Das stille Ich

Müssen wir uns abstrampeln, ständig für uns selbst trommeln, um Erfolg zu haben, respektiert und beachtet zu werden? Ganz und gar nicht, wie neue Erkenntnisse der Psychologie zeigen. Es gibt gute Argumente für ein „leiseres“ Auftreten

Das stille Ich

Müssen wir uns abstrampeln, ständig für uns selbst trommeln, um Erfolg zu haben, respektiert und beachtet zu werden? Ganz und gar nicht, wie neue Erkenntnisse der Psychologie zeigen. Es gibt gute Argumente für ein „leiseres“ Auftreten

Mal ehrlich: Wie oft gehen Sie in Konkurrenz zu anderen? Wie oft sind Ihre Entscheidungen vom Wunsch getrieben, mithalten zu können, andere zu übertreffen, gut dazustehen, sich nicht unterbuttern zu lassen? Wie sehr streben Sie danach, Aufmerksamkeit, Beachtung und Lob zu bekommen? Wie häufig sind Sie ein schlechter Verlierer, fühlen sich übergangen oder unter Wert beurteilt? Wie oft vergleichen Sie sich mit anderen, prüfen, ob Sie sich auch gut verkaufen und nicht den Kürzeren ziehen?

Wenn Sie sich jetzt ertappt fühlen – das alles ist kein Grund zur Selbstanklage. So wie Ihnen geht es mehr oder minder uns allen. Unser Ego steht unter Dauerstress, es sieht sich ständig herausgefordert und glaubt, sich vordrängen und ständig auf sich aufmerksam machen zu müssen. Selbstbehauptung und Eindruckschinden sind bis zu einem gewissen Grad Teil unserer Natur – ein gesundes Maß an Egoismus ist ein wichtiger Teil unseres biologischen Programms. Aber etwas ist aus dem Ruder gelaufen.

Das allzu selbstbewusste, laute Ich wird in einer individualistischen Kultur wie unserer idealisiert, romantisiert und überhöht: Der Duft von Freiheit und Abenteuer umgibt es, der Mythos des Einzelgängers. Die Werbung kitzelt dieses Ich immer wieder – „Du hast es dir verdient!“, „Mach dein Ding“ oder „Weil Sie es sich wert sind!“. Doch ein überaktives, aufgeblähtes Ich ist gefährlich. Es verhält sich wie freie Radikale im Körper eines Menschen. Freie Radikale sind aggressive Moleküle. Sie werden unter anderem vom Immunsystem produziert, um Viren und Bakterien zu bekämpfen. Aber wenn sie überhandnehmen, wenn sie in zu hohem Maße eingreifen, attackieren sie auch gesundes Gewebe und intakte Zellen und verursachen schließlich vorzeitiges Altern, Krebserkrankungen und vieles andere. Stärken werden zu Risiken. Ein zu aufgeblähtes Ego kann – wie die freien Radikalen – ziemliche Schäden anrichten, was die Zusammenarbeit mit anderen, unsere sozialen Beziehungen und auch unser Wohlbefinden angeht. Die Haltung „Ich bin besser als …“ ist der Feind unserer Lebenszufriedenheit.

Egonomics – die richtige Lautstärke für das Ich finden

Selbstüberschätzung und der Glaube an die eigene Besonderheit sind nicht von vornherein ein schädliches Projekt. Die Sozialpsychologin Shelley Taylor hat in vielen Untersuchungen gezeigt, dass wir positive Illusionen über uns selbst brauchen und dass es durchaus sinnvoll sein kann, sich hin und wieder zu überschätzen. Es sei geradezu ein Zeichen von geistiger Gesundheit, wenn man sich – zumindest im Hinblick auf einige Fähigkeiten oder Eigenschaften – größer macht, als es der Realität entspricht: Wenn man sich also für tatkräftiger, intelligenter, mutiger, geschickter, belesener oder schöner hält, als man in Wirklichkeit ist.

