Flugangst hält uns in der Luft

Kolumne: Die Schriftstellerin Mariana Leky schreibt darüber, was die Menschen, die sie umgeben, bewegt; dieses Mal über Flug- und andere Ängste.

Angst ist eine Superkraft, sagte ein Nachbarjunge zu Psychologie Heute-Kolumnistin Mariana Leky. © Elke Ehninger

Flugangst hält einen in der Luft

Es ist Montagnachmittag, ich sollte am Schreibtisch sitzen oder den Schreibtisch zumindest umkreisen. Stattdessen stehe ich auf einer vom Regen aufgeweichten Wiese und umkreise einen Baum, in Gesellschaft eines Zwergpinschermischlings namens ­Elise. Elise gehört meinem Nachbarn Herrn Pohl, der heute zu unglücklich ist, um Elise auszuführen.

Elise zittert. Das tut sie unentwegt, zu jeder Jahreszeit, ich vermute, dass sich das für kurzhaarige Zwergpinschermischlinge so gehört. Wir stehen seit geraumer Zeit hier im Matsch, und ich überlege, wie Herrn Pohl zu helfen wäre. Ich möchte Herrn Pohl unbedingt helfen – auch weil er einer der hilfsbereitesten Menschen ist, die ich kenne. Als gestern ein Kind mit seinem quietschenden Dreirad gefühlte tausend Mal die Straße auf und ab fuhr und schließlich die Nachbarin im ersten Stock das Fenster öffnete und herunterschimpfte, dass sie verdammt noch mal ihren Mittagsschlaf bräuchte, kam Herr Pohl mit einem Fläschchen Öl heruntergeeilt und sorgte dafür, dass das Kind lautlos weiterfahren konnte. Und als mir neulich abends Druckerpapier fehlte, rief ich bei Herrn Pohl an, entschuldigte mich für die späte Störung und fragte, ob er mir mit ein paar Blatt aushelfen könnte. „Ich bin sofort da“, sagte er, lief mit wehendem Bademantel über dem Schlafanzug zu mir herunter und überreichte mir einen kompletten Fünfhunderterpack Papier. „Sagen Sie gerne Bescheid, wenn Sie noch mehr benötigen“, sagte er.

Angst ist eine Superkraft

Jetzt braucht Herr Pohl Hilfe, und ich zerbreche mir den Kopf, als plötzlich zwei Jungs im Grundschulalter über die Wiese laufen. Der eine trägt eine Pudelmütze, deren Ränder er sich hinter die Ohren geklemmt hat, was ziemlich lustig aussieht. Die beiden haben Leuchtschwerter dabei, die auf Knopfdruck röhren und blinken können, und unterhalten sich über Superkräfte. Der eine Junge deutet mit seinem Leuchtschwert auf den neben mir bebenden kleinen Hund und fragt, nicht ohne Hohn: „Was ist denn seine Superkraft?“

Ich schaue mitleidig auf Elise und überlege, wie wir würdevoll aus dieser Frage herauskommen, als der Junge mit der Pudelmütze sagt: „Seine Superkraft ist Angst. Wenn der zittert, bebt die ganze Welt.“

Quittengelee und Hutablagen

Mir leuchtet jede absonderliche Angst ein. Wenn man mir ein paar Minuten Zeit gibt, könnte ich umstandslos auch eine Angst vor Quittengelee oder Hutablagen nachvollziehen. Herr Pohl weiß das, und trotzdem hat es einige Zeit gebraucht, bis er den Mut fand, mir von seiner Angst zu erzählen. Er stand vor meiner Tür und druckste so ausgiebig herum, dass ich schon fürchtete, er werde mir gleich seine Liebe oder einen Banküberfall gestehen. Es war dann aber Platzangst. Herr Pohl fürchtet sich vor Aufzügen, vor öffentlichen Verkehrsmitteln und anderen Gehäusen, die man nicht sofort verlassen kann. Herr Pohl hat sehr viel unternommen, um seine Angst loszuwerden: Er hat sich hintereinander mit drei Verhaltenstherapeuten bewaffnet, mit Meditationskissen, mit progressiver Muskelentspannung, mit Tabletten, die die Angst stilllegen, aber leider auch alles andere, mit knallharter Konfrontation und mit positiven Affirmationen. „Ich werde es einfach nicht los“, sagte Herr Pohl leise und immer wieder, „ich werde es einfach nicht los“, und selten habe ich jemanden so traurig in unserem Hausflur stehen sehen, so müde und innerlich zerzaust.

