Mitgefühl

Mit anderen zu empfinden stärkt das soziale Miteinander – und die eigene seelische Gesundheit.

Mitgefühl gehört zur Grundausstattung des Menschen, es lässt sich aber auch lernen und vertiefen © Plainpicture

Matthieu Ricard berichtete anschließend, dass das passive Verharren im empathischen Zustand ihn sehr erschöpft habe und er den Übergang zum aktiven Mitgefühl als geradezu erlösend erlebte. Die Daten des MRT bestätigten seine Aussage und belegten außerdem, dass Empathie und Mitgefühl sich in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns abspielen. In einer weiteren Studie untersuchten die beiden Forscherinnen nun gezielt den „empathiebedingten Burnout“, an dem vor allem Menschen in heilenden und helfenden Berufen erkranken. Und gelangten zu dem Schluss: „Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl: Wenn wir für eine Person, die traurig ist, Empathie empfinden, fühlen wir uns selbst traurig. Bringen wir ihr Mitgefühl entgegen, empfinden wir stattdessen teilnehmende Sorge für diese Person und zugleich die Motivation, ihr Leid zu lindern.“

Wohlwollen für sich und andere entwickeln

Thupten Jinpa weiß das sozusagen von Geburt an. Er ist Tibeter, und die Wertschätzung von Mitgefühl gehört ganz selbstverständlich zu seinem Leben. Als er ein kleiner Junge war, flohen seine Eltern mit ihm nach Indien. Er wuchs in einem Kloster auf, studierte buddhistische Psychologie, promovierte später in Cambridge in Religionswissenschaften, arbeitete viele Jahre als Hauptübersetzer des Dalai-Lama und wandte sich schließlich den Neurowissenschaften zu.

Zur Zeit lehrt er an der Universität Stanford. Er fungiert hier als eine Art Verbindungsmann zwischen Ost und West, Wissenschaft und Kontemplation. „Mitgefühl“, schreibt er in seinem gleichnamigen Buch, „gibt uns die Möglichkeit, auf das Leiden mit Verständnis, Geduld und Güte zu reagieren anstatt mit Angst und Abwehr. Es öffnet uns für die Wirklichkeit des Leidens und sucht Wege zu seiner Linderung. Mitgefühl lässt uns geduldiger und verständnisvoller mit uns selbst und anderen sein. Es bietet unserem Geist eine Alternative zum Zorn und anderen impulsiven Gemütsverfassungen. Und nicht zuletzt sind wir durch das Mitgefühl besser in der Lage, umgekehrt das Wohlwollen anderer Menschen anzunehmen.“

Mitgefühl trainieren

Metta, die „Liebende-Güte-Meditation“, ist eine wirksame Methode, um sich selbst und anderen gegenüber Wohlwollen zu entwickeln

In der Metta-Meditation wird eine freundlich-wohlwollende Haltung gegenüber allen fühlenden Wesen geübt. Dabei sendet man Sätze der liebenden Güte an einen anderen Menschen, der einem sehr wichtig ist oder mit dem man gerade Konflikte hat. Typische Formulierungen sind zum Beispiel:

„Mögest du frei sein von Leid und von den Ursachen des Leidens.Mögest du glücklich sein und dich der Ursachen des Glücks erfreuen.Mögest du Heilung finden.Mögest du zu Gleichmut und Frieden gelangen.Möge es dir wohlergehen und mögest du zum Wohlergehen anderer beitragen.“

Man kann (und sollte) diese Metta-Sätze auch an sich selbst adressieren. Nur wer sich selbst mitfühlend begegnet, ist in der Lage, für andere dieses Gefühl zu empfinden.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2017: Beziehungsfähig!
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