Die entscheidende Frage jedoch ist, wann Selbstüberschätzung hilfreich im Sinne von Selbstmotivation oder Lebensmut sein kann und wann sie eher schadet. Und es kommt sehr darauf an, welche Aspekte des Ich wir mit der rosaroten Brille betrachten: Sind das eher intrapsychische Aspekte – Eigenschaften also, die wir aufblähen, um uns mit uns selbst gut fühlen zu können, mit uns selbst im Reinen zu sein? Selbstüberschätzung ist beispielsweise dann potenziell hilfreich, wenn wir uns für ein Projekt motivieren und Leistungen erbringen wollen. In den meisten sozialen Situationen dagegen erweist sich ein zu aufgeblähtes Ego als eher ungünstig.

Wie wichtig die Balance zwischen Selbsterhöhung und Sichzurücknehmen ist, zeigen die Organisationspsychologen und Unternehmensberater David Marcum und Steven Smith am Beispiel des Arbeitslebens. Sie bezeichnen die Kunst, das Ich in der angemessenen Intensität, in der richtigen Lautstärke agieren zu lassen, als Egonomics. In ihrem gleichnamigen Buch erklären sie diese „Egonomie“ so: Es geht darum, die eigenen Wünsche und Ideen einzubringen, aber auch so zu zügeln, dass sie weder für den „Egonomen“ selbst noch für andere – den Partner, die Gruppe oder die Firma, für die er arbeitet – nachteilig wirken.

Marcum und Smith benennen vier problematische und über kurz oder lang auch destruktive Praktiken eines aufgedrehten, lauten Ego:

1. Das laute Ich vergleicht sich ständig

Ehrgeiz ist – in Maßen – eine Tugend. Sie macht uns jedoch ironischerweise weniger wettbewerbsfähig, wenn sie aus dem Ruder läuft. Wer ständig „besser als andere“ sein will und sich permanent an ihnen misst, verliert die Möglichkeit aus dem Auge, etwas Eigenes, etwas Neues und Einzigartiges zu erreichen. Die Ich-Strategien „So gut wie“ oder „Besser als“ sind nur dazu geeignet, das Übliche, bereits Vorhandene zu steigern, sich in einem Überbietungswettkampf zu verheddern. Am Arbeitsplatz macht unablässiges Vergleichen aus Kollegen Konkurrenten, und Konkurrenten sind keine guten Mitarbeiter. Sie verlieren das große Ganze aus dem Auge. Es entsteht so etwas wie ein selbstverordneter Druck, seine Ideen deutlich abzugrenzen, sich ganz auf die eigenen Arbeitsergebnisse zu konzentrieren und sie optimal „zu verkaufen“.

2. Das laute Ich ist immer in Verteidigungshaltung

Das „laute Ich“ wirkt fast immer aggressiv. Reflexartig verteidigt es die eigene Arbeit und eigene Ideen. Es wirft Macht und Status oder vergangene Verdienste in die Waagschale, um einen Ego-Sieg zu erringen. Das laute Ich reagiert so, als ob es um uns als Person ginge – und nicht um die Sache. Das Ich gräbt sich ein, Feedback kommt nicht mehr an. Und statt Optionen gibt es Ultimaten oder passiv-aggressives Verhalten („Dann macht’s doch ohne mich“!).

Es ist ein großer Unterschied, ob man eine Meinung, eine Idee oder ein Projekt erläutert, auch begründet oder rechtfertigt, oder ob man es mit Zähnen und Klauen verteidigt. Egomanen mögen keine Kritik. „Egonomisch“ denkende Menschen hingegen suchen die offene Debatte, um die bessere Idee zu finden. Ihr Ziel ist das gute Ergebnis, der Erfolg des Ganzen.

