Mitgefühl

Mit anderen zu empfinden stärkt das soziale Miteinander – und die eigene seelische Gesundheit.

Mitgefühl gehört zur Grundausstattung des Menschen, es lässt sich aber auch lernen und vertiefen © Plainpicture

Richard Davidson ist Professor für Psychologie und Psychiatrie und Leiter des Forschungslabors für affektive Neurowissenschaften an der University of Wisconsin in Madison. Er untersucht, welche Wirkungen genau das Praktizieren einer Mitgefühlsmeditation auf das Gehirn und auf das Verhalten des Menschen haben kann. Erst einmal testeten er und sein Team ganz klassisch, ob sich das Verhalten von Menschen durch Mitgefühlsmeditationen von dem anderer unterscheidet, die nicht meditieren. Die Probanden der einen Gruppe übten zwei Wochen lang täglich dreißig Minuten eine solche Meditation. Die der anderen Gruppe lernten, konstruktiver über schwierige Situationen in ihrem Leben nachzudenken. Am Ende des Experiments wurden die Teilnehmer gefragt, ob sie ihr Honorar behalten oder für einen guten Zweck spenden wollten. Die Probanden, die meditiert hatten, wollten das Geld deutlich häufiger spenden als diejenigen, die nur nachgedacht hatten.

Seither versucht Richard Davidson anhand von Gehirnscans herauszufinden: „Welche der Veränderungen, die wir im Gehirn messen können, stehen zu welchen Veränderungen im Verhalten in Beziehung?“ Diese Tests ergaben dreierlei: „Erstens, dass bestimmte neuronale Schaltkreise wichtig dafür sind, dass wir uns in eine andere Person hineinversetzen können. Zweitens, dass vermutlich Veränderungen in der Insula etwas damit zu tun haben, dass wir die Emotionen einer anderen Person fühlen können. Und drittens haben wir Veränderungen in den Bewegungsarealen des Gehirns beobachtet, was auf einen Impuls zu mitfühlendem Handeln schließen lassen könnte.“

Diese Forschung, betont Richard Davidson, steht allerdings noch ziemlich am Anfang. Deshalb gibt es auch noch keine abgeschlossenen Langzeitstudien, die zum Beispiel zeigen könnten, ob diese Effekte anhalten. Ob sie es tun, vermutet Davidson, wird vermutlich davon abhängen, ob die Versuchsteilnehmer weiterhin Mitgefühlsmeditationen und auch reales Mitgefühl praktizieren. Er hofft allerdings: „Wenn jemand feststellt, dass sich diese Praxis positiv auswirkt, und zwar nicht nur auf seine Umgebung, sondern auch auf ihn selbst, dann ist er vermutlich stark motiviert, dabeizubleiben.“

Nicht mit Mitleid oder Empathie verwechseln!

Mitgefühl, das betonen alle, die sich damit befassen, ist egalitär. Es ist, wie die buddhistische Lehrerin Pema Chödrön schreibt, „eine Beziehung zwischen Gleichen. Mitgefühl wird dann real, wenn wir uns unseres gemeinsamen Menschseins bewusstwerden.“ Somit ist Mitgefühl etwas anderes als Mitleid. Es funktioniert auf Augenhöhe. Wenn da zum Beispiel ein Bettler vor dem Supermarkt sitzt, verwahrlost aussieht und eine Flasche Bier neben sich stehen hat, kann man ihm aus Mitleid einen Euro geben, dabei tunlichst wegsehen und rasch weitergehen. Der Mann tut einem irgendwie leid, aber man möchte nichts mit ihm zu tun haben.

Auch Empathie ist etwas anderes als Mitgefühl. Empathie bedeutet, dass man sich mit der Situation und den Gefühlen eines anderen verbindet. Dass man fühlt, was der andere empfindet. Und es dann aber dabei belässt. Was unter Umständen unangenehme Folgen haben kann: Eine junge Internistin, die seit mehreren Jahren auf der Intensivstation arbeitet, fühlt sich vollkommen ausgebrannt. Sie hat mit Menschen zu tun, von denen sie weiß, dass sie vielleicht mit Beeinträchtigungen und Schmerzen weiterleben müssen oder gar sterben werden. Sie sieht täglich deren Leid, Angst, Verzweiflung, und als empathischer Mensch fühlt sie all das mit, obwohl sie professionell dagegen gewappnet sein sollte. Inzwischen fürchtet sie sich vor der Begegnung mit den Patienten und würde sie lieber meiden.

Nach einem Mitgefühlstraining bemerkt sie, dass sie anders auf ihre Patientinnen und Patienten reagiert. Sie nimmt deren Leid immer noch wahr, fühlt es auch noch – bleibt aber dabei nicht stehen. Sondern wünscht ihnen, sie mögen Heilung finden und (wenn das nicht möglich ist) ihre Situation annehmen und liebevoll und mitfühlend mit sich umgehen können. Die Patientinnen und Patienten, stellt sie fest, scheinen ihre neue Einstellung zu spüren. „Ich strahle offenbar etwas aus“, erzählt sie, „das sich überträgt.“

Sorge und Motivation, Leid zu lindern

Empathie ist der erste Schritt auf dem Weg zum Mitgefühl. Nur wenn man das Leid eines anderen wahrnehmen und sich in ihn einfühlen kann, ist man imstande – im nächsten Schritt – Mitgefühl für diesen Menschen zu empfinden und danach zu handeln. Die Neurowissenschaftlerin Tania Singer und die Psychologin Olga Klimecki untersuchten am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig die unterschiedlichen Wirkungen von Empathie und Mitgefühl. Ihre Ergebnisse bestätigen eine Erfahrung, die nicht nur die junge Internistin machte: Bleibt man bei der Empathie stehen, kann das zu emotionaler und auch physischer Erschöpfung führen.

Diese Wirkung bleibt selbst bei einem erfahrenen buddhistischen Mönch wie Ricard Matthieu nicht aus, der seit vielen Jahren täglich Mitgefühlsmeditationen praktiziert. Mit ihm führte Tania Singer mehrere MRT-gestützte Untersuchungen durch. In einer bat sie ihn, sich Bilder anzusehen, die das Leid rumänischer Waisenkinder dokumentierten. Dabei sollte er erst einmal im Zustand der reinen Empathie verharren und erst später zu einer mitfühlenden Haltung übergehen, in der er den Kindern eine Linderung ihrer Leiden wünscht und entsprechende Gebete für sie spricht.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2017: Beziehungsfähig!
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