildungsniveau und über andere Einflussfaktoren wie Deprivation, Nationalismus oder soziodemografische Unterschiede hinaus.

Sie schreiben, dass auch Verschwörungsmentalität mit geringer ausgeprägter Mentalisierung einhergeht. Was heißt das genau?

Unter Mentalisieren wird allgemein die Fähigkeit verstanden, das eigene und das Verhalten anderer auf der Grundlage von Gefühlen oder Intentionen zu reflektieren. Hierfür ist entscheidend, sich emotional offen auf die Perspektiven von anderen einlassen zu können, ohne sich dabei vorschnell von eigenen Vorannahmen leiten zu lassen. Bei einer ausgeprägten Verschwörungsmentalität wird eine mentalisierende Grundhaltung oft verweigert. Stattdessen wird permanent nach einer Bestätigung der eigenen Weltsicht gesucht, widersprüchliche Perspektiven werden ausgeklammert. In der jüngsten repräsentativen Autoritarismusstudie der Uni Leipzig zeigte sich beispielsweise, dass bei starker Ausprägung von antidemokratischen Vorurteilen – dem sogenannten „autoritären Syndrom“ – eine ausgeprägte Verschwörungsmentalität und mentale Verschlossenheit vorherrschen.

Was sind die Folgen?

Dies lässt sich am Beispiel eines bestimmten Reflexionsmodus, des sogenannten Äquivalenzmodus zeigen. Damit ist gemeint, dass kognitiv eigene Überzeugungen mit äußeren Fakten gleichgesetzt werden und sozioemotional ein argwöhnisches Grundgefühl vorherrscht. Dann kommt schnell Miss­trauen auf, wenn andere versuchen, Informationen zu vermitteln, die der eigenen Weltsicht widersprechen. Eigene Überzeugungen werden konkretistisch-rigide verteidigt und widersprechende Positionen durch ein manichäisches Schwarz-Weiß-Denken abgewer­tet. Aus Forschungsergebnissen wissen wir jedoch, dass eine mentalisierungsfördernde soziale Umgebung langfristig zur Vorurteils- und Gewaltreduktion beitragen kann.

Verschwörungsdenker – etwa auf Coronademonstrationen – treten selbstsicher auf, es gibt aber Hinweise, dass sie ein unsicheres und vermeidendes Bindungsverhalten zeigen. Wie passt das zusammen?

Jüngst wurde in verschiedenen sozialpsychologischen Studien gezeigt, dass sich eine unsicher-vermeidende Bindung besonders dann auf gruppenbezogene Vorurteile und Verschwörungsdenken auswirkt, wenn sich die Person zugleich bedroht fühlt. Dies schränkt die Fähigkeit zur Mentalisierung ein. Hierbei können beispielsweise Entfrem­dungs- und Desintegrationsgefühle ver­stärkend wirken, indem sie Scham oder Angst auslösen.

Manche Menschen machen neuerdings die Erfahrung, dass Angehörige oder Freunde in Verschwörungsmythen abdriften. Was würden Sie empfehlen: Dranbleiben oder klar Grenzen ziehen?

Laut der aktuellen Bielefelder Mitte-Studie zeigen etwa 30 bis 40 Prozent aller Deutschen eine Offenheit für Verschwörungserzählungen. Wir müssen uns mit solchen Haltungen also auseinandersetzen, zumindest solange die Be­reitschaft besteht, die eigene Perspektive infrage stellen zu lassen. Wenn jedoch die Verschwörungsmentalität dazu führt, dass rassistische, antisemitische oder frauenfeindliche Positionen geäußert werden, dann sollte man eine klare Gren­ze ziehen und das Gespräch beenden.

Felix Brauner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Psychologischen Hochschule Berlin und Psychotherapeut in Ausbildung. Er promoviert über Mentalisieren im Zusammenhang mit autoritär-antidemokratischen Vorurteilen

Felix Brauner: „Vertraut mir, ihr solltet niemandem vertrauen“. Einschränkungen des Mentalisierens und Epistemischen Vertrauens in der Verschwörungsmentalität. Psychosozial 43/159, 2020. DOI: 10.30820/0171-3434-2020-1-27

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