3. Das laute Ich buhlt ständig um Aufmerksamkeit

Natürlich soll niemand sein Licht unter den Scheffel stellen. Anerkennung ist wichtig, und Stolz auf eine gute Leistung, eine gute Idee ist berechtigt. Aber wenn es nur noch darum geht, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, wenn Zeit und Energie darauf verschwendet werden, die eigene Leistung, die eigene Brillanz zu inszenieren, wird individuelles Glänzenwollen häufig zum Killer für kollektive Intelligenz. Und vollends ineffektiv wird es, wenn mehrere Schauläufer aufeinandertreffen und in eine Überbietungsspirale geraten.

4. Das laute Ich will akzeptiert werden

Jeder von uns hat das elementare Bedürfnis nach Anerkennung und Akzeptanz, will respektiert und geachtet werden. Aber das bedeutet nicht, dass jede Idee, jede Entscheidung und Handlung von anderen akzeptiert werden muss. Wenn man zu sehr auf das „Echo“ fokussiert ist, verwechselt man Akzeptanz als Person mit der Akzeptanz der eigenen Idee. Und läuft Gefahr, um des Beifalls oder der Zustimmung willen das zu wiederholen oder zu bekräftigen, was andere schon gesagt haben. Man will es allen recht machen, weil man geliebt werden will. Das Ich sucht den Applaus der Gruppe, sucht die Harmonie mit anderen, und manchmal will es sich diese Akzeptanz durch Anpassung erschleichen. Diese Form der ­ich-fixierten Strategie wird oft nicht als Warnzeichen erkannt, weil sie auf den ersten Blick nicht egoistisch erscheint. Es sieht ja so aus, als ob das Ich sich selbst verleugnet, wenn es plötzlich konformistisch agiert. Aber diese Anpassung ist nur taktisch, instrumentell – auch der nette Kollege oder der geschmeidig zustimmende Vorgesetzte haben ihre Ich-Agenda, selbst wenn sie mal mit dem Strom zu schwimmen scheinen.

Zurückhaltung: Das Ich auf Zimmerlautstärke

Eine neue Bewegung innerhalb der Psychologie hat sich die Erforschung und Förderung des quiet ego, des „stillen Ich“ auf die Fahne geschrieben. Ihre gute Botschaft lautet: Um Erfolg zu haben, um respektiert und beachtet zu werden, müssen wir uns gar nicht so sehr abstrampeln. Wir gehen keineswegs unter, wenn wir nicht ständig im Vordergrund stehen. Im Gegenteil: Es tut uns gut, wenn wir zur Ruhe kommen und von uns selbst absehen können.

Mit einem zurückhaltenden Ego lebt es sich gesünder und gelassener, behaupten Jack Bauer und Heidi Wayment. „Das stille Ich hat das Bedürfnis, den Egoismus-Lautsprecher herunterzudrehen, und zwar auf persönlicher wie auf kultureller und sozialer Ebene.“ Das Leisesein halten die Psychologen für ein attraktives und vernünftiges Ziel, wenn man sich die Folgekosten der ständigen Lautsprecherei vor Augen führt, als da sind: Erschöpfung, Stress, Entfremdung, Burnout, Selbstisolation und Überforderung.

Den Befürwortern des stillen Ich geht es nicht darum, dass man sein Ego völlig verleugnet. Sie erkennen durchaus die Notwendigkeit der Selbstbehauptung und des gesunden Selbstbewusstseins. Das stille Ich bedeutet, einen Modus vivendi zu finden, eine Identität, die nicht exzessiv selbstbezogen ist, aber auch nicht ausschließlich aus Altruismus und Selbstaufgabe besteht. Anders ausgedrückt: Es geht um eine Identität, die andere einschließt, ohne sich selbst dabei zu verlieren.

