„Die strahlende Oberfläche ist oft nur Fassade“

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen innerer und äußerer Ordnung? Und warum ist, wenn wir aufräumen, noch längst nicht alles im Lot? Ein Gespräch mit der Philosophin Ina Schmidt

„Die strahlende Oberfläche ist oft nur Fassade“

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen innerer und äußerer Ordnung? Und warum ist, wenn wir aufräumen, noch längst nicht alles im Lot? Ein Gespräch mit der Philosophin Ina Schmidt

Frau Schmidt, warum sortiert der eine seine Bücher alphabetisch, der andere nach Themen oder Farben?

Das kann unterschiedliche Gründe haben. Oft folgen wir systematischen Regeln, die uns anerzogen wurden, oder wir haben sie uns irgendwann im Alltag abgeguckt und übernommen. Bestimmte Anordnungen werden nicht groß hinterfragt, und so sortieren wir, einem unsichtbaren Plan folgend, unser Bücherregal ein oder räumen den Badschrank auf. Es sind Gewohnheiten, die uns Orientierung, Struktur und Sicherheit bieten. Wer will schon jedes Mal seine Sachen aufs Neue sortieren und überlegen, wie man dabei am besten vorgehen sollte. Wir wollen nicht jeden Morgen überlegen, wo die Zahnbürste steckt oder der Haustürschlüssel liegt. Allerdings ist es wichtig, dass bestimmte Anordnungen auch immer wieder den eigenen Bedürfnissen und Lebensphasen angepasst werden. Wer das Gefühl hat, wichtige Dinge erst nach langem Suchen zu finden, sollte überlegen, warum das so ist: Vielleicht entsprechen bestimmte Arrangements nicht den eigenen Vorstellungen, vielleicht mangelt es an Selbstbestimmung, und das Feld wird zu sehr anderen überlassen.

Manch einer lagert sein Werkzeug in der Küche, Spielsachen im Wohnzimmer oder positioniert den Laptop auf der Kommode: Was überhaupt ist ordentlich und was nicht?

Für eine gelingende Ordnung ist es wichtig, dass ihr Entscheidungen zugrunde liegen, die nachvollziehbar sind – es gibt also einen Grund, warum ständig das Werkzeug in der Küche und die Spielsachen im Wohnzimmer untergebracht werden. Diesen Gründen oder Bedürfnissen nachzugehen ist wichtig, um Ordnung oder Unordnung besser zu verstehen. Wenn beides zusammenpasst, entsteht eine gewisse Stimmigkeit, die nicht viel mit Maßstäben systematischer Ordnungen zu tun haben muss. Das ist dann vielleicht unaufgeräumt, aber nicht unbedingt unordentlich oder chaotisch. Die merkwürdigsten Systeme können wunderbar funktionieren, wenn sich Menschen darin zurechtfinden und kein Problem damit haben. Mir fällt auf, dass sich Menschen oftmals dafür entschuldigen, irgendetwas sei unordentlich, und anderen fällt das gar nicht auf.

Ist Aufräumen das Gleiche wie Ordnung schaffen?

Wir setzen Aufräumen oft damit gleich. Genau das ist manchmal das Problem: Wir räumen auf, aber in Ordnung ist deshalb noch lange nichts. Manchmal räumen wir das eigentliche Problem gleich mit weg beziehungsweise sorgen dafür, dass es nicht mehr zu sehen ist. Wenn ich also ständig meinen Mitmenschen hinterherräume, zum Beispiel ständig die Geschirrspülmaschine ein- und ausräume, dann ist das Chaos von Tellern und Tassen zwar beseitigt, das eigentliche Problem aber nicht. Oder es gibt Wohnzimmer, die sehen so blitzblank aus, dass es kaum vorstellbar ist, dass darin Menschen leben. Da wird durch das Aufräumen eine strahlende Oberfläche geschaffen, die lediglich eine Fassade ist, vielleicht für eine innere Unordnung. Oftmals verbirgt sich hinter einem sauberen Schein ein schwelender Konflikt – oder gähnende Langeweile.

Ist also Ordnung nicht gleich Ordnung?

Selbstverständlich ist es wichtig, immer wieder Raum zu schaffen und Dingen einen Platz zu geben, damit wir uns orientieren und wohlfühlen können. Doch ein gemütliches Maß an Chaos ist etwas anderes als das Gefühl, den Überblick verloren zu haben und in einem Gerümpelhaufen zu hocken. Umgekehrt gibt es aber auch Phasen, in denen es wichtig ist, nicht aufzuräumen, um bestehende Anordnungen aufrechtzuerhalten. Das klingt vielleicht seltsam, aber es bedeutet, dass gerade in Phasen, in denen es sehr lebendig zugeht, kreativ gearbeitet wird und etwas Neues entsteht, Raum dafür bleiben muss, dass sich Dinge neu strukturieren, sich sozusagen neu zusammenfinden. Da sollten wir nicht versuchen, Neues in alte Muster zu pressen.

Hat Ordnung also viel mehr mit uns selbst zu tun als mit den zu ordnenden Dingen?

Ja. Und es hat viel damit zu tun, wie wir wirklich sind, beziehungsweise gern wären. Ich habe viele Jahre gebraucht, um mir einzugestehen, dass ich kein ordentlicher Mensch bin und dass ich bei aller Begeisterung für wunderschön designte und minimalistisch eingerichtete Räume darin nicht wohnen könnte. Mittlerweile lebe ich mit meiner Familie in einem großen Zusammenspiel von Erinnerungen und Geschichten. Dazu gehören Schuhkartons mit alten Briefen aus meiner Schulzeit, aufbewahrte Kindergartenzeichnungen meiner Kinder bis hin zu Sammlungen von Steinen unserer Urlaubsreisen. Dinge, von denen ich mich nicht trennen kann und will. Dafür wird im Haus immer mal wieder Platz geschaffen.

