Mitgefühl

Mit anderen zu empfinden stärkt das soziale Miteinander – und die eigene seelische Gesundheit.

Mitgefühl gehört zur Grundausstattung des Menschen, es lässt sich aber auch lernen und vertiefen © Plainpicture

Tierisches Mitgefühl

Die Fähigkeit zu fürsorglichem Verhalten haben wir mit manchen Tieren gemeinsam. Darin sind sich die meisten Biologen und Primatenforscher inzwischen einig. Und sie belegen diese Erkenntnis mit beeindruckenden Beispielen

In seinem Forschungsgehege an der Emory University in Atlanta, erzählt der Primatenforscher Frans de Waal, stieß ein Vogel an eine Glaswand und fiel betäubt zu Boden. Eine Bonobofrau, also eine Zwergschimpansin, beobachtete den Unfall – und schritt zur Tat: „Sie ging zu dem Vogel hin, hob ihn hoch und trug ihn an den höchsten Punkt des Geheges, einen Baumgipfel. Dort entfaltete sie seine Flügel und schickte ihn wie ein kleines Flugzeug in die Luft. Diese Bonobo­frau hatte also auch eine Vorstellung davon, was einem Vogel guttun könnte. Mit einem Affen hätte sie das nicht gemacht.“

Die russische Biologin Nadia Kohts fungierte in den 1930er Jahren als Ersatzmutter für den Schimpansen Yoni, untersuchte dabei systematisch sein Verhalten und entdeckte: Er war zu Mitgefühl fähig. Es gelang ihr nie, schreibt sie in ihrem Bericht, ihn zu sich zu locken, wenn er anderweitig beschäftigt war. Es sei denn, sie wandte einen Trick an: „Wenn ich so tue, als würde ich weinen, beendet Yoni sofort sein Spiel und kommt ganz aufgeregt zu mir gelaufen. Hastig umrundet er mich, er schaut mir ins Gesicht, nimmt zärtlich mein Kinn in seine Hand, berührt mein Gesicht leicht mit dem Finger, als versuche er zu begreifen, was passiert ist.“

Komm, ich helfe Dir

Die Forscherinnen und Forscher, die das Verhalten von Primaten und anderen Säugetieren beobachten, stellen dabei immer wieder fest: Die Tiere zeigen nicht nur Mitgefühl, sie handeln dabei oft auch überlegt. In einem Zoo in Schweden zum Beispiel, berichtet Frans de Waal, wickelte sich ein junger Schimpanse beim Spielen ein Seil um den Hals und drohte zu ersticken: „Der Alphamann der Gruppe ging zu ihm hin und hob ihn vorsichtig hoch. Damit lockerte er den Druck des Seils und konnte es so über den Kopf des Kleinen ziehen.“ Das war, betont de Waal, eine sehr intelligente Reaktion: „Denn wenn er an dem Kind oder dem Seil gezogen hätte, wäre der Kleine erstickt.“

Umsichtiges Mitgefühl ist allerdings nicht auf Menschenaffen beschränkt. Es wird auch bei Delfinen und Elefanten beobachtet. In einem Naturreservat in Thailand etwa, schreibt Frans de Waal in seinem Buch Der Mensch, der Bonobo und die Zehn Gebote, zeigte man ihm eine blinde Elefantenkuh, die mit ihrer sehenden Freundin umherzog: „Die beiden nicht verwandten Elefantenkühe klebten wie siamesische Zwillinge aneinander. Das blinde Weibchen war vollkommen auf seine Freundin angewiesen, die das offenbar verstand. Sobald sie sich entfernte, stießen beide tiefe Brummlaute aus oder trompeteten sogar, damit die eine stets wusste, wo die andere gerade war. Die beiden verband eine enge Freundschaft, die der blinden Elefantenkuh ein halbwegs normales Leben ermöglichte.“

Frans de Waal: Das Prinzip Empathie. Hanser 2011

Frans de Waal: Der Mensch, der Bonobo und die Zehn Gebote. Klett-Cotta, Stuttgart 2016 (3. Auflage)

Das Foto zeigt zwei Hände, die tröstend das Gesicht eines Kindes halten
Mitgefühl gehört zur Grundausstattung des Menschen, es lässt sich aber auch lernen und vertiefen

Auf einer Seite lesen
Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2017: Beziehungsfähig!
file_download print

News

Familie
Helikoptereltern schaden der persönlichen Autonomieentwicklung ihrer Kinder.
Leben
Unsere Neugier ist mit unserer Grundstimmung verbunden. Was bedeutet es also, wenn wir einen schlechten Tag haben?
Leben
Wer die erschütternde Episode in seinem Leben als Geschichte der Gesundung »redemption story« erzählen kann, dem geht es nachhaltig besser.