Das Hauptmerkmal des stillen Ich ist Zurückhaltung, manche Autoren sprechen auch von Bescheidenheit. Diese Eigenschaft wird sehr oft mit einem geringen Selbstwertgefühl in Verbindung gebracht. Sie gilt als Haltung von „Minderleistern“ oder Losern oder als zweifelhaftes Privileg von introvertierten Menschen. Dieses Missverständnis beruht oft auf dem ersten Eindruck, den zurückhaltende Menschen in einer Welt der lauten Selbstdarsteller und Wichtigtuer machen. Sie scheinen oftmals als zu schüchtern und zu bescheiden ins Hintertreffen zu geraten. Doch dieses Vorurteil verkennt, dass Zurückhaltung auf einer starken kognitiven Komponente gründet: Sie beruht auf sehr genauer Einschätzung der eigenen Fähigkeiten, aber auch der eigenen Grenzen und Schwächen. Bescheidene Menschen kennen ihre Wissenslücken, ihre Fehlbarkeit – und genau das macht sie stärker, denn sie müssen nicht ständig mit großem Aufwand ihre Schwächen kaschieren und ihre Stärken herausstellen. Und sie neigen nicht zur Selbstüberschätzung und gehen deshalb realistischer (und letztlich erfolgreicher) an ihre Aufgaben und Projekte.

Menschen mit einem stillen Ich sind auch eher in der Lage, Widersprüche ertragen und andere Meinungen oder Ideen gelassen zur Kenntnis zu nehmen. Sie geben nicht dem Impuls nach, vorschnell zu urteilen oder andere Menschen abzuwerten, um selbst besser dazustehen. Die Psychologen Julie J. Exline und W. Keith Campbell definieren Zurückhaltung als die „Bereitschaft, das eigene Ich mit seinen Stärken und Schwächen zu sehen, ohne dabei sofort defensiv zu werden“. Kluge Zurückhaltung in all ihren Facetten – als ruhige Selbsteinschätzung, als Bescheidenheit, manchmal auch als Demut angesichts des Unvermeidlichen – ist die zentrale Eigenschaft des neuen Psychologieideals des stillen Ich.

Zurückhaltung lernen, gelassener werden

Stille Menschen legen sich ihre Zurückhaltung selbst häufig als Minuspunkt aus. Die Psychologie vom ­stillen Ich rehabilitiert nun diese Eigenschaft und macht es auch für eher extravertierte Menschen erstrebenswert, sich diese anzueignen. Folgende Merkmale zeichnen zurückhaltende Menschen aus:

Nichtdefensive Achtsamkeit

Diese Haltung öffnet den klaren Blick auf positive und negative Aspekte einer Situation oder eines Menschen oder der eigenen Befindlichkeit. Der nicht-defensive Blick fokussiert die Gegenwart, er ist abgekoppelt von egoistischen oder ichbezogenen Einschätzungen und verzichtet auf solche Spontanfragen wie „Was bedeutet das jetzt für mich?“ „Was habe ich davon?“. Die achtsame Betrachtungsweise einer Situation bedeutet auch, sich nicht völlig auf die eigenen Gefühle zu konzentrieren („Was macht das mit mir?“). Nichtdefensive Achtsamkeit heißt, ein bestimmtes Maß an Offenheit aufbringen zu können, die Bereitschaft, auch unerwartete oder unbequeme Aspekte zu erkennen. Dies entspricht in etwa jener philosophischen Haltung, die im klassischen Stoizismus gelehrt wurde – die von Gefühlen, Vorurteilen, Selbstaspekten distanzierte kühle Betrachtungsweise der Gegenwart.

Bezogenheit auf andere

Das stille Ich behält die wechselseitigen Beziehungen zwischen sich selbst und den anderen im Blick, es ist bereit und fähig, zumindest probeweise die Perspektiven anderer zu übernehmen, sich einfühlen zu können. Dies ist keineswegs ein Einfallstor für Konformität, Anpassung oder konfliktvermeidende Nettigkeit. Es geht dabei um den Blick auf größere Zusammenhänge, auf verborgene Bezüge und Motive, etwa in einer Streitsituation. Diese Haltung erleichtert das „mentale Abstandhalten“. Und das heißt vor allem, die eigenen Sichtweisen, Ziele, Ideale und Erwartungen genauso distanziert und nüchtern zu betrachten wie die der anderen. Dieses Bewusstsein für Interdependenz ermöglicht besseres Verstehen von sich selbst und anderen.

