Gesellschaft

Hoher Druck im Leistungssport

Viele Leistungssportler im Fußball und anderen Sportarten haben wegen des dauerhaften Drucks psychische Probleme. Sie sollten sich Hilfe holen.

Wie Nationalspieler Timo Werner sind Leistungssportler fast ununterbrochen der Beobachtung ausgesetzt. ©imago-sportfoto

„Auf Fußballern lastet ein ­immenser Druck“

Profisportler leiden genauso häufig an ­psychischen ­Erkrankungen ­wie der Rest der Bevölkerung. Doch besonders in der Welt des ­Fußballs sind ­Depressionen oder ­Angststörungen ­immer noch ein ­Tabu. Ein Gespräch mit dem ­Sportpsychiater Karl-Jürgen Bär

Herr Professor Bär, Sie bieten eine Sprechstunde für Profisportler mit psychischen Störungen an. Warum brauchen Fußballer, Skispringer oder Turner ein solches Angebot – gibt es nicht in den Vereinen und Teams psychologische Hilfe?

Es ist richtig, dass den Spielern der Fußballnationalmannschaft und zum Teil auch anderen Leistungssportlern heute ein Sportpsychologe zur Seite gestellt ist, was ich auch sehr gut finde. Doch deren Aufgabe ist vornehmlich, die Leistungsfähigkeit der Athleten zu steigern, ihnen mentale Strategien zu vermitteln, mit denen sie im Wettkampf besser bestehen können. Um die Förderung der seelischen Gesundheit von Sportlern geht es da nur am Rande. Wir als Sportpsychiater setzen genau da an: Uns interessiert, wie Leistungssportler ihre psychische Gesundheit erhalten können. Und auf welche Art sie wieder gesund werden, wenn sie Depressionen, Ängste oder Essstörungen entwickeln.

Die Sportpsychiatrie steckt noch in den Kinderschuhen. Wieso braucht man diese Spezialisierung?

In den USA gibt es diese psychiatrische Fachrichtung schon lange. Hierzulande machen Psychiater sich seit etwa fünf bis zehn Jahren für dieses Thema stark. Anlass war der Suizid des Torwarts Robert Enke, der beim Erstligaverein Hannover 96 spielte und auch an einer Depression litt. Durch seinen Tod kam das Thema psychische Erkrankungen von Fußballern erstmals einer breiten Öffentlichkeit zu Bewusstsein – und auch in Fachkreisen kamen Diskussionen in Gang, wie man Leistungssportlern mit seelischen Störungen gezielt helfen könnte.

Was sind denn die speziellen psychischen Schwierigkeiten, mit denen Leistungssportler zu tun haben?

So sehr unterscheiden sich Sportler in ihren seelischen Leiden zunächst gar nicht von der Normalbevölkerung. Doch eine entscheidende Schwierigkeit, die etwa Fußballprofis begleitet, ist die Sichtweise auf psychische Erkrankungen in ihrem Umfeld. Von Leistungssportlern dachte man lange, dass sie körperlich und mental so stark sind, dass sie unmöglich an psychischen Erkrankungen leiden können. Wie man jetzt sieht, war das ein fataler Fehlschluss, der sowohl die psychotherapeutische Versorgung von Sportlern als auch die Forschung jahrelang behindert hat. Wir dürfen Spieler nicht weiter so unreflektiert heroisieren.

Wer hat denn ein Interesse daran, Sportler als ungebrochene Helden anzusehen – und ihnen keine Schwächen zuzugestehen?

Die Erwartung ist omnipräsent. Zum einen ist es natürlich das System Leistungssport, das Stärke als Sieg definiert und ja auch nur die Stärksten belohnt. Zum anderen ist auch das Publikum beteiligt, das etwa bei einer Fußballweltmeisterschaft erfolgreiche und durchsetzungsfähige Spieler sehen will, die kämpfen können – aber keinen Sportler mit Schwächen, Depressionen oder Ängsten. Diese Ansprüche haben natürlich auch die Spieler verinnerlicht – viele fürchten, als Schwächlinge dazustehen, wenn sie sich aufgrund von psychischen Schwierigkeiten Hilfe holen.

Wenn also ein Profifußballer an einer Depression erkrankt, traut er sich nicht, das zuzugeben ...

Dass viele Menschen über eine bestehende Depression nicht offen sprechen, zieht sich generell durch die Bevölkerung. Doch im Profifußball ist die Angst vor Stigmatisierung ungleich höher. Häufig ist es eine Mischung aus Sorge und Unwissenheit, die Sportler zurückhält: Viele sind so auf ihren Körper und seine Leistungen fokussiert, dass sie nicht einmal wissen, dass Depression behandelbar ist. Hat ein Sportler einen Knochenbruch, wird darüber in den Medien ausführlich berichtet, keiner bezweifelt, dass medizinische Hilfe wirksam ist. Ich würde es gut finden, wenn Spieler auch über seelische Leiden offener kommunizieren könnten.

Der Exnationalspieler Per Mertesacker hat neulich in einem Interview berichtet, wie groß die Anspannung war, unter der er während seiner Profikarriere stand. Er litt an Durchfall, Brechreiz, Schlafstörungen. Wie bewerten Sie seinen Bericht?

Ich bin vorsichtig damit, die Diskussion um psychische Erkrankungen im Profisport an einer Handvoll Einzelfälle zu führen. Das weckt den falschen Eindruck, es gäbe nur diese wenigen Schicksale. Doch die Offenheit von Per Mertesacker empfinde ich als einen Schritt in die richtige Richtung. Seine Schilderung ermöglicht Außenstehenden einen konkreten Einblick, wie belastend Profisport sein kann – und ­welche psychosomatischen Beschwerden entstehen können. Auch die öffentlichen Reaktionen auf seine Schilderung sind ja bezeichnend: Es gibt anerkennende Stimmen, die seinen Mut loben. Und es gibt abwertende Kommentare, die sich darüber mokieren, dass jemand, der „zu schwach für diesen Sport ist“, doch bitte aufhören sollte. Beide Sichtweisen existieren in der Sportwelt.

Immer wieder geht es bei Fußballern speziell um Depressionen. Sind diese bei Spielern besonders verbreitet?

Der Eindruck, dass depressive Symptome im Fußball so präsent sind, entsteht wohl eher, weil die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, generell hoch ist: 17 Prozent der Bevölkerung erkranken irgendwann während ihres Lebens, das ist jeder Sechste. Wenn man diese Statistik schlicht auf die Welt des Fußballs überträgt, muss die Dunkelziffer unter Spielern hoch sein.

Hat der Druck im Profifußball in den letzten Jahren zugenommen?

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