Warum gilt Fliegen als etwas ganz Gewöhnliches?

Die Jungs auf der Wiese versuchen, ­Elise in einen Leuchtschwertkampf zu verwickeln, aber Elise kann nicht, sie muss sich ganz auf ihre Superkraft konzentrieren, von der weder sie noch ich bislang wussten, dass es eine ist, und ich denke an meine eigenen Ängste. Eine davon ist die vor dem Fliegen. Ich halte Fliegen für vollkommen abwegig. Immer, wenn es gar nicht anders geht und ich in die Luft muss, weil die Deutsche Bahn keine Verbindung nach beispielsweise Alabama anbietet, würde ich mich am liebsten den ganzen Flug über panisch an die Beine der Flugbegleiterin klammern. Es ist mir schleierhaft, warum alle Mitpassagiere so aussehen, als sei Fliegen etwas ganz Gewöhnliches, und ich frage mich jedes Mal, ob sie vielleicht allesamt unter schweren Medikamenten stehen oder mit dem Leben abgeschlossen haben.

Ich frage den Jungen, der von der Angst als Superkraft sprach, ob er glaube, dass das auch für Flugangst gelte. „Klar“, sagt er, „die Flugangst der Passagiere hält das Flugzeug in der Luft.“

Wie schön, denke ich, dass hier auf dieser matschigen Wiese mal jemand so anerkennend über Ängste spricht. Das tut ihnen sicher gut. Immerhin kann es ja sein, dass Angst eine Art Hilfskraft ist. Die ungeschlachte Superhilfskraft irgendeiner verzagten Sehnsucht vielleicht, die mit dem Charme eines Inkassounternehmens versucht, die Belange dieser Sehnsucht durchzuboxen.

Die eine ratlos, die andere bebend

Ich überlege, was die Sehnsucht von Herrn Pohl sein könnte. Ich kenne ihn nicht besonders gut, ich mag ihn nur sehr gern. Vielleicht mangelt es Herrn Pohl schlicht an Platz. Vielleicht keilt Herrn Pohl irgendetwas ein, vielleicht demonstriert Herrn Pohls Angst für, wie es in der Fahrschule heißt, etwas mehr Manövrierfähigkeit.

Auf der Wiese wird es dunkler und ungemütlicher, als es sowieso schon ist. Die Jungs schultern ihre Ranzen und verabschieden sich.

Ich sehe Herrn Pohl vor mir, wie er in seiner Wohnung sitzt und auf Elise wartet. Ich kenne Herrn Pohls Wohnung nicht, vielleicht ist er umgeben von sehr viel leerem Papier. Vielleicht sitzt er an seinem Küchentisch, den Kopf in die Hände gestützt, beladen mit seiner blinkenden, röhrenden, vermaledeiten Superkraft, vielleicht bebt zu Herrn Pohls Füßen gerade die Welt, und er weiß nicht ein noch aus.

Elise und ich, wir stehen da, die eine ratlos, die andere bebend, und schauen dem Blinken der Leuchtschwerter beim Verschwinden zu. 

Schriftstellerin Mariana Leky ist mit ihrem Roman Was man von hier aus sehen kann seit vielen Wochen in den Bestsellerlisten. Mit psychologischen ­Themen kennt sich Leky aus: In ihrer Familie sind zehn ­Psychoanalytiker

Illustration zeigt Frau mit fliegendem Hund an der Leine, der von Luftballons gehalten wird
Frau hält fliegenden Hund an der Leine, der von Luftballons gehalten wird

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 7/2018: Kann ich mich ändern?
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