Nicht vorschnell urteilen

Zurückhaltung besteht auch darin, die eigene Meinung über das vermeintlich Richtige nicht sofort zu äußern. Dies ist – auch wenn das immer wieder missverstanden wird – keineswegs eine Form von Selbstaufgabe oder widerwilliger Duldsamkeit, es ist eine recht pragmatische Tugend. Es geht darum, „konstruktive Differenzen“ auszuhalten, sich zumindest für eine Zeit die Alternative zum Ich, nämlich das Wir vorstellen zu können und auch letztlich eine mittlere Lage zwischen Wir und Ich zu finden, eine Balance. Es geht also nicht darum, geringer von sich zu denken, sondern weniger an sich zu denken. Vor allem dann, wenn es um größere Ziele geht, die man allein keinesfalls erreichen könnte. In der Politik wird dieses Prinzip oft als leading from behind, also Führung aus dem Hintergrund bezeichnet. Der Führer stellt sich nicht in Pose, er kommandiert nicht, ordnet nicht an, ­zelebriert nicht seinen Status – er gibt kleine Anstöße, bleibt hinter den Kulissen, versucht in Vier-Augen-Gesprächen und mit anderen Mitteln subtiler Diplomatie zu lenken.

Neugierig sein

Neugier – die Grundlage jeder Entdeckung, jeglichen Versuchens – kann sich am besten entfalten, wenn das Ich still wird. Erst dann ist die unvoreingenommene Prüfung neuer, fremder Ideen möglich. Der Neugierige favorisiert Fragen statt eigene Antworten, und er kann es relativ lange aushalten, seine eigenen Ansichten zurückzustellen, bevor er sie mitteilt. Neugier ist ein angeborener Impuls des Menschen, der allerdings dann verlorengeht, wenn man sie entweder nicht entfalten darf und unter starker Kontrolle und Gängelung steht oder wenn man – unter dem Einfluss des lauten Ich – glaubt, bereits alles zu wissen und zu kennen. Die Erlaubnis zur Neugier ist die Voraussetzung der Kreativität, wie ein Experiment zeigte: Die ausdrückliche Einladung, neugierig zu sein und Dinge auszuprobieren, hat Versuchspersonen, denen man diese „Erlaubnis“ erteilte, bei der Suche nach kreativen Lösungen wesentlich produktiver und einfallsreicher gemacht als Versuchspersonen, denen man diese Einladung nicht aussprach und die lediglich auf Problemlösung verpflichtet wurden. Manchmal genügt es bereits, in anderen oder in uns selbst die Erinnerung daran zu wecken, dass wir eigentlich neugierig sind oder waren.

Ehrlichkeit

Damit ist mehr als Wahrheit oder Faktentreue gemeint, also die Anerkennung der Realität. Die ist auch wichtig, jedoch meint Ehrlichkeit die Suche nach Wahrheit, eine Haltung, die auch unangenehme Wahrheiten ertragen lernt und selbst nach Fakten sucht, die nicht „ins Konzept passen“. Das Ich, das sich vergrößert und behauptet, kann die ganze Wahrheit nicht immer ertragen. Es zu überlisten und aktiv selbst nach Schwächen oder Schattenseiten der eigenen Position, der eigenen Meinung zu suchen, bedeutet letztlich, eine bessere Entscheidungsbasis zu gewinnen, realitätstüchtiger zu agieren, Ich-Fallen zu vermeiden. Das kann unbequem sein. Denn wir müssen heraus aus der Komfortzone liebgewonnener Meinungen oder geschönter Bilanzen. Ehrlichkeit ist nicht immer durchzuhalten, aber es gehört zur Ego-Balance, zumindest immer wieder nach ihr zu streben.

