Das lange Warten

​Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, über Ursachen und Folgen der langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz ​

Das Foto zeigt einen Mann im Gespräch mit einem Psychotherapeuten.
​Die lange Wartezeit auf eine Therapie birgt die Gefahr, dass das Leiden sich verschlimmert © Plainpicture

Ja, das stimmt. In der Vergangenheit war die Kostenerstattung eine Option für Patienten, die keinen Platz bei einem Kollegen mit Kassensitz gefunden hatten. Wenn bei diesen Patienten aber eine dringende Behandlungsbedürftigkeit festgestellt wurde – durch Hausärzte, Psychiater oder Psychotherapeuten –, dann haben die Krankenkassen eine Kostenerstattung bei Therapeuten in Privatpraxen bewilligt, wenn diese gleich qualifiziert waren wie die Kollegen mit Kassensitz.

Das hat sich seit einem Jahr deutlich verändert. Die Kassen lehnen Anträge auf Kosten­erstattung jetzt in rund 50 Prozent der Fälle ab, vor einem Jahr waren es noch etwa 20 Prozent. Das ist eine drastische Veränderung. Die Kassen gehen dabei teilweise mit Argumenten vor, die rechtlich nicht haltbar sind. Sie sagen dem Patienten zum Beispiel, dass durch die Reform Kostenerstattungen nicht mehr erlaubt seien. Das stimmt so nicht.

Was kann ein Patient praktisch tun, wenn seine Krankenkasse die Kostenerstattung ablehnt?

Er kann gegen den Ablehnungsbescheid Widerspruch bei der Krankenkasse einlegen. Kommt man hier nicht weiter, gibt es noch den Weg zum Sozialgericht. Hier kann der Patient einklagen, dass die Kosten­erstattung erforderlich war. So eine Klage ist jedoch sehr beschwerlich. Deswegen gehen die wenigsten den Weg zum Sozialgericht. Es kann außerdem hilfreich sein, die Aufsichtsbehörde der Kasse über die Ablehnung zu informieren: Bei bundesweit aktiven Krankenkassen wäre dies das Bundesversicherungsamt, bei regionalen Krankenkassen das zuständige Sozialministerium im Land.

Was muss in der ambulanten Versorgung weiterhin geschehen, damit die Situation für die Patienten merklich verbessert wird?

Unsere Forderung ist, dass die Versorgung in ländlichen Gebieten so gut werden muss wie in den Großstädten. Dafür müssten rund 7000 Kollegen einen Kassensitz erhalten. Unser Ziel ist, dass die Wartezeit zwischen der Empfehlung einer Therapie und der ersten Sitzung bei einem Psychotherapeuten auf durchschnittlich vier Wochen gesenkt werden muss. Denn nur das ist eine vertretbare Wartezeit.

Bei der Diskussion um mehr Behandlungsplätze geht es immer um Geld. Was würden zusätzliche Therapeuten kosten, und auf wen würden diese Kosten verteilt werden?

Bezahlen müssten es die Krankenkassen, diese sind jedoch extrem zurückhaltend. Die Krankenkassen zahlen den Kassenärztlichen Vereinigungen ein Gesamtbudget für die Leistungen aller Ärzte und Psychotherapeuten. Die Honorare für Psychotherapeuten sind in diesem Gesamtbudget enthalten, weshalb zusätzliche Psychotherapeuten auf Kosten der Vergütungen für die anderen Ärzte gehen. Diese würden sehr wahrscheinlich protestieren.

Die Krankenkassen behaupten, die Unterversorgung werde von den Therapeuten selbst verursacht, die ihre Kassensitze nicht auslasten. Was halten Sie von diesem Vorwurf?

Nicht voll ausgelastete Sitze findet man insbesondere bei älteren Kollegen, die dabei sind, ihren Sitz abzugeben. Da gibt es das gelegentlich. Bisher haben die Kassen jedoch keine Zahlen vorgelegt, wie hoch die zusätzlichen Behandlungskapazitäten wären, wenn alle Therapeuten ihren Sitz voll auslasten würden. Das ist also ein vorgeschobenes Argument, um Druck auszuüben. Außerdem muss man hier ganz gewichtig festhalten, dass mittlerweile 40 Prozent aller Psychotherapeutensitze geteilt sind, sich also zwei Kollegen einen Sitz teilen. Die versorgen in der Regel deutlich mehr als ein Kollege mit einem vollen Sitz. In der Psychotherapie ist die Halbierung von Kassensitzen am häufigsten umgesetzt, im Vergleich zu anderen Facharztgruppen. Psychotherapeuten kommen also verhältnismäßig stark der Forderung nach, halbe Sitze abzugeben, wenn sie nicht mehr so viel arbeiten.

Es gibt außerdem den Vorwurf, dass Patienten mit leichten oder Befindlichkeitsstörungen die Praxen der Therapeuten blockieren.

Dieser Vorwurf ist schlichtweg nicht haltbar. Es gibt verschiedene Studien, die das Patientenklientel in psychotherapeutischen Praxen untersuchten. Hier zeigte sich, dass alle Schweregrade an Erkrankungen vertreten waren. Es gibt eine Ausnahme, die aber vom System so vorgegeben war: Bis 2014 war es nicht erlaubt, Psychosepatienten mit der Richtlinienpsychotherapie zu behandeln. Dies hat sich seitdem glücklicherweise verändert, da die Forschung zeigt, wie wirksam Psychotherapie bei Psychosepatienten ist. Auch für Suchtpatienten wurden diese strengen Vorgaben aufgehoben.

Man muss hier auch darauf hinweisen, wie wichtig es ist, psychische Erkrankungen im Frühstadium zu behandeln, um größere Kosten zu vermeiden.

Das ist richtig. Eine Behandlung muss alles daran setzen, eine Chronifizierung zu verhindern. Das ist wie bei körperlichen Erkrankungen, hier sagt man ja als Arzt auch nicht: „Der Patient hat noch kein höheres Fieber, jetzt warten wir mal ab!“ Es muss bei jedem Patienten fachgerecht diagnostiziert werden, welche Behandlung notwendig und sinnvoll ist. Ich denke, die Krankenkassen bringen ihr Argument der bevorzugten Behandlung von Befindlichkeitsstörungen oft gegen ein besseres Wissen vor.

Seit 2016 vermitteln Servicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen zeitnahe Facharzt­termine an Patienten. Seit 2017 gilt dies auch für Psychotherapie. Was können Terminservicestellen leisten?

Aktuell vermitteln die Stellen einen Termin in die Sprechstunde, und offenbar besteht ein hoher Bedarf. Über 40 Prozent der Anfragen bei den Terminservicestellen beziehen sich auf Psychotherapie. Viele Menschen wissen vielleicht nicht, dass die Stellen auch Akutbehandlungen vermitteln können. Eine Übersicht aller Terminservicestellen findet man zum Beispiel auf der Internetseite des Bundesgesundheitsministeriums.

Wie können Wartezeiten auf Psychotherapie überbrückt werden?

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2018: Manipulation durchschauen
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