Manchmal gelingt es leicht, alles neu zu sortieren und auszumisten, dann wieder scheint es unmöglich. Woran liegt das?

Wenn klar ist, welche Ordnung gerade wichtig ist, gelingt das Aufräumen in kürzester Zeit. Wenn nicht, sitze ich stundenlang vor irgendwelchen Kisten und kann mich nicht entscheiden, was ich damit machen soll. Dafür gibt es auch leider kein System und auch keinen Plan – es sei denn, die Notwendigkeit steht an, den Keller auszumisten oder das Kinderzimmer zu streichen. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass wir selbst ein recht gutes Gespür dafür haben, was zu tun oder zu lassen ist, damit sich die Dinge nicht nutzlos ansammeln. Irgendwann kommt der Tag, an dem es plötzlich wichtig ist, die alten Klamotten zu sortieren oder endlich den Schuppen zu entrümpeln. Dieses Gespür ist die beste Leitlinie für das eigene Ordnungsempfinden.

Warum verbreiten Kinder Chaos und haben Freude daran, nichts an seinem Platz zu lassen?

Ich bin gar nicht so sicher, ob Kinder wirklich ihre Freude daraus ziehen, dass nichts an seinem Platz bleibt. Meine Kinder haben sich schon mächtig beschwert, wenn ich die für sie wichtigen Dinge wie Eisstiele oder Eintrittskarten weggeräumt oder gar weggeworfen habe, weil für sie all das genau am richtigen Platz war und nirgendwo anders hingehörte. Ich denke, Kinder haben lediglich ein anderes Empfinden dafür, welche Dinge auf welche Weise bedeutsam sind und wohin sie gehören, und fokussieren sich stärker auf das, was sie gerade interessiert. Wie es um sie herum aussieht, ist dann eben Nebensache. Allerdings ist es auch faszinierend zu sehen, wie inspirierend es für Kinder sein kann, wenn wieder mal ausgemistet und aufgeräumt wird. Dann werden alte Dinge neu entdeckt. Ein ausgewogenes Pendeln zwischen Ordnung und Chaos ist die beste Voraussetzung für Kreativität, bei Kindern wie bei Erwachsenen.

Ist es heutzutage schwerer geworden, Ordnung zu halten?

Früher war es sicher einfacher, eine bestehende Ordnung nicht zu verändern, zu wissen, wo etwas hingehört, und es gab klare Regeln, wie es in Besteckschubladen oder Bücherregalen auszusehen hat. Vieles sollte eben so und nicht anders sein. Das betraf auch die Rituale: Das „gute Kleid“ wurde am Sonntag getragen, das Essservice an Weihnachten benutzt, und Wäsche wusch man nur montags. Dadurch war es leichter, eine bestimmte Abfolge einzuhalten, es ging dabei nicht um die Gestaltung einer eigenen, sondern mehr um das Funktionieren in einer bestehenden Ordnung. So etwas engt aber auch ein und kann beklemmend sein. Besser ist, herausfinden, was für einen selbst zweckmäßig und nützlich ist.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen innerer und äußerer Ordnung?

Ganz sicher, nur ist dieser Zusammenhang nicht so leicht von außen zu deuten. Um einen Zugang dafür zu finden, wie die eigene innere und äußere Ordnung zusammenspielen, ist es hilfreich, sich selbst zu beobachten: Wann räume ich auf? Und warum? Wann fahre ich die Kinder an, dass sie Ordnung in ihre Zimmer bringen sollen, und wann ist es mir egal? Oder welches Bild versuche ich zu erzeugen, wenn ich besonders gründlich putze, bevor die Schwiegereltern kommen? Es hilft, wenn wir unsere Muster erkennen und damit umgehen lernen. Das bedeutet nicht, alles anders zu machen. Im besten Fall werden wir ein bisschen gelassener im Umgang mit den eigenen Schwächen und Zwängen und denen der anderen.

Wie entstehen Momente, in denen wir das gute Gefühl haben, dass alles in Ordnung ist?

Oft ganz unerwartet – aus welchen Gründen auch immer gewinnen wir Abstand von all den Erledigungen und Aufgaben des täglichen Lebens, treten sozusagen einen Schritt zurück und erlauben uns, das zu betrachten, was ist, und denken nicht daran, wie etwas sein sollte. Da kann auch im größten Chaos ein Moment von Übereinstimmung entstehen. Wichtig ist, sich zu fragen, wie sich solche Augenblicke in einen hektischen und komplexen Alltag integrieren lassen. Ich denke, dass oft mehr in Ordnung ist, als wir glauben, unser Blick aber ständig auf das gerichtet ist, was noch nicht oder nicht mehr in Ordnung ist und wir weiter optimieren wollen. Ein Perspektivwechsel ermöglicht, sich eine andere Art von Überblick zu verschaffen.

Wie kann ein solcher Wechsel gelingen?

Die wichtigste Voraussetzung dafür ist, sich Zeit zu nehmen und die eigene Ordnung aufmerksam zu betrachten: Was steht wo und warum? Was umgibt mich, und wie viel Aufmerksamkeit bekommen die Dinge? Aus dieser äußeren und inneren Bestandsaufnahme entstehen Einsichten für das, was neu zu bedenken, anzuordnen oder wegzuwerfen ist. Dann ist es hilfreich, sich nächste Schritte vorzunehmen und gegebenenfalls auch das soziale Umfeld einzubeziehen, denn gemeinsam entstehen manchmal ganz neue Varianten, auf die man selbst gar nicht gekommen wäre.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2017: Schon in Ordnung
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