Literatur

  • Heidi A. Wayment, Jack J. Bauer (Hg.): Transcending self-interest. Psychological explorations of the quiet ego. American Psychological Association, Washington D. . 2008
  • Heidi A. Wayment u.a.: The quiet ego scale: Measuring the compassionate self-identity. Journal of Happines Studies, 4, 8/2015, 999–1033
  • Scott Barry Kaufman: The surprising benefits of having a quiet ego. Quiet Revolution, New York 2015
  • David Marcum, Steven Smith: Egonomics. What makes ego our greatest asset (or most expensive liability). Simon & Schuster, London 2008

Die hohen Kosten des lauten Ich

Ein zu starkes Ego kann zur Gefahr werden – und zwar vor allem in einem für unsere Gesellschaft zentralen Bereich: Wirtschaft und Arbeitsleben

Experten veranschlagen die Kosten der Ich-Sucht auf sechs bis 15 Prozent des jährlichen Bruttoeinkommens einer Volkswirtschaft. Das laute Ich vernichtet einen großen Teil der Wirtschaftsleistung. Die Psychologen Roy Baumeister und Liu Zhang konnten zeigen, dass sich egozentrische Akteure in Geldangelegenheiten deutlich riskanter verhalten (und viel Geld dabei verlieren) als Akteure, deren Ego-Lautstärke gedämpft ist. Baumeister und Zhang schließen: Je stärker das Ich in den Fokus gerät, je mehr Menschen glauben, sich und ihre Fähigkeiten beweisen zu müssen, desto eher werfen sie gutes Geld schlechtem hinterher.

Ähnliche Befunde fanden sich, als Forscher die Einstellungspraktiken und Personalentscheidungen von Managern oder Personalchefs analysierten. Stark ichzentrierte Manager hielten an ungeeigneten Bewerbern erstaunlich lange fest, und zwar aus einem einzigen Grund: weil sie sie selbst ausgewählt hatten.

Diese Neigung, an eigenen (aber unklugen) Investitionen festzuhalten oder unprofitable Projekte zu verteidigen, ist weit verbreitet. Fundierte Schätzungen amerikanischer Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass etwa ein Drittel aller Geschäftsentscheidungen „ego-getrieben“ ist und dass zwei Drittel aller Führungskräfte eine einmal getroffene Entscheidung nicht mehr zurücknehmen wollen und für „alternativlos“ halten.

Dieses Vorgehen entspringt dem Bedürfnis, das aufgepumpte Ich zu verteidigen – gegen den Verdacht, vielleicht doch nicht so toll, so raffiniert, so weise zu sein, wie sein Träger glaubt. Das laute Ich ist ­also beides zugleich: arrogant und defensiv. Es läuft Gefahr, uninformierte, irrationale Entscheidungen nicht nur zu treffen, sondern auch durchzufechten, „koste es, was es wolle“. Zum Schaden nicht nur der Firma, der Kollegen, sondern auch der eigenen Person.

Das stille Ich: ein Ergebnis von Reife?

Je älter wir werden, desto besser können wir auf ein aufgeblähtes Ego verzichten. Zu diesem Schluss kam die amerikanische Psychologin Jane Loevinger in ihrer neunstufigen Theorie der Ich-Entwicklung

1 Präsoziale Stufe

Als Neugeborene können wir noch nicht zwischen uns und der Welt „draußen“ unterscheiden. Wir sind komplett egozentrisch und auf unmittelbare Befriedigung unserer körperlichen Bedürfnisse fokussiert.

Impulsive Stufe

Die Weltsicht des Kleinkinds ist egozentrisch. Es lebt ganz in der Gegenwart – und es ist impulsiv bis aggressiv, um seinen Willen zu bekommen. Dem setzt die Umwelt Grenzen – und ist deshalb „böse“. Überhaupt teilt sich die Welt in „lieb zu mir“ und „gemein zu mir“. Andere sind Mittel zum Zweck.

3 Opportunistische Stufe

Das Kind lernt allmählich, dass es manche Impulse kontrollieren muss und dass nicht alles nach seinem Kopf geht. Seine beginnende Selbstdisziplin und seine Moral sind aber noch rein opportunistisch: „Schlimm ist nur, wenn ich erwischt werde. Wenn ich ,brav‘ bin, werde ich belohnt.“

4 Konformistische Stufe

Nach der Einschulung wird das Einordnen in die Gruppe der Gleichaltrigen wichtig: Zugehörigkeit und Akzeptanz oder Ausgeschlossensein sind wichtige Themen. Beides entscheidet sich unter anderem über die Anpassung an verbindliche Normen und Regeln, aber auch über Gefühle von „wir“ und „die“. Konflikte mit der eigenen Gruppe werden tunlichst vermieden.

5 Rationalistische Stufe

Loevinger verortet in dieser Stufe die ersten ernsthaften Ansätze zu Selbstkritik, neben einem wachsenden Interesse an tieferen Beziehungen zu anderen Menschen. Noch immer ist der konformistische Impuls stark, er wird aber ausbalanciert durch ein „erweitertes Selbstbewusstsein“. Die meisten Menschen, so Loevinger, erreichen diese Stufe frühestens mit 25 Jahren. Und nicht wenige verharren zeitlebens darauf.

6 Selbstbewusste Stufe

In dem Maße, wie das Innenleben reicher und differenzierter wird, bildet sich eine Identität heraus, die auf eigenen Werten und Vorstellungen basiert. Die Werte und Normen der Gesellschaft sind nun vollständig internalisiert – aber ein Bewusstsein für Ausnahmen und für die Kontingenz des Lebens entsteht. Die Fähigkeit zur Respektierung anderer Ansichten und zur Verantwortungsübernahme sind nun Ausdruck eines komplexeren Selbst- und Weltbildes.

7 Individualistische Stufe

Die Toleranz für eigene innere Widersprüche – und für die anderer Menschen – wächst. Die bisherige normenbasierte und noch rigide Moralität wird durch eine individuellere, flexiblere und reflexivere Abwägung der Umstände und Besonderheiten abgelöst Gleichzeitig ist das Bewusstsein für die vielen wechselseitigen emotionalen Abhängigkeiten geschärft, die unser Leben prägen.

8 Autonome Stufe

In diesem Stadium der Ich-Entwicklung können wir die Widersprüche und Ambivalenzen des Lebens ertragen und in unser Welt- und Selbstbild integrieren. Damit wächst auch die Selbstakzeptanz, das Wissen um eigene Grenzen und Schwächen. Statt „Leistung“ und „Selbstbeweis“ treten nun Werte wie Erfüllung, Aussöhnung, Gelassenheit in den Vordergrund. Wir sind nun fähig, innere Konflikte zu ertragen und eigene Bedürfnisse und Pflichten gegenüber anderen gut auszutarieren.

Integrierte Stufe

Als Summe der vorangegangenen Stufen entsteht das, was üblicherweise als Weisheit bezeichnet wird: Das „integrierte Ich“ kann das Unvermeidliche akzeptieren und bleibt dennoch motiviert, nach Vollendung zu streben: Individualität und Selbstentfaltung sind nicht Selbstzweck oder Ziel eines lebenslangen Egotrips, sondern das Ergebnis praktizierter Selbsteinsicht und Empathie– das integrierte Ich kann sich in andere (und sich selbst) einfühlen.

Diese Ich-Entwicklung beschreibt nichts anderes als das allmähliche Beruhigen und Stillerwerden des „lauten Ichs“. Wir werden nicht „leise“ geboren, Selbstbehauptung und Egozentrik sind wichtige Merkmale der allmählichen Persönlichkeitsentwicklung. Aber der lange Weg von egozentrischen zu ausbalancierten Haltungen und Gewohnheiten scheint über weite Strecken deckungsgleich zu sein mit der „Normalbiografie“ des Menschen.

Literatur

  • Jane Loevinger: Ego development. Conceptions and theories. Jossey-Bass, San Francisco 1976

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2016: Das